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Österreich - Wien : Michael Köhlmeier: „Abendland“

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Spurensuche in Wien Bild: picture-alliance/ dpa/dpaweb

Erst bekam Elfriede Jelinek den Nobelpreis. Dann ging der Deutsche Buchpreis an Arno Geiger, und Daniel Kehlmann verkaufte sich wie warme Semmeln. Woran liegt es, dass aus Österreich die aufregendsten Bücher der deutschsprachigen Gegenwartsliteratur kommen? Eine Spurensuche in Wien.

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          „Die gleiche Sprache ist es, die den Österreicher von den Deutschen unterscheidet.“ Karl Kraus hatte immer recht, aber was diese spezielle Erkenntnis angeht, fällt ihre Aktualität gerade wieder auf. Denn es sind nicht die Sachertorte und nicht der Grüne Veltliner, nicht der Opernball und nicht Karl-Heinz Grasser, es sind nicht die Trachtenschneider und nicht die Skifahrer, ja selbst die Berge und die Salzburger Festspiele sind es nicht, was den Österreicher von den Deutschen unterscheidet. Literarisch betrachtet, darf, ja muss man sagen: Es ist die Sprache.

          Der Verdacht, dass die aufregendste, eigensinnigste und vielfältigste deutschsprachige Literatur derzeit aus Österreich kommt, beschleicht Beobachter seit drei Jahren vor allem im Herbst, wenn auf der Frankfurter Buchmesse der Deutsche Buchpreis vergeben wird.

          Es begann im Herbst 2005. Ein Jahr zuvor hatte Elfriede Jelinek den Nobelpreis bekommen, und während so mancher noch fragte, welche österreichischen Autoren man denn tatsächlich lesen könne, gewann Arno Geiger mit „Es geht uns gut“ den erstmals verliehenen Deutschen Buchpreis - und stach damit ausgerechnet einen anderen Wiener Schriftsteller aus, nämlich Daniel Kehlmann. Auch wenn die Leser das Urteil rasch korrigierten, wurde doch allgemein bemerkt, dass es sich um zwei junge Autoren aus Österreich handelte, die da, flankiert von einer weiteren Österreicherin, der großen Friederike Mayröcker, um einen Preis antraten, der seither zum Verkaufsgaranten geworden ist.

          Österreichs literarische Höhen
          Österreichs literarische Höhen : Bild: Rainer Jahns

          Gütesiegel „österreichischer Autor“

          Das Studium und die zahlreichen Interpretationen der Long- und Shortlists, die der Vergabe jeweils vorausgehen, verstärken seither den Eindruck, dass in Österreich in jeder Altersklasse Ausnahmeautoren zu gedeihen scheinen. So folgte auf Geiger und Kehlmann 2006 der Wiener Journalist Daniel Glattauer, der mit „Gut gegen Nordwind“, einer gewitzen Liebesgeschichte in E-Mails, einen Überraschungserfolg landete und sich prompt neben so etablierten wie beliebten österreichischen Autoren wie Paulus Hochgatterer und Wolf Haas auf der Longlist zum Buchpreis wiederfand.

          In dieser Wintersaison schließlich sprachen nicht nur lokalpatriotische Kommentatoren vom „Jahrhundertherbst der österreichischen Literatur“. Eine Flut an vielversprechenden Neuerscheinungen aus der Alpenrepublik und insbesondere die neuen Romane von Michael Köhlmeier, Robert Menasse und Thomas Glavinic ließen Kritiker wie Buchhändler jubeln und „Die Presse“ vom „Gold für Österreich“ schwärmen.

          Nun hatte Österreich in Relation zur Größe des Landes - anders als die Schweiz - schon immer überproportional viele gute Autoren. Aber seit einiger Zeit fällt dieser Umstand wieder mehr auf. Das belegen die steigenden Verkaufszahlen, die für österreichische Belletristik vermeldet werden - und die Hand in Hand gehen mit dem neuerwachten Interesse der Verlagsvertreter: Die stellen fest, dass das Etikett „österreichischer Autor“ auch im deutschen Buchhandel wieder als Gütesiegel wahrgenommen wird.

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