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Das Bild vom Rezipienten : Männerlektüre

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Der Mann von Welt liest. Aber, glaubt man den Verlagsvorschauen für die kommende Herbstsaison, keine Romane. Bild: AFP

Verlage und Buchhandel scheinen die Hoffnung aufgegeben zu haben, männliche Leser für Romane interessieren zu können. Jedenfalls liest man in den Vorschauen für die literarische Herbstsaison nur noch von „Leserinnen“.

          Hallo, Sie! Ja, Sie meine ich! Wenn Sie ein Mann sind, noch dazu ein lesender, habe ich da mal eine Frage an Sie: Lesen Sie Romane? Und wenn ja – nur solche von Männern oder auch von Frauen? Falls Sie jetzt sagen, mir doch egal, Hauptsache, das Buch taugt etwas – dann gehen Sie bitte möglichst rasch in eine Buchhandlung, und geben Sie sich als männlicher Romanleser zu erkennen, der selbst vor Werken von Frauen nicht haltmacht. Denn offiziell gibt es Sie so gut wie gar nicht. Jedenfalls summieren sich die Verlagsvorschauen für die kommende Herbstsaison zu folgender Vermisstenanzeige: „Dringend gesucht wird literarisch aufgeschlossenes männliches Wesen, das bereits Romane von Frauen gelesen hat und dies glatt wieder tun würde.“

          Als fast schon überqualifiziert dürfen sich Leser von Simone de Beauvoir, Silvia Bovenschen, Joan Didion, Elfriede Jelinek, Siri Hustvedt, Susan Sontag oder Zeruya Shalev fühlen. Liebend gern genommen werden aber auch Leser von Sibylle Berg, Felicitas Hoppe, Brigitte Kronauer oder Sibylle Lewitscharoff. Und für Helene Hegemann oder Charlotte Roche gibt es einen Extrapunkt. Denn die Verlage, und mit ihnen der Buchhandel, haben die Hoffnung, dass Mann im Plural überhaupt noch zu Romanen jenseits von Krimis und Historienschinken greift, offenbar endgültig aufgegeben. Verschwunden ist der letzte Rest von genderkorrekter Höflichkeit, angepriesen werden neue Titel beinahe nur noch für „Leserinnen von...“.

          Nun ist der Befund, dass hauptsächlich Frauen Literatur (die nach wie vor zum Großteil von Männern geschrieben wird) kaufen und lesen, keineswegs neu; neu ist nur, dass es niemand mehr kaschiert. Zwangsläufig unbemerkt von Männern, brachte Siri Hustvedt die Lage in ihrem Roman „Der Sommer ohne Männer“ auf den Punkt: „Viele Frauen lesen Romane. Die meisten Männer nicht. Frauen lesen Romane von Frauen und Männern. Die meisten Männer nicht. Schlägt ein Mann einen Roman auf, hat er gern einen männlichen Namen auf dem Cover, das ist irgendwie beruhigend.“ Männer gäben sogar mit ihrer Nichtbeachtung von Romanen an: „Ich lese keine Romane, aber meine Frau.“ Spätestens da geht etwas ganz schief. Denn wie gewiefte Leserinnen wissen: „Es gibt nichts Besseres, als mit einem guten Buch ins Bett zu gehen – oder einem Freund, der eines gelesen hat.“

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