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Spanien - Ibiza : Walter Benjamin: „Ibizenkische Folge“

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„Ibiza, ich wünschte, du würdest dein erhabenstes Erbe retten” Bild: NASA

Einmal nichts sehen, einmal auch nichts denken - das ist, seit Dichter wie Vicente Blasco Ibáñez, Pierre Drieu la Rochelle, Jacques Prévert und viele andere prominente Gäste der Insel sich darüber äußerten, einer der stärksten Gründe, Ibiza zu besuchen.

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          Einmal nichts sehen, einmal auch nichts denken - das ist, seit Dichter wie Vicente Blasco Ibáñez, Pierre Drieu la Rochelle, Jacques Prévert und viele andere prominente Gäste der Insel sich darüber äußerten, einer der stärksten Gründe, Ibiza zu besuchen. Hinfahren, in die Sonne blinzeln und schon nach ein paar Tagen den Rest der Welt vergessen. Wenn das schon die Philosophen können, dann sollte es normalen Sterblichen doch erst recht möglich sein. Ab an den Strand also. Träge werden, wegdösen, die gewohnte Disziplin verlieren und den Kontrollverlust gar nicht mal bemerken. Den Zeitbegriff verlieren, zu Verabredungen hoffnungslos verspätet kommen, und das ohne jedes schlechte Gewissen.

          Das kann schnell passieren, denn nichts steht dem entgegen: Murmelnd schleicht das Meer an den Strand, fällt wieder zurück, bloß um im nächsten Moment von neuem heranzukriechen. Die Landnahme bleibt zwar vergeblich, aber dafür setzt das Wellenspiel irgendwann das Hirn der Küstenmenschen unter Wasser und legt jene Synapsen lahm, die den sonst reibungslosen Ablauf zivilisierter Verhaltensformen garantieren. Man kann das als Genuß empfinden, gerade als Philosoph. So jedenfalls ging es Walter Benjamin, der diesem intellektuellen Konturenschwund, als er wieder bei Sinnen war, einen eigenen Text widmete: „Ibizenkische Folge“ heißt der kleine halbautobiographische Essay, in der er Auskunft über seinen ersten Aufenthalt in Ibiza 1932 gibt.

          Ibiza 1932. Die Insel ist noch ganz sie selbst, döst im sanften Schlaf jahrhundertealter Unberührtheit. Ein halbes Jahrhundert zuvor, berichten Historiker, kam die industrielle Revolution auf die Insel. Das klingt gewaltig, aber eigentlich treffen beide Komponenten des großen Begriffs den Stand der Dinge kaum, sind zu groß für die Entwicklung, die sie hier bezeichnen. „Industrielle Revolution“, auf Ibiza und dem benachbarten Formentera heißt das nämlich kaum mehr als forcierte Salzgewinnung. Ein paar Deiche werden gebaut, Wege angelegt, Entwässerungskanäle gezogen. Und Arbeiter werden verpflichtet, Saison für Saison ein gutes Tausend. Bewegung kommt auf die Insel, doch kurz hinter den Rändern der Salinenbecken verebbt sie schon wieder. Und auch die anderen Errungenschaften, das neu gegründete Sägewerk, die Eisfabrik, die Anlage für Fischkonserven, bringen das Eiland nicht in Schwung. Im Herzen und an den Rändern kann es weiterdösen. Und mit ihm Walter Benjamin.

          Bild: F.A.Z.

          „Adieu ihr Kleider voll von Farben und Geschichte“

          Doch was die Industrie nicht schaffte, das erledigten die Philosophen und die Dichter. Benjamins kurzer Text zählt zu den Gründungstexten des modernen Ibizas. Jenes Ibizas, das seine Vorzüge recht genau in jenem Moment verlor, als die Zugereisten sie zu beschreiben begannen. Die Folgen kann man Sommer für Sommer erleben. Abends etwa, auf der Fahrt von Ibiza-Stadt nach San Antonio: Auto an Auto, dicht an dicht, schiebt sich eine monströse Schlange durch die Landschaft, zieht die tosenden Glieder nach, die vom Zentrum des einen Orts zu dem des anderen reichen. Denn die Strandzeit ist vorbei, es lockt das nächtliche Vergnügen. Die paar stillen Orte am Straßenrand sind machtlos gegen das stählerne Ungetüm, sind geendet als ohnmächtige Opfer jenes Mythos vom Mittelmeer, den einst europäische Festland-Schöngeister ersannen und der das Antlitz der Insel von Grund auf veränderte.

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