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Spanien - Kastilien : Miguel de Cervantes: „Don Quijote“

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Die Mühlen der Mancha gehören längst der Menschheit Bild: AFP

Don Quijote hatte recht. Wer die Windmühlen sieht, wird ihn verstehen. Sie können gar nichts anderes gewesen sein als Riesen, die der hinterlistige Fristón kurzerhand in Mühlen verzauberte, um dem Ritter den Ruhm zu stehlen.

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          Don Quijote hatte recht. Wer die Windmühlen sieht, wird ihn verstehen. Sie können gar nichts anderes gewesen sein als Riesen, die der hinterlistige Fristón kurzerhand in Mühlen verzauberte, um dem Ritter den Ruhm zu stehlen. So stehen sie bis heute auf den Hügeln der Mancha, Wesen nicht von dieser Welt, mühsam kaschiert, eine Giganten-Infanterie kurz vor dem Angriff, bewehrt mit spitzen, schwarzen Helmen aus Zinn, bewaffnet mit riesigen Armen, deren Länge Don Quijote auf zwei Meilen schätzte, bevor er tollkühn rief: „Fliehet nicht, feige, niederträchtige Geschöpfe; denn ein Ritter allein ist es, der euch angreift.“

          So befremdend, so bizarr wirken die Mühlenriesen in der Monotonie der Mancha, so unvermittelt fallen sie aus dem Bild dieser fahlen Landschaft, daß man für einen Augenblick fürchtet, wie Don Quijote Wahn und Wirklichkeit durcheinanderzubringen - um dann zu erleben, wie sich in der Mancha, der einzig möglichen Heimat des fahrenden Ritters von der traurigen Gestalt, die doppelte Phantasie der Verrücktheit in der Dichtung allmählich in Wirklichkeit zurückverwandelt, als hätte Fristón seine Hände abermals im Spiel.

          Kiosk mit Don-Quijote-Devotionalien

          Von den vierhundert Mühlen der Mancha haben nur ein paar Dutzend überlebt, die meisten davon auf einer kahlen Kuppe hoch über Consuegra. Man sieht sie schon von weitem und hält den Atem an. Es ist ein erregender Anblick, ein Gänsehautpanorama, endlich die Mühlen, deren Silhouette jeder im Kopf hat und deren Bekämpfung längst zur Menschheitsmetapher geworden ist. Elf von ihnen stehen auf dem Hügel rings um die Ruine einer Ritterburg, die wie ein Sinnbild für Don Quijotes siegreiches Scheitern im Wind verwest, elf gedrungene Zylinder aus Bruchstein und Mörtel, weiß getüncht, hell strahlend in der rotbraunen Erde der Mancha, als seien es Leuchttürme der Unvernunft. Sie stehen an der richtigen Stelle, denn der Wind pfeift und zerrt hier oben mit einer solchen Wut, als wolle er an den Mühlen späte Rache für Don Quijotes Niederlage nehmen. Die Flügel aus verwitterten Holzlatten und der große Balken, mit dem die gesamte Haube in die richtige Richtung gedreht werden kann, sind notdürftig festgezurrt, klappern und ächzen, stöhnen und quietschen, und in jedem Moment wartet man darauf, daß sie sich losreißen, um rotierend wegzufliegen, was Don Quijote Anlaß zu allerhand Spekulationen gegeben hätte.

          Bild: F.A.Z.

          Eine der Mühlen bietet Zuflucht vor dem staubigen Orkan, sie gibt einem kleinen Kiosk mit Getränken und Don-Quijote-Devotionalien Asyl. Der Mann im Kiosk, der seine westgotisch hellblauen Augen wegen des Windes zu winzigen Gucklöchern in einem rissigen, unrasierten Gesicht zusammenkneift, hat nicht viel zu tun, dafür aber viel Hoffnung. Der vierhundertste Geburtstag des „Don Quijote“, der 1605 in Madrid zum ersten Mal gedruckt wurde und den ganz Spanien in diesem Jahr enthusiastisch feiert, werde seine Geschäfte beflügeln, ein bißchen mehr Tourismus könne seine Heimat ja gut vertragen. Das Leben, sagt der Mann, sei immer noch hart in der Mancha und der Käse immer noch härter als Mörtel, wie es im „Quijote“ heiße, das hier sei Spaniens Armenhaus, vor allem weil kein Regen mehr falle, woran der Klimawandel schuld sei, aber die Politiker täten nichts und hielten sich nicht an das Protokoll von Kyoto, statt dessen redeten sie nur herum, so wie die Nonnen im Chorgestühl auch immer nur vom Heiraten plapperten. Dann lacht der Mann und sagt, er werde manchmal Sancho Panza genannt, aber nur deswegen, weil er dick sei und kleine, dicke Männer in der Mancha Sancho Panza gerufen würden so wie große, dünne Don Quijote.

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