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Türkei - Istanbul : Orhan Pamuk: „Das Museum der Unschuld“

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In seinem neuen Roman zieht Orhan Pamuk keine Grenze zwischen Wirklichkeit und Fiktion Bild: dpa

Vermutlich wissen in Istanbul nur wenige Menschen, dass Orhan Pamuk seiner Heimatstadt ein Museum schenkt. Es heißt wie der neue Roman des Nobelpreisträgers: „Das Museum der Unschuld“ versammelt das Inventar seines Buchs und erzählt zugleich von Liebe und Leben in der Türkei.

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          Auch große Bücher haben kleine Kerne. Georg Büchner etwa bediente sich einiger Artikel und Gutachten aus „Henkes Zeitschrift für Staatsarzneikunde“, als er den „Woyzeck“ schrieb. Aber nicht immer lässt sich ein solches Kernchen später wieder aus dem Werkgehäuse herausschälen. Und wie mühsam muss es erst sein, einen ganzen Roman aus einem kleinen Kern herauswachsen zu lassen.

          Ein Paar weißer Damenschuhe, ein Herrenfeuerzeug mit dem Bunny-Emblem des „Playboy“, eine Zigarettenschachtel, ein kleines Porzellanhündchen, Ohrclips, ein Abendhandtäschchen und ein halbes Dutzend Eau-de-Toilette-Flakons, deren vergilbte Etiketten sich aufbäumen, als wären sie ans Glas geschmiedet, von dem sie sich nun mit aller Kraft lösen wollen - was will ein Dichter damit anfangen?

          Es ist ein buntes Sammelsurium, Krimskrams, wie man ihn in den Winkeln der Schränke alter Tanten findet oder in Windeseile auf jedem Flohmarkt zusammensuchen könnte. Aber es sind Dinge, die einmal einem Menschen gehört haben, womöglich zu ihm gehört haben wie seine Art, scheu und ironisch zu lächeln. Oder wie ihre Angewohnheit, demonstrativ zu Boden zu blicken, wann immer sie sich vernachlässigt fühlte, als könnte sie dort, im Staub zu ihren Füßen, bereits den Unglücklichen sehen, der er es gewagt hatte, sich ihr gegenüber unaufmerksam zu betragen. Weiß dieser Mensch denn nicht, dass eine schöne Frau tausend um ihretwillen begangene Kopflosigkeiten verzeihen kann, nicht aber die kleinste an ihr verübte Gedankenlosigkeit? Die Dinge wissen so etwas, und sie bewahren dieses Wissen auf, um es nie wieder preiszugeben. Deshalb können sie auch kein Eigenleben führen. Sie sind viel zu sehr mit uns beschäftigt, die wir sie längst verlassen haben. Es ist der Schlaf der Dinge, der Zauberworte gebiert. Aber man muss ein Dichter sein, um sie zu hören.

          Mitten in Istanbul wird das „Museum der Unschuld” eröffnet werden

          Am gefährlichsten Ort Instanbuls

          Wer mit Orhan Pamuk in diesen Tagen durch die Straßen Istanbuls läuft, dem kann es passieren, dass er beim unbefangenen Blick auf ein Straßenschild plötzlich wie erstarrt stehenbleibt. Eben noch glitt das Auge über die Schaufenster der Antiquitätengeschäfte, obwohl das meiste vor den Türen auf der Straße steht: klapprige Stühle, alte Teppiche, ausladende Sessel, Küchen- und Wohnzimmerschränke, die alle denkbaren osmanisch-türkischen Spielarten des Gelsenkirchener Barock durchspielen. Ab und zu wird Pamuk von den Händlern freundlich gegrüßt, und dann könnte man meinen, es würde gleich ein Theaterpublikum auf den akkurat aufgereihten Stühlen Platz nehmen. Dann wieder sieht es aus, als hätten die heillos vollgestopften Geschäfte die Möbel in hohem Bogen ausgespien. Und während man noch überlegt, wie es den Händlern gelingen könnte, zehn Sessel, zwanzig Stühle und fünf Schränke abends wieder in ihren wohnzimmergroßen Lädchen zu verstauen, und ob nicht die Katzen, die jetzt dürr, träge und verschlagen im Staub dösen, es sich nachts in den Sesseln gemütlich machen werden, fällt plötzlich der Blick auf das Schild an der Straßenecke: Wir sind in der Cukurcuma-Straße! Das ist das tödliche Zentrum des roten Bereichs, denkt man, der gefährlichste Ort Istanbuls, jener Winkel, in den zu wagen sich Kemal so lange aufs strengste untersagt hatte. Und tatsächlich, das Straßenschild ist rot. Aber Orhan Pamuk, der unseren Blick bemerkt hat, geht weiter, als drohe keinerlei Gefahr. Er ist unterwegs zum Museum der Unschuld.

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