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Rezension : Was Frau Sartoris nicht verraten hat

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Bild: Berlin Verlag

Elke Schmitter knüpft an ihr Erfolgsdebut an: Das Szenario von „Frau Sartoris“ liegt noch immer halb im Dunkeln. Im Aus-den-Augen-Verlieren, Wiederfinden und Ignorieren der wunden Stellen liegt die Raffinesse von „Veras Tochter“.

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          Die Verschränkung mit der literarischen Tradition ist es nicht und auch nicht das Spiel mit dem eigenen Erstling. Die Methode der psychoanalytischen Seelenzergliederung ist es nicht und schon gar nicht die inständige Selbstbeobachtung. Nicht einmal das Heranzitieren prominenter Zeugen der Weltliteratur - Flaubert, Montherland, Austen - ist es, was unser literarisches Herz erfreut beim Lesen des neuen Romans von Elke Schmitter.

          Der plakative formale Wille der Schriftstellerin preßt sich im Gegenteil wie ein steifes Korsett um den Textleib. Wir hören ihn förmlich stöhnen unter den Fischbeinstäbchen und Eisenschienen, ins Mieder gezwängt, nur um einem imaginierten literarischen Schönheitsideal zu gehorchen - und dabei die lebendigen Konturen zu verlieren. Aber wenn man einmal den Textpanzer durchdrungen, die Schnürbrust gesprengt hat und ins Innere des Textes vorgedrungen ist, wo das Blut pulsiert und das Herz schlägt, wird man von seinem kraftvollen Sog mitgerissen.

          Das Konfliktszenario sendet weiter

          Elke Schmitter verbindet ihren dritten Roman „Veras Tochter“ mit dem erfolgreichen Erstling „Frau Sartoris“ (2000). Wie mit dem Scheinwerferkegel fährt sie nochmals über das gleiche Konfliktszenario, das immer noch halb im Dunkeln liegt und Störsignale aussendet. Sie will es vollends ausleuchten. Aber jetzt katapultiert sie sich auf die Metaebene.

          Wo früher die Mutter im Zentrum stand, wird im neuen Roman das Planspiel aus der Perspektive der Tochter erhellt. Der Konfliktkern - die Wahl des kriegsversehrten Vaters als Notlösung der zuvor von einem reichen Liebhaber verratenen Mutter, die krisenhafte Ehe der Eltern in einem Provinznest während der fünfziger und sechziger Jahre, der Liebhaber, mit dem die Mutter nach Venedig durchbrennen will und der sie im entscheidenden Moment sitzenläßt, der Abschiedsbrief, den sie bei der Flucht hinterlassen und den der Gatte bei ihrer Rückkehr bereits gelesen hat: All diese Bausteine des ersten Romans finden sich leicht verändert wieder. Gegen diesen Kunstgriff spricht nichts, im Gegenteil, er könnte zu einer produktiven Versuchsanlage werden, wenn die Scharnierstellen zwischen den Geschichten nicht knirschen würden.

          Was auf dem Spiel steht

          Beim Friseur blättert die Ich-Erzählerin in einem zerlesenen Frauenmagazin und stößt dabei auf einen Hinweis zu Elke Schmitters Roman „Frau Sartoris“. Diese Fährte wird quer durch den Roman als Verfremdungsinstrument aufgebaut, im scheinbaren Zusammenfall von Literatur und Leben immer wieder aufgerufen. Das wirkt arg forciert. Je länger es dauert, desto schneller versucht der Leser, die artifiziellen Signale der Literarizität des Textes zu überlesen. Dazu gehört die Intervention der befreundeten Rechtsanwältin beim Verlag wegen konkreter Parallelen des Romans „Frau Sartoris“ zur Lebensgeschichte ihrer Mandantin und der daraus folgenden Verletzung der Privat- und Intimsphäre und der Persönlichkeitsrechte. Dazu gehört aber auch der Hinweis auf „Das literarische Quartett“ und auf Marcel Reich-Ranickis lobende Worte für den Erstling. Das sind artifizielle, überflüssige, störende Elemente.

          Die Vorzüge des Buches fangen auf den ersten Seiten an, und zwar dort, wo es hart zur Sache geht. Nichts Geringeres als das Glück steht auf dem Spiel. Wie es sich anfühlte, wenn man es spürte. Es geht ums eigene Unglück und wie es dazu gekommen ist. Die Hauptfigur denkt an ihre Mutter, „an die Person also, die mich beherrscht hat, bevor ich überhaupt wissen konnte, was ich denn wollen würde, wenn ich denn wollen dürfte. Von der ich das Fühlen lernte. Und das Nichtfühlen da, wo es weh tun könnte. Beispielsweise, daß sie mich niemals liebte. Obwohl sie meine Mutter ist. Die Frau also, die mich lieben müßte, so wie es normal ist. So wie es die anderen haben, dieses selbstverständliche Glück.“

          Ausgrabungen am Ich

          Tatsächlich liegt hier das heimliche, das brisante, das subversive Grundprogramm des Romans versteckt - und dieses Schmerzzentrum strahlt überall hin aus. Die Ich-Erzählerin will es lokalisieren. Sie macht sich gnadenlos auch gegen sich selbst auf die Spur. Sie gräbt das eigene verborgene weibliche Wesen aus mit einer Kompromißlosigkeit, die imponiert. Sie strengt einen Indizienprozeß an gegen die Mutter, die ihr schon als Kleinkind die Brust und den Schnuller versagte, ihre Weiblichkeit stahl und sie in einen Zustand emotionaler Taubheit trieb.

          Denn lieben kann Veras Tochter nicht. Alle Andeutungen von Abhängigkeit, von existentiellem Schmerz, von schicksalhafter Begegnung treiben sie sofort in die Flucht. Darum will sie auch „nichts machen“: „Ich hatte mich längst abgefunden mit einer tauben Stelle vielleicht in meiner Herzgegend, ich atmete und sprach, ich lebte lange darum herum, rührte dort nicht hin, ließ mich dort nicht berühren.“

          Familie: ein verbeulter Hut

          Dem Vater steht sie näher, aber auch von ihm fühlt sie sich entsetzlich verlassen. Oft hat sie „nachts heimlich geweint, nach meinen Vergehen und Fehlern gesucht und nach Details in Veras Intrigen, ich hatte gelitten, getrotzt und gekämpft“. Als die Eltern sie ins Internat abschieben, begreift sie, daß alles, was mit dem Wort „Familie“ gemeint ist, ein verbeulter Hut war und sie froh sein konnte zu entkommen.

          Die Raffinesse des Romans besteht in der langsamen, fast schlafwandlerischen Annäherung, im Umkreisen, Aus-den-Augen-Verlieren, Wiederfinden und Ignorieren der geheimen wunden Stelle. Kaum zeigt der Schmerz seine Fratze, versinkt er schon wieder unter der Bewußtseinsschwelle. Nie ist die Ursache des Unglücks zu fassen. Da zeigt sich denn Elke Schmitters eminenter Kunstverstand. An keiner Stelle wird das Geheimnis der Mutter, das die Tochter in die Einsamkeit trieb, vollständig aufgedeckt. Der Leser kann es nur erahnen. Nie zeigt sich das Gesicht des Vaters mit völlig heruntergerissener Maske. Und nie hält die Tochter sämtliche eindeutigen Beweisstücke für all die Kränkungen und Verletzungen in der Hand, die sie in die Gefühlsverpanzerung getrieben haben.

          Elke Schmitters literarisches Talent liegt im gleichzeitig lakonischen und minuziösen Sezieren der Seelenlage ihrer Protagonistin, im Mikroskopieren der kleinsten Gefühlsregungen, im Herumstochern in widersprüchlichen Emotionen. In diesen Passagen zeigt sich nicht nur eine sensible Beobachtungsgabe, sondern auch ein subtiles sprachliches Können. Das virtuose Spiel von Verrätselung und Auflösung entwickelt ein Tempo, dem man sich nicht mehr entziehen kann.

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