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Gabriela Adameşteanus Romane : „Je länger man in Rumänien bleibt, desto fremder wird einem das Land“

Bukarest im August 1916: Gerade ist nach jahrelangem Lavieren und innenpolitischem Streit der rumänische Kriegseintritt auf Seiten der Alliierten erfolgt. Bald bekommt auch dieses Land sein Trauma. Bild: INTERFOTO

Sie hat den schärfsten Blick auf ihre Heimat: Gabriela Adameşteanu kehrt mit gleich zwei Romanen auf den deutschen Buchmarkt zurück. Erzählgeschick und Stilgefühl machen beide zu Meisterwerken.

          Professor Mironescu hat eine gewagte Bemerkung gemacht: „Wir wissen alle, dass die öffentliche rumänische Meinung in den Händen eines autoritären Politikers leider sehr schlecht aufgehoben wäre... Und auch den Grund kennen wir sehr gut: Unsere Bevölkerung ist in einem wirklich beunruhigenden Maße ungeübt in Demokratie, und eine Tradition entsteht nicht in ein, zwei Generationen.“ Als sein künftiger Schwiegersohn nachfragt, relativiert der Gelehrte rasch: „Ich habe, glaube mir bitte, keinerlei Anspielung auf die Gegenwart gemacht, und ich habe auch nicht für die nächsten fünfzig Jahre geweissagt... Ich habe theoretisch gesprochen, in abstracto.“ So musste man nicht nur sprechen, so musste man auch schreiben im Rumänien der Ceauşescu-Ära. Und auf dem Höhepunkt dieser Ära, im Jahr 1983, ist der Roman erschienen, dem der zitierte Dialog entstammt: „Verlorener Morgen“ von Gabriela Adameşteanu.

          Andreas Platthaus

          Verantwortlicher Redakteur für Literatur und literarisches Leben.

          Bis jetzt war es für deutschsprachige Leser ein verlorenes, weil unübersetztes Buch. Dabei ist es ein wichtiges Werk des zwanzigsten Jahrhunderts und übers zwanzigste Jahrhundert. Dass es nun bei der Anderen Bibliothek erscheint, verdankt sich dem Buchmessenauftritt Rumäniens vom vergangenen Frühjahr in Leipzig, zu dem es aber noch nicht fertig übersetzt war. Aber weil der Roman schon 35 Jahre darauf hatte warten müssen, machten die paar Monate auch nichts mehr aus. Auf große Literatur wartet man ja immer lange.

          „Verlorener Morgen“

          Aber wie konnte „Verlorener Morgen“ große Literatur werden, wenn rumänische Autoren in der Ceauşescu-Ära doch in abstracto schreiben mussten? Erst einmal ist daran noch nichts Schlechtes, wie etliche unter politisch dubiosen Verhältnissen entstandene und erschienene große Werke belegen, etwa Leonid Dobyčins „Die Stadt N.“, Ernst Jüngers „Marmorklippen“, Christa Wolfs „Kassandra“ oder Luis-Martín Santos’ „Schweigen über Madrid“. Aber ganz besonders groß darf man es nennen, wenn auf die Abstrahierung verzichtet wird. Pasternaks „Doktor Schiwago“ war so ein Buch, das allerdings in der Sowjetunon auch nicht veröffentlicht werden konnte. Oder Becketts „Watt“, das er im südfranzösischen Untergrund während des Zweiten Weltkriegs schrieb, für die Schublade. Adameşteanus „Verlorener Morgen“ ist das rare Beispiel für einen konkret systemkritischen Roman in einer Diktatur, der dort trotzdem publiziert wurde.

          Die ganze Handlung spielt auf zwei zeitlichen Ebenen

          Wie konkret? Nehmen wir nur die Eingangspassage: Sie spielt 1914; die Menschen in der noch jungen rumänischen Monarchie mit ihrem aus deutschem Fürstenhause stammenden König streiten über die Frage, ob und, wenn ja, auf welcher Seite ihr Land in den Weltkrieg eintreten soll. Professor Mirunescus Bemerkung im Roman gilt natürlich dieser Situation, aber jeder Leser seiner Worte musste sie auf die Gegenwart beziehen, auf das Jahr 1983. Und als wollte sie das unterstreichen, lässt Adameşteanu ihren Protagonisten den Zeitraum der Ungültigkeit seiner Aussage beziffern: auf fünfzig Jahre. Mit dem Jahr 1964 kann sie also wieder in Geltung treten. Im Jahr darauf übernahm Ceauşescu die Macht in Rumänien.

          Dass ein Buch wie „Verlorener Morgen“ zudem ausgerechnet in einem Jahr erscheinen konnte, als der Diktator ganze Viertel der Hauptstadt Bukarest abreißen ließ, um den Bau seines megalomanen Palastes zu ermöglichen, ist ein weiterer Aspekt, den man berücksichtigen muss, wenn man Adameşteanus Roman politisch einschätzt, der eine große Liebeserklärung an Bukarest ist. Die ganze Handlung spielt sich dort ab, auf zwei zeitlichen Ebenen: einmal im Ersten Weltkrieg und dann Ende der siebziger Jahre, und just dieses für seine rumänischen Leser zeitgenössische Bukarest steht am Anfang und Ende von „Verlorener Morgen“.

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          Sind dessen historische Passagen in einem höchst eleganten Ton geschrieben, der die tiefe Vertrautheit von Gabriela Adameşteanu mit französischen Autoren des frühen zwanzigsten Jahrhunderts und deren Schilderungen des Großbürgertums beweist, begibt sich die aktuelle Erzählebene in ein ganz anderes Milieu: das der vom Sozialismus ausgelaugten Hauptstadt, in der nur noch die Nomenklatura wohlhabend genannt werden kann. Hier lässt Adameşteanu die verarmte Nachkommenschaft von Professor Mironescu auf eine faszinierende Figur treffen, die in der europäischen Literatur kaum ihresgleichen hat: die 1906 geborene Vica Delcă, Frau eines gescheiterten Lebensmittelhändlers und als Rentnerin finanziell notorisch knapp.

          „Je länger man in Rumänien bleibt, desto fremder wird einem das Land.“

          Wie Gabriela Adameşteanu diese Figur umreißt, wie sie ihr eine Sprache gibt (deren suadaartigen Umgangston die Übersetzerin Eva Ruth Wemme wunderbar ins Deutsche gebracht hat), wie sie bittet, bettelt, schimpft, intrigiert und sich aber doch genauso intensiv einer besseren Vergangenheit besinnt wie die Abkömmlinge der früheren Führungsschicht, das ist psychologisch wie literarisch grandios gefasst. Mit dieser Vica wandert man durch Bukarest, und durch die Aufnahme der Stimmung großer Flaneurs- oder besser: Getriebenenromane, wie Flaubert, Döblin, Joyce sie geschrieben haben, reiht die 1942 geborene Autorin die Literatur ihrer Heimat in den europäischen Kanon ein.

          Die erinnernde Vergewisserung im Roman ist die Kompensation für eine Beobachtung, die Gabriela Adameşteanu im Gespräch nebenbei fallenlässt: „Je länger man in Rumänien bleibt, desto fremder wird einem das Land.“ Beim Treffen in Bukarest erzählt sie von der eigenen Rezeption ihres Romans: „Ich habe die Parallelen zwischen der Krisenzeit im Ersten Weltkrieg und dem Niedergang des Kommunismus beim Schreiben gar nicht im Blick gehabt.“ Wie auch im Jahr 1983, als Ceauşescu noch fest im Sattel saß? Dennoch klagt sie heute: „Ich habe das Buch zu früh geschrieben.“ Was wäre daraus geworden, wenn sie gewartet hätte? Wäre es überhaupt geschrieben worden? Denn direkt nach dem Umsturz vom Dezember 1989 engagierte sich Adameşteanu als Journalistin, und das war wichtig für den wie mühsam auch immer beschrittenen Weg Rumäniens zur Demokratie.

          „Begegnung“

          Die Romanschriftstellerin verstummte also erst einmal, obwohl sie 1985 noch einen neuen Stoff begonnen hatte: „Begegnung“, die Schilderung des Besuchs eines rumänischen Exilanten, der mehr als dreißig Jahre nach Verlassen seiner Heimat bei der Rückkehr ins noch sozialistische Land gar nicht weiß, ob die Personen, die ihn dort so begeistert begrüßen, wirklich alte Freunde sind oder die Securitate alles inszeniert hat. „Es musste etwas anderes sein“, sagt Adameşteanu im Rückblick, „auch wenn alle mich fragten, warum ich nicht so etwas wie einen zweiten ,Verlorenen Morgen‘ schreiben wollte.“ Mit „Begegnung“ hatte sie ein explizit systemkritisches Buch in Arbeit, doch 1989 brach sie es ab; die Zeit verlangte anderen Einsatz.

          „Nur in Romanen lesen die Menschen Gedanken“

          Seit 2001, als sie sich aus dem Journalismus wieder zurückzog, schrieb sie aber wieder daran, wertete die zugänglich gewordenen rumänischen Geheimdienstunterlagen aus und vollendete den Roman 2003. Danach überarbeitete sie ihn noch mehrfach, zuletzt 2013. Das war auch das Jahr, als Adameşteanu erstmals auf Deutsch verlegt wurde: Ihr Debütroman „Der gleiche Weg an jedem Tag“, im Original von 1975, erschien bei Schöffling, hochgelobt, aber wenig gelesen. Deshalb hat auch „Begegnung“ lange gebraucht, bis es unseren Sprachraum erreicht hat, aber nun hat der auf südosteuropäische Literaturen spezialisierte Wieser Verlag diese Lücke geschlossen.

          Der spätere Roman ist mit 300 Seiten deutlich schlanker, aber von ähnlicher Intensität. Und politischer Leuchtkraft. Einmal sagt der Protagonist und Ich-Erzähler: „Nur in Romanen lesen die Menschen Gedanken, im richtigen Leben gerät man, so lange man schweigt, immer mehr in Schwierigkeiten, merk dir das.“ Trotzdem macht er gute Miene zum möglicherweise bösen Spiel. Am Schluss wird offenbleiben, was der Emigrant erlebt hat; in Rumänien jedoch hält ihn wieder nichts mehr.

          Das ist die Grundlehre der Erfahrungen von Gabriela Adameşteanu mit ihrem Land, mit seiner und mit unser aller Geschichte. Sie ist in ein simples, aber wunderbares Bild gefasst in jener Passage von „Verlorener Morgen“, die dem Roman seinen Titel gegeben hat: „Gerade erst ist der Himmel aufgeklart, und bei der ersten Wolke wird die Sonne sofort wieder verschwinden. Ein schöner Morgen... verdorben... verloren...“ Wir haben etwas gewonnen: eine große Schriftstellerin.

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