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Nordatlantik - Island : „Njals-Saga. Die Saga von Njal und dem Mordbrand“

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Island, eine unwirtliche Insel von der Größe Süddeutschlands Bild: picture-alliance/ dpa/dpaweb

Isländisches Mittelalter: Die kühle Erzählkunst der Sagas. Die realistischen Prosaromane des isländischen Mittelalters berichten von Mord und Totschlag und werfen immer noch Rätsel auf.

          „Ulf hieß ein Mann“: Für einen Roman ist das ein merkwürdiger, doch gar kein schlechter Anfang. Nüchtern und ohne Umwege geht es hier um Menschen. Fast alle Isländersagas fangen so an: „Önund hieß ein Mann.“ Oder: „Kjetil Flatnef hieß ein Mann, ein Sohn des Björn Buna.“ Diese merkwürdigen Texte handeln von nichts anderem als von Männern und Frauen, ihren Beziehungen zueinander, ihren Streitigkeiten, ihren Reisen um die halbe Welt.

          Mit einem Mann fängt es an, mit einem anderen hört es - manchmal über hundert Jahre und mehrere hundert Seiten später - wieder auf, ebenso unspektakulär, wie es begonnen hat: „Thorkel, der Sohn des Gellir, war ein sehr tüchtiger Mann, und man sagte ihm außerordentliche Weisheit nach.“ Schluß. Nicht ohne Grund hat man die Sagas, diese „realistischen Prosaromane“ des isländischen Mittelalters, mit der kühlen Erzählkunst der Moderne verglichen. Die scheinbar emotionslosen Beschreibungen von Mord und Totschlag könnten einen Hemingway inspiriert haben, die eiskalten Familienpsychodramen in manchen Passagen von Faulkner stammen.

          Ohne jede Frömmelei und Phantasielandschaften?

          Können solche Erzählungen nahezu ohne metaphysische Anrufungen, ohne jede Frömmelei und Phantasielandschaften tatsächlich zur selben Zeit entstanden sein wie die Ritterromane Mitteleuropas mit ihren Märchenschlössern, Drachen und mythischen Helden? Gab es zur Zeit der Kathedralen und Scholastiker wirklich Autoren, die das Christentum bestenfalls als sozialhistorische Privatsache kannten und ganz nüchtern mit den Praktiken des germanischen Götterglaubens verglichen? Für die Literatur- und Mentalitätsgeschichte stellen die Isländersagas bis heute eines der größten Rätsel der Weltliteratur dar.

          Wir wissen noch nicht einmal, wer umfangreiche Werke wie die „Njáls-Saga“ oder die „Laxdoela-Saga“ geschrieben hat. Genauso schleierhaft bleibt, warum solche virtuosen Seelengemälde ausgerechnet auf dieser abgelegenen, dünn besiedelten und klimatisch harten Insel im Nordatlantik verfaßt wurden. Die ganze Frühgeschichte Skandinaviens hat man hier überliefert, im Norwegen und Schweden derselben Epoche hingegen kaum etwas zu Pergament gebracht. Wer steckte hinter der Idee, die Schicksale von lange gestorbenen Ahnen mit korrekten Zeit- und Ortsangaben, mit Hunderten von Nebenfiguren und exakt bilanzierten Strafrechtsprozessen, Fehden und Liebeshändeln aufzuschreiben wie ein moderner Buchhalter?

          Sie wirken mindestens wie Skeptiker

          Für den russischen Mentalitätshistoriker Aaron J. Gurjewitsch widerlegen die Sagas so ziemlich alles, was wir mit der Kenntnis der religiösen oder ritterlichen Texte Mitteleuropas über die Menschen des Mittelalters zu glauben wußten. Die Leute der Isländersagas gleichen keineswegs den ängstlichen, abergläubigen, traditionsbewußten, orthodoxen, irrationalen Kollektivmenschen, die uns Kunst, Philosophie und Literatur des Hochmittelalters vorstellen. Die Isländer sind Typen, Originale, bieten uns die ganze Charakterpalette vom Großmaul und Feigling bis zum depressiven Schlagetot. Sie sagen kein Wort zuviel, durchmessen zuweilen mit trockenem Humor einen detailliert bekannten Lebensraum zwischen Berg und See, haben mit Umwelt und Krankheit zu kämpfen.

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