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Roman von Ulrike Almut Sandig : Einverständnis unter Missbrauchten

Verwüstete Landschaft, in der auch die verwüsteten Romanfiguren Ulrike Almut Sandigs leben: ausgekohltes Abbaufeld in Profen südlich von Leipzig Bild: Picture-Alliance

Die Sogkraft dieser Prosa ist immens: „Monster wie wir“ ist der erste Roman der Lyrikerin Ulrike Almut Sandig. Er erzählt von der Freundschaft zweier misshandelter Kinder, die als versehrte Erwachsene auf sehr unterschiedliche Weise Halt und Auswege suchen.

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          Als Ulrike Almut Sandig debütierte, 2005 mit ihrem Gedichtzyklus „Gelände“ in der Jahresanthologie der Studierenden des Deutschen Literaturinstituts Leipzig und wenig später auch mit der ersten Einzelpublikation „Zunder“ in einem kleinen Leipziger Verlag, konnte man ihrer Lyrik schon das Erzählerische anmerken, eine Neigung zur Prosa. Da gingen Versstrukturen in Fließtexte über und dann wieder zurück, Motivstränge und Leitbegriffe durchzogen die Konvolute und schufen einen größeren inhaltlichen Zusammenhang, als es die Einteilung in Einzelpoeme vermuten ließe.

          Andreas Platthaus

          Verantwortlicher Redakteur für Literatur und literarisches Leben.

          Als Sandig dann fünf Jahre später zu einem größeren Verlag ging – Schöffling & Co. in Frankfurt, dem sie anders als viele andere dort namhaft gewordene Autoren treu geblieben ist –, kam dort als Erstes ein Erzählungsband heraus: „Flamingos“. Und dem wiederum merkte man an Rhythmus und Worteinfallsreichtum das lyrische Fundament seiner Prosa an: „Wir waren die von außerhalb, an der Schule nannten sie uns die Überelbischen, weil wir vom anderen Ufer der Elbe kamen, wir waren immer die Letzten, die kamen, und die Ersten, die wieder gingen“, hebt eine der Erzählungen an. Als gleichzeitig „Zunder“ wiederaufgelegt werden sollte, überarbeitete sie die Gedichte darin, um ihnen das Hermetische zu nehmen. Sie sollten erzählen, nicht verrätseln.

          Ein kleiner, aber heftiger Wirbel

          Im Wechselspiel von Poesie und Prosa bewegen sich ihre Publikationen seither, gerade auch bei den Zusammenarbeiten mit Musikern bei Hörspielen und Schallplatten. Doch mit einem Roman ließ sie sich Zeit. Nun ist er da, heißt „Monster wie wir“, und wer bei diesem Titel Schockierendes erwartet, liegt nicht falsch. Es geht um Missbrauch und Misshandlung. Aber wer danach an der Oberfläche des Geschehens sucht, der kennt Ulrike Almut Sandig nicht. Nicht ihre lyrische Wortgewalt, die eine große Wortzärtlichkeit ist, und nicht das Streben nach Andeutungen in ihrer Prosa, das dem elliptischen Funktionsprinzip von Gedichten entspricht. Aber die Sogkraft dieses Erzählens ist immens. Um es mit einer Formulierung aus dem Roman zu sagen: „Weißt du eigentlich, was passiert, wenn tief unter uns was rutscht? Ich wusste es nicht, und Fly sagte: Dann gibt’s einen Wirbel. Einen kleinen, aber heftigen Wirbel. Der zieht dich in die Tiefe, bevor du überhaupt schreien kannst.“ Genau das widerfährt einem bei der Lektüre von „Monster wie wir“.

          Das Ich dieses Romans ist die Ende der siebziger Jahre in der DDR geborene Ruth, Tochter aus dem Pfarrhaus, in dem aber die Kinder vom Vater ganz weltlich körperlich gezüchtigt werden. Darum wird im Buch kein Aufhebens gemacht, es geschieht ganz nebenbei und somit selbstverständlich, als könnte es gar nicht anders sein, und genauso verhält es sich mit Ruths Klassenkamerad Viktor, nur dass es den noch schlimmer trifft, denn er wird als Kind vom Mann seiner älteren Halbschwester sexuell missbraucht, wenn die Eltern ausgehen und Tochter und Schwiegersohn die Aufsicht des Jungen überlassen. Der offenbart sich nur seiner Schulfreundin, und die Worte, die Sandig in diesem Bericht dafür findet, sind ebenso altersgemäß wie verstörend, weil das Ganze wie eine kindliche Vampirerzählung daherkommt: „Und dann saug ich den aus, sagte Viktor. Bis mir schwindlig wird. Und hier gucken meine Eltern fern, während ich den leersaufe, sagte er. Willst du mal sehen, wie man das macht?“ Aber Ruth, die während Viktors Erzählung die ganze Zeit auf und ab gesprungen ist, lehnt ab: „Mir würde so etwas nie passieren, befand ich.“

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