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Spanien - Barcelona : Carlos Ruiz Zafón: „Der Schatten des Windes“

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Die Phantasie spielen lassen

Die meisten Orte aus dem Roman freilich sucht man vergebens. Am Carrer Santa Ana etwa soll sich die Buchhandlung von Daniels Vater befunden haben. Das Geschäft entpuppt sich als Laden für Fächer und andere Utensilien des täglichen Bedarfs. Die Santa-Ana-Kirche hingegen gibt es wirklich. Dort heirateten nicht nur Daniel und seine Hunderte Seiten lang angebetete Bea, auch Carlos Ruiz Zafón selbst wurde auf ausdrücklichen Wunsch seiner Frau in der Kirche getraut. Desillusionierend ist das Durchschreiten des Arc del Teatre im unteren Teil der Ramblas. Hinter diesem Tor zum anrüchigen Raval-Viertel verbirgt sich im Roman der Bücherfriedhof. In der Wirklichkeit beginnen hier für ihre billigen Bordelle berüchtigte Gassen, in die nie ein Sonnenstrahl fällt. Zumindest kann man sich im Raval einbilden, jederzeit jener rätselhaften Gestalt mit der Ledermaske begegnen zu können, die hinter Daniels Exemplar des Romans „Der Schatten des Windes“ eines gewissen Julián Carax her ist.

In Barcelona lässt sich keine Topographie entdecken, die haargenau mit den Beschreibungen im Roman übereinstimmt. Doch man kann die Stadt als Projektionsfläche für seine eigenen Phantasien nutzen. Dann werden die engen, düsteren Gassen plötzlich so bedrohlich, dass man irgendwann die Spitze eines gezückten Messers im Rücken zu spüren meint. Und mit einem Mal erscheinen die grauen morgendlichen Dunstschleier über dem Friedhof von Montjuïc wie unheilverkündende Nebelschwaden, hinter denen sich die steinernen Engelsfiguren, die Heiligenstatuen, all die Teufel, Dämonen und Gespenster zu bewegen beginnen und dem Betrachter ein wohliges Gruseln entlocken.

„Mehr Inspiration als Anleitung“

Auf die Fähigkeit seiner Leser, im Kopf ein eigenes Bild des längst untergegangenen Barcelonas entstehen zu lassen, vertraut Carlos Ruiz Zafón auch noch sechs Jahre nach dem Erscheinen der spanischen Originalausgabe seiner labyrinthischen Liebes-, Abenteuer- und Detektivgeschichte. Wieso sonst hätte er bislang alle Angebote aus Hollywood, den Stoff zu verfilmen, konsequent abgelehnt? Oder trägt er sich etwa mit dem Gedanken, seine Vision von Barcelona selbst für die große Leinwand zu adaptieren? Verwundern würde das nicht, schließlich lebte Zafón vor seiner Rückkehr nach Barcelona fünf Jahre lang als Drehbuchschreiber in Los Angeles, wo er auch seinen Bestseller verfasste.

Zwei anderen Initiativen, die aus seinem Triumph Kapital schlagen wollen, hat der Autor zugestimmt. Zum einen bietet ein Veranstalter zweieinhalbstündige Wanderungen durch Zafóns „magisches Barcelona“ an, wobei keine Lokaltermine an Originalschauplätzen versprochen werden, wohl aber Ahnungen vom Flair der „finsteren und verzauberten Stadt“ aus der ersten Hälfte des zwanzigsten Jahrhunderts. Zum andern hat ein niederländischer Verlag einen Reiseführer herausgebracht, der in diesem Frühjahr auch auf Deutsch erschienen ist und im Titel einen Spaziergang „Mit Carlos Ruiz Zafón durch Barcelona“ in Aussicht stellt. Darin abgedruckt sind neben Zitaten aus dem Roman auch einige Kommentare Zafóns, der sich über sein zwiespältiges Verhältnis zu seiner Heimatstadt und zum Spiel mit Wirklichkeit und Fiktion äußert: „Alles Geheimnisvolle im Buch ist Fiktion.“ Das Büchlein ist indes für den Literaturliebhaber mehr Inspiration als konkrete Anleitung, um aus den Impressionen der Stadt ein ganz persönliches Barcelona-Porträt zu komprimieren - genauso wie Carlos Ruiz Zafón es in seiner assoziativen Hommage an Kataloniens Hauptstadt vorgemacht hat.

Literatur


Carlos Ruiz Zafón: „Der Schatten des Windes“ . Suhrkamp Verlag 2005. 563 S., br., 9,90 Euro.

Führungen
Die Touren auf den Spuren des Romans „Der Schatten des Windes“ werden angeboten von Icono Serveis Culturals, Calle Muntaner 185 1º 2a, E-08036 Barcelona, Telefon: 0034/93/ 4101405 oder 0034/93/ 3212501, E-Mail: info@iconoserveis.com, Internet: www.iconoserveis.com; die Touren kosten zwischen 10 und 14 Euro pro Person, Reservierungen sind empfehlenswert. Allgemeine Informationen zu Barcelona beim Spanischen Fremdenverkehrsamt, Myliusstraße 14, 60323 Frankfurt,
Telefon: 069/725033, Mail: frankfurt@tourspain.es, Internet: www. spain.info.

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