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Tschechien - Prag : Oleg Jurjew: „Der neue Golem“

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Der Alte Jüdische Friedhof zählt zu den beliebtesten Sehenswürdigkeiten der Prager Altstadt Bild: ASSOCIATED PRESS

Eintritt für Friedhöfe zahlt man nicht nur in Russland, sondern auch auf dem alten jüdischen Friedhof in Prag. Die Suche nach dem mythischen Golem führt den Leser von Schauplätzen Prags in die fiktive Kleinstadt „Judenschlucht“ bis nach Moskau.

          Rabbi Löws Golem, der Schutzengel des Prager Ghettos, war ein formloser Tonklumpen, belebt und in Schach gehalten durch das Zauberwort auf seiner Stirn. Gustav Meyrink fand ihn im Haus zur letzten Latern und hauchte der kabbalistischen Sagenfigur neues Leben ein: Sein Roman war eine vieldeutige Kreuzung aus Schauergeschichte und Spießersatire und eine hellsichtige Vorahnung des Holocaust. „Der neue Golem“ des in Frankfurt lebenden Russen Oleg Jurjew ist ein grotesker Wiedergänger des alten: ein hochartifizieller, multikultureller Homunculus, in dem alle Sprachen, Epochen und politischen Systeme formlos zusammenklumpen. Noch immer spukt er in der Rumpelkammer der Geschichte, aber er ist nicht mehr Metapher und Vexierbild jüdischer Identität, sondern Modell des Neuen Menschen schlechthin.

          Die Suche nach dem verlorenen Golem, ein „MacGuffin“ in Hitchcocks Sinne, führt den Erzähler Jurik Goldstein auf eine Geisterbahnfahrt durch zweitausend Jahre abendländischer Geschichte, um die halbe Welt und tief in die Lebensgeschichte Jurjews. Aber am Ende bleibt uns nur seine höhnische These im Ohr, wonach nach tausend Jahren Diktatur der Toleranz „jedes Individuum der Neuen Westlichen Welt nicht nur das Recht hat, sondern auch geradezu die Pflicht, im Interesse der Zivilisation, des Fortschritts und der Humanität alle wesentlichen Attribute der Rassen, der Religionen und der beiden Geschlechter in sich zu vereinen. („Der Mensch der neuen Epoche wird ein roter grüner rosa schwarzer Jude-Christ-Moslem sein oder er wird nicht sein.“)

          Nacherzählen läßt sich diese Geburt des neuen Menschen natürlich nur andeutungsweise. Im Zweiten Weltkrieg wollte die SS-Einheit „Bumerang“ Meyrinks Golem in Kafkas Prag aufspüren, um ihn als Wunderwaffe einzusetzen; der KGB brauchte ihn später für den Aufbau des Sozialismus, Amerika kaufte sein Gerippe fürs Völkerkundemuseum. Seine Spur verliert sich in Judenschlucht, einem fiktiven Städtchen im Niemandsland zwischen Tschechien, Ost- und Westdeutschland. Goldstein beantragt ein Stipendium, um einen Roman zu schreiben; aber Turmschreiber im Judenschluchter „Kulturbunker“ kann nach den Vergaberichtlinien des sudentendeutschen Kulturfonds nur eine Quotenfrau werden, und so verwandelt sich Jurik in die taubstumme Julie Goldstein. Am Ende wird aus der Verbindung zwischen dem als Jude, Frau, Behinderter und Asylant vielfach gehandicapten Goldstein und einer äthiopischen Studentin ein afrorussischer Messias und Pseudo-Golem hervorgehen.

          Die Karlsbrücke mit der Prager Burg im Hintergrund

          „Welch wundersame geschweifte Gedanken“

          In Jurjews satirischem Universum ist nichts heilig, nichts, was es scheint, aber alles mit allem verwandt: Männer und Frauen, Rußland und Amerika, Sudetendeutsche und Tschechen, Antisemiten und Juden. Kinder sind Greise und Greise kindisch: Der „Krieg der Kinder und der Greise“ steht nämlich auch für den Konflikt zwischen dem alten Europa und der Neuen Welt. Jurjew verwischt in seiner Tour de force planmäßig alle Grenzen von Zeit und Raum und kettet feindliche Antipoden aneinander. Nach der „Methode simultaner Simulakren-Überlagerung“ sind etwa der „sanguinische Kommunist Hasek“ und der cholerische Faschist Céline Brüder, der brave Soldat Schwejk und Ferdinand Bardamu Helden ein und desselben Metaromans. Die Sowjetunion firmiert nur als Skythoparther-Reich, Amerika als neues Imperium Romanum, und wenn ein Staatsmann nach Judenschlacht kommt, kann es „Joschka Goebbels“, „Gaius Julius Kennedy“ oder Großkhan Gorbatschow sein: Karel Gott singt für Stalin wie für Hitler, und Saddam Hussein ist auch dabei.

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