https://www.faz.net/-gr0-tnrn

Katharina Hacker: Die Habenichtse : Nichts wird gut

  • -Aktualisiert am

Bild: Suhrkamp

Sozial engagierte und geschichtsbewußte Romankunst: Mit „Die Habenichtse“ beschreibt Katharina Hacker unerbittlich ihre Generation und demonstriert ihre außerordentlichen erzählerischen Fähigkeiten.

          Über die Befindlichkeit der zwischen 1965 und 1975 in der Bundesrepublik Geborenen wurde die lesende Öffentlichkeit ausführlich unterrichtet. Unpolitisch, aber stil- und markenbewußt, sollen sie zunächst gut gelaunt den von ihren Eltern erarbeiteten Wohlstand genossen haben und nur sporadisch vom Gefühl einer zähen Bewegungslosigkeit befallen worden sein. Auf die Wirtschaftskrise und die Terroranschläge seien sie unter Helmut Kohls Obhut nicht vorbereitet worden; so sei die Entspanntheit unversehens in nicht weniger als apokalyptische „Weltangst“ umgeschlagen.

          Die bisherigen Romane einer der begabtesten Erzählerinnen dieser Generation fügten sich aber nicht in das Schema. Die 1967 geborene Katharina Hacker, derzeit Stadtschreiberin von Bergen-Enkheim, hatte sich vielmehr bitteren Geschichten aus der Vergangenheit gewidmet, um sie, nach einem Wort Paul Ricoeurs, annehmbar zu machen „trotz allem“. In „Der Bademeister“ (2000) ließ sie einen Ausgesonderten sprechen, den in einem nach der Wende geschlossenen Badehaus Prenzlauer Berg die deutsche Geschichte umtreibt. In „Eine Art Liebe“ (2003) wurde das Schicksal eines Überlebenden der Judenverfolgung von einer deutschen Studentin in Israel erzählt. Die langsam zutage tretende Geschichte der von einem Verrat verdunkelten Freundschaft des Überlebenden zu einem Jugendfreund, der nach dem Krieg in ein Trappistenkloster geht, fünfzig Jahre später nach Berlin flieht und dort unter recht unchristlichen Umständen zu Tode kommt, wurde kunstvoll damit verknüpft.

          In die Entfremdung geführt

          So überrascht es, daß Katharina Hacker am Anfang ihres neuen Romans „Die Habenichtse“ nun Menschen ihrer Generation, die wie unvermeidlich Golf fahren, in den schicken Läden, Ateliers, Bars und Restaurants zwischen dem Hackeschen Markt und der Kreuzberger Bergmannstraße aufsucht. Jedoch ist von vornherein bezeichnend, daß das Geschehen im „Würgeengel“ seinen Anfang nimmt, der ultimativ stilisierten Bar in Berlins neuer Mitte, deren Name kokett auf Luis Buñuels Abendgesellschaft Bezug nimmt, die auf unerklärliche Weise gefangengehalten wird. Die Hauptfiguren des Romans, Isabelle und Jakob, entrinnen allerdings scheinbar dem schicken Ambiente, ihre Wahl aber ist blind, und so werden sie mit der Unausweichlichkeit des Tragischen in die Entfremdung geführt.

          Die beiden haben sich nach langer Trennung am 11. September 2001 auf einer Party in Berlin wiedergetroffen und sich erneut ineinander verliebt. Für dieses Rendezvous hat Jakob, ein auf Restitutionsansprüche von aus rassischen, politischen oder religiösen Gründen Verfolgten spezialisierter junger Anwalt, einen Termin im World Trade Center verschoben und ist so im Gegensatz zu seinem Kollegen Robert dem Tod entgangen. Obendrein erhält nun statt des Umgekommenen er den begehrten Posten in einer renommierten Londoner Kanzlei. Isabelle wird ihn begleiten, denn ihre Tätigkeit in einer Graphikagentur kann sie auch von dort aus weiterführen. Vorher heiraten sie, weil es „so passend“ ist. In Isabelles Augen aber nimmt Andras, ihr liebender Freund und Agenturpartner, plötzlich „eine unerbittliche Ziellosigkeit“ wahr.

          Es ändert sich überhaupt nicht viel

          Weitere Themen

          Topmeldungen

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.