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Vereinigte Staaten - Big Sur : Henry Miller: „Big Sur oder die Orangen des Hieronymus Bosch“

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Ein amerikanisches Sehnsuchtsland: Big Sur Bild: AP

Der junge Besucher glaubte am Ziel zu sein, als er, mit einem Zeitungsartikel wedelnd, vor Henry Millers Gartentor in Big Sur in Kalifornien stand. Eine Enklave der Alten Welt am Ende der Neuen.

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          Der junge Besucher glaubte am Ziel zu sein, als er, mit einem Zeitungsartikel wedelnd, vor Henry Millers Gartentor in Big Sur stand. Genau an diesem schon damals mit einem Raunen von der Presse beschriebenen Ort sollte seine Suche nach der ersehnten Künstlerkolonie ein Ende haben, und so offenbarte er dem Schriftsteller: „Ich bin hierhergekommen, um mich den Anhängern des Geschlechtskultes und der Anarchie anzuschließen.“ Miller, der sich in den vierziger Jahren in das sechs Meilen lange Tal hundertfünfzig Meilen südlich von San Francisco zurückgezogen hatte, rang der Satz seines ungebetenen Gastes nur ein gezwungenes Lächeln ab.

          „Künstler gedeihen nicht in Kolonien. Ameisen eher“, konterte der Autor, der ausgerechnet in Big Sur sein Glück gefunden hatte - in einer einsamen Gegend, die alles andere als ein Synonym für die von Miller so ausführlich wie lüstern protokollierten Freuden des Fleisches war und die nicht recht zu einem Autor passen wollte, dessen Bücher im prüden Amerika zu jener Zeit wegen „Obszönität“ verboten waren.

          Von Blumenteppichen bedeckt

          In seinem Roman „Big Sur oder die Orangen des Hieronymus Bosch“ von 1957 schreibt Miller, daß er damals als alleinerziehender Vater andere Sorgen als die Gründung einer Künstlerkolonie gehabt habe. Groteskerweise waren die einzigen Spuren einer Kolonie in dem Tal die Baracken der Häftlinge, die in fast zwanzigjähriger Arbeit den heute so berühmten Highway One gebaut hatten. In den spärlich eingerichteten Behausungen hatten sich nach der Fertigstellung der Straße 1937 tatsächlich Künstler niedergelassen - und viele Möchtegernkünstler, die meinten, die Umgebung würde sie zu solchen machen, wie Miller bissig bemerkte. Das fremdartige Idyll von Big Sur habe sie jedoch schnell wieder in die Zivilisation zurückgetrieben. Miller hingegen kam nach Big Sur wegen der Abgeschiedenheit und des Schreibens. Hier arbeitete er in den Büchern „Plexus“ (1953) und „Nexus“ (1960) seine bewegte New Yorker und Pariser Vergangenheit auf. Er sollte zwanzig Jahre lang bleiben, und das hatte seinen guten Grund.

          Big Sur, das sind hohe, grüngelbe Berge, die von Blumenteppichen und duftenden Kräutern bedeckt sind und in denen sich Wasserfälle und heiße Quellen verstecken; das sind steil abfallende Felsenküsten, an deren Fuß weiße Sandstrände und bellende Seehunde von meterhohen Wellen überspült werden, und manchmal sind es auch vier Jahreszeiten an einem Tag: brennende Sonne, pfeifender Wind, Hurrikans und frostige Kälte. In den Wäldern erreichen die berühmten Mammutbäume Rekordgröße, über ihren Wipfeln gleiten Kondore, und zwischen ihren gewaltigen Stämmen tummeln sich Rehe, Wildschweine, Luchse, Waschbären und Berglöwen, vor denen leuchtendgelbe Schilder mit der Aufschrift warnen: „Achtung: Berglöwen. Bei Angriff kämpfen. Machen Sie sich größer, indem Sie Ihre Jacke weit öffnen und mitgeführte Kinder auf die Schultern nehmen.“

          Der bärtige Tasmane

          Als ein „kunterbuntes Durcheinander“ erschienen Henry Miller die gegensätzlichen Gesichter von Big Sur, und in seitenlangen Beschreibungen versuchte er etwas zu fassen, was sich aufgrund seiner Komplexität dem Betrachter sofort wieder entzieht. Nicht weniger vielfältig als die Natur ist die bunte Schar der Menschen, die nicht zuletzt von der ins Phantastische reichenden Berichterstattung der Medien angezogen werden. Der Mythos von Kolonie, Kommune und Aussteigernest hält sich hier beharrlich und wird von den Neuankömmlingen wie von den Einheimischen willig adaptiert und fleißig reproduziert. Auch Millers Schilderungen eines Paradieses, auf die sich nur allzu leicht mystisch-esoterische Schwärmereien projizieren lassen, locken noch heute zahlreiche Besucher an. Sie glauben, in Big Sur etwas finden zu können, was einem alle anderen irdischen Orte vorenthalten. Sogar an Millers Orakel, im Jahr 2000 werde Big Sur eine eigenständige Republik sein, wird weiter hart gearbeitet. Über der Bar eines kleinen Motels etwa kann man die gehißte Flagge mit der Aufschrift „Big Sur Republic“ sehen. Regenbogen und Gestirne umspielen den Schriftzug auf hellblauem Leinen.

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