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Martin Walser : Fegefeuer der Leidenschaften

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Meint es ernst in seinem neuen Roman: Martin Walser Bild: dpa

Mit „Angstblüte“ hat Martin Walser einen brennend aktuellen Roman geschrieben. Sein insgesamt achtzehnter ist eine Abrechnung mit dem Alter und gleichzeitig ein hemmungslos romantisches Manifest an Leidenschaft und Liebe.

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          Wenn ein Mann anfängt, sich lächerlich zu benehmen, weiß man, er meint es ernst. Martin Walser meint es sehr ernst in seinem neuen Roman „Angstblüte“. Ernst meint es auch sein Held Karl von Kahn, der sich aus verblendeter Verliebtheit zum „Gefühlsidioten“ macht.

          „Angstblüte“ ist das Protokoll einer tragischen Entgleisung, die Bestandsaufnahme einer verratenen Freundschaft, die Verneigung vor einer Ehe, eine Liebeserklärung an die Börse und das bisweilen ironische, bisweilen bedrückende Spiegelbild einer im Nerv getroffenen Gesellschaft, deren Hauptwährung die Täuschung ist. Es ist eine Abrechnung mit dem Alter ebenso wie das hemmungslos romantische Manifest einer aussichtslosen Liebe.

          Aufbegehren gegen Alter, Krankheit und Tod

          In diesem Lebensroman, seinem achtzehnten, bündelt Martin Walser noch einmal seine Urthemen und fügt ihnen eine neue, akute Dimension hinzu: Panik. Der Einsatz hat sich nicht nur in literarischer Hinsicht erhöht. Alles ist hier gesteigert: Der Wert der Bindungen, des Geldes und des Sex. Einzig das Selbstwertgefühl des Helden, der eine Enttäuschung nach der anderen erfährt, bleibt konstant niedrig.

          Die Angstblüte bezeichnet den letzten rasanten Fruchttrieb eines Baumes, bevor er abstirbt, ein Aufbegehren gegen Alter, Krankheit, Tod. Der Titel ist gut gewählt. „Angstblüte“ jedoch ein Alterswerk zu nennen, hieße, die Vitalität und den Furor, die Martin Walsers bessere Bücher seit jeher auszeichnen, mit einer Milde und Abgeklärtheit zu betrachten, die sie weder fordern noch verdient haben - und auch selbst nicht an den Tag legen. Angesichts der Ausschläge des neunundsiebzigjährigen Schriftstellers müßten sich viele jüngere deutsche Autoren fragen, ob sie im Vergleich dazu nicht scheintot sind.

          „Bergauf beschleunigen“, lautet sein Mantra

          Im Kosmos der Walserschen Hauptfiguren gehört Karl von Kahn einer neuen Schicht an. „Bergauf beschleunigen“, lautet sein Mantra, und in der Tat hat es der souveräne, gepflegte Herr Anfang Siebzig als Vermögensverwalter in der Kunst der Geldvermehrung, von ihm als Ersatzreligion gepriesen, weit gebracht. Das Zurschaustellen von Reichtum findet er indes banal: „Das Absahnen, Gewinnmitnehmen samt Geldausgeben ist die triviale Dimension... Wer aber Geld spart und verzinst, erlebt den ersten Schauer der Vermehrung. Der Zins ist die Vergeistigung des Geldes.“

          Die subtilen Insignien seines Erfolgs reichen von der feinen Innenstadtlage seines Münchner Büros über seine zärtlich geliebte, kluge Frau Helen, Ehetherapeutin, vegetarische Küchenfee und Opernhasserin, bis hin zu noblen Restaurants, wo Herr von Kahn in beflissener Steigerung der Tatsachen mit „Herr Baron“ angeredet wird und immer einen Tisch bekommt. Er hat eine Geliebte, die er seit Jahren auf der Wartebank verhungern läßt, und eine schwierige Tochter, die mit dem falschen Mann in Ostdeutschland Hühner züchtet und ebenfalls keine große Rolle in seinem Leben spielt.

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