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Rezension : Lop Nor - Die Wüste lebt

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          2 Min.

          Was Dichtung eigentlich ist oder sein kann oder sein muss, darüber hat Raoul Schrott in und mit seinem 1988 erschienenen Buch „Tropen“ Auskunft gegeben. Poesie ist der Blick in die geografischen Räume, ist der Blick in eine Leere, die den Betrachter zwangsläufig nach Fluchtpunkten Ausschau halten lässt.

          Diese Perspektive ist nichts anderes als ein Fensterrahmen, durch den man das Bild im Kleinen und schließlich die Welt im Großen wahrnimmt. Was andere als Entfremdung brandmarken, ist für Raoul Schrott die poetische Arbeitsfläche. Denn dieser Blick, so schrieb es Schrott damals in seinem mit „Inventarium I“ überschriebenen Vorwort, übertrage sich auf die Figuren der Sprache. Dagegen lässt sich natürlich Vieles einwenden, dafür lässt sich ebenso Vieles anführen. Auf jeden Fall ist es eine Beobachtungstheorie, die näher an das vermutete Wesen von Dichtung heranführt als jeder noch so ambitionierte Wissenschaftsbeitrag. Auf jeden Fall ist es eine Erkenntnis aus Erfahrung, die Schrott an zahlreichen und ungewöhnlichen Orten dieser wie immer auch gearteten Welt sammeln konnte.

          Die jüngste Sprach- und also Welterfahrung (zugleich als Buch und in einer Hörspielbearbeitung erschienen) führt den Zuhörer und Leser in „Die Wüste Lop Nor“ und andere Wüsten dieser Welt, in die Bewegung der Dünen, in die Töne des Sandes, eine Melodie, die vergleichbar nur mit einer Nacht voller Zikaden sei. Eine Novelle - so zumindest der Untertitel - soll es sein, eine Art orientalisches Märchen ist es geworden; statt 1001 wundersame Erzählungen 101 kurze poetische Momentaufnahmen, hinter denen der ruhelose Held Raoul Louper von Zeit zu Zeit auftaucht.

          Anfang und Ende werden vom rieselnden Sand diktiert, genauer gesagt: von der größten Sanduhr der Welt, die nahe der japanischen Stadt Nima in einem Weizenfeld steht. Doch die langsam verrinnende Zeit ist bei Schrott kein Endzeit-Motiv. Wenn Schrott am Ende die Geschichten von den drei Frauen des Raoul Louper erzählt, von Francesca mit dem stämmigen Körper einer Bäuerin, von Arlette, deren Brüste dem Geliebten riesig vorkommen, und von Elif, der Führerin im Nationalpark mit ihrem schamvoll versteckten großen Hintern, ihrem „Fettsteiß“, wenn diese und andere Geschichten erzählt sind, dann weiten sich die Wüsten noch einmal ins Unermessliche, schlagen Träume zu den Wüsten auf Mars und Venus.

          Welche Geschichte erzählt uns überhaupt Raoul Schrott? Jene von den drei Frauen? Eine von Wüsten und Dünen? Eine Geschichte der Reise, eine des Reisenden Raoul Louper? Schrott erzählt die Geschichten von Geschichten, was aber weder die Flucht in eine postmoderne Ratlosigkeit noch das Ende des Erzählens (wie bei Wolfgang Hildesheimers Wüsten-Geschichte „Masante“) meint. Hier fließen die Episoden und Erinnerungen, die Töne und die Bewegung zeitlos ineinander.

          Deutlich wird dies in der unangestrengt harmonischen Hörspielbearbeitung von Michael Farin und in der Inszenierung von Barbara Schäfer. Behutsam haben sie dem vielstimmigen und -farbigen Text die Sprecher zugeteilt, haben sparsam die auf Atmosphäre und Licht bedachten Kompositionen von Susan Deyhim und Ulrike Haage eingesetzt. Ein Klang- und Worteteppich wurde gewebt, an dessen Motiven und Farben man sich nicht satt sehen kann. Der Weber aber bleibt unerkannt: „Von mir war kaum die Rede“, sagt gegen Ende der Erzähler. Auch von diesen Geheimnissen lebt das Knüpfwerk der Poesie.

          „Erzähl mir eine Geschichte, egal, ob sie wahr ist“, fordert Arlette. Dies ist der erste Hunger nach Geschichten. „Erzähl mir eine Geschichte und mach', dass sie wahr ist“, bittet Elif. Das ist der Appetit des fortgeschrittenen Zuhörers. Und beiden Wünschen folgt der Erzähler mit der Legende einer erst im Tod erfüllten Liebe. Aber das ist schon wieder eine andere Geschichte in der voll Leben schillernden Wüste von Lop Nor.

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