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Spanien - Barcelona : Carlos Ruiz Zafón: „Der Schatten des Windes“

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In Barcelonas Altstadt Bild:

Der katalanische Autor Carlos Ruiz Zafón spielt in seinem Bestseller „Der Schatten des Windes“ virtuos mit Phantasie und Wirklichkeit. Jetzt kann man auf den Spuren des Buches Barcelona erkunden.

          Mari Carmen Toscano weiß, was Leser wünschen. Sie führt in der Altstadt von Barcelona eine kleine Buchhandlung und hat schräg gegenüber der Kasse über einem verschlissenen, braunen Vorhang ein handgeschriebenes Schild aufgehängt, das zum Besuch des Untergeschosses ihrer Librería Canuda einlädt. „El cementerio de los libros“, der Friedhof der Bücher, steht auf ihm. Bei diesen Worten bekommen viele Kunden, insbesondere die Liebhaber von Bestsellern, glänzende Augen. Denn so - oder zumindest so ähnlich - heißt die mysteriöse Bibliothek im Roman „Der Schatten des Windes“ des katalanischen Autors Carlos Ruiz Zafón, der sich weltweit mittlerweile mehr als sechs Millionen Mal verkauft hat. Das Werk beginnt mit den Zeilen, auf die Mari Carmen Toscanos Hinweis so publikumswirksam anspielt: „Ich erinnere mich noch genau an den Morgen, an dem mich mein Vater zum ersten Mal zum Friedhof der Vergessenen Bücher mitnahm.“

          Aber nein, ihr Geschäft sei nicht das Vorbild für Zafóns Büchermausoleum, sagt Toscano. Im Keller stapeln sich auch keineswegs vergessene Bücher, sondern bloß solche, für die auf den deckenhohen Regalen des Antiquariats kein Platz ist. Wer die steile Treppe hinabsteigt, wird endgültig ernüchtert. Statt des von Zafón erdachten Gewirrs aus Gängen und von Büchern überquellenden Regalen, statt des im Roman geschilderten Wirrwarrs „aus Tunneln, Treppen, Plattformen und Brücken, die eine gigantische Bibliothek von undurchschaubarer Geometrie erahnen ließen“, betritt man ein schlichtes Betongewölbe. Früher allerdings, zu Franco-Zeiten, so versichert die Chefin, sind hier die Titel aufbewahrt worden, die von der Zensur verboten wurden und nur heimlich verkauft werden konnten. Der Hinweis auf den Bücherfriedhof habe sich dennoch angeboten, schließlich sei die Librería Canuda an der gleichnamigen Straße diejenige, die der vom Romancier genannten Buchhandlung, die es in der Realität nie gegeben hat, am nächsten liege.

          Das Café der historischen Figuren

          Das Antiquariat, in einer schmalen Seitenstraße der Ramblas versteckt, gehört zu den zwei Dutzend Stationen einer Zafón-Route, die kreuz und quer, jedoch ohne exakt festgelegte Etappen durch Barcelona führt. Einzelne Plätze, Kirchen, Museen und andere Gebäude, die im Roman eine Rolle spielen, lassen sich auf der Tour tatsächlich finden. Die Tramvía Blau etwa, die altertümliche Straßenbahn Richtung Tibidabo, fährt immer noch, wie damals, in den vierziger und fünfziger Jahren des vorigen Jahrhunderts, in denen der Roman spielt. Auch andere Ziele können nach wie vor besichtigt werden und haben sich den Geist bewahrt, den Carlos Ruiz Zafón immer wieder beschwört, allen voran das Café-Restaurant „Els Quatre Gats“ im Ribera-Viertel. Das Lokal, das in einem Gebäude des modernistischen Architekten Josep Puig i Cadafalch untergebracht ist, gilt als eines der ältesten von ganz Barcelona und wurde 1897 eröffnet. Zwei Jahre später präsentierte der siebzehnjährige Pablo Picasso hier seine erste Ausstellung.

          Bislang immer noch nicht fertig, aber dennoch das bekannteste Bauwerk Barcelonas: Gaudís Sagrada Familia

          Kopien seiner Zeichnungen und von Werken, mit denen auch andere Künstler, wenn sie knapp bei Kasse waren, einst ihre Speisen und Getränke bezahlten, schmücken bis heute die patinasatten Wände des Etablissements. Daniel Sempere, Zafóns Romanheld, war hier häufig zu Gast: „Els Quatre Gats lag einen Steinwurf von zu Hause entfernt und war eines meiner Lieblingslokale in Barcelona. Dort hatten sich im Jahr 1932 meine Eltern kennengelernt, und meine Eintrittskarte ins Leben schrieb ich zum Teil dem Charme dieses alten Cafés zu. Steinerne Drachen bewachten die tief verschattete Fassade, und die Gaslaternen an der Ecke froren Zeit und Erinnerungen ein. Im Innern verschmolzen die Menschen mit den Echos aus andern Zeiten. Buchhändler, Träumer und Geisteslehrlinge teilten sich den Tisch mit den Schimären von Pablo Picasso, Isaac Albéniz, Federico García Lorca oder Salvador Dalí. Zum Preis eines kleinen Kaffees konnte sich hier jeder Habenichts für ein Weilchen als historische Figur fühlen.“

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