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Island - Reykjavík : Kristof Magnusson: „Zuhause“

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Weil die Runturerei allmählich zu anstrengend ist und das Bier beim Laufen dauernd aus den Bechern schwappt, hat uns Sara ins NASA navigiert, den amtlichen Livemusikladen. Ein klassischer Ballsaal mit geräumiger Bühne und Bargalerie, es ist gestopft voll, tantrisch toben die Nachtagenten, heute ist „Charity night for anorexic girls“. Damit Sara und Elin nicht abmagern, muss ich ihnen Bier bringen. Benny Crespo's Gang tobt auf der Bühne und produziert Schreie, schrille Synthie-Sounds und zersägte Gitarrenbretter. Die Sängerin trägt einen buntgetupftes Kleidchen und Haarspangen und tanzt elfengleich wie Björk.

Die Bands werden stetig besser

Der Saal fühlt sich bedrohlich, und Wolfgang, die nächste Band, legt eine härtere Gangart ein. Ob wir heute auch Drogen nehmen, frage ich Elin. Nein, Drogen seien hier viel zu teuer, schreit sie, zehn Pillen kosteten hundert Euro, ein Gramm Koks sogar hundertfünfzig, das sei doppelt so viel wie in Europa. Deshalb würden sie und Sara auf die legale Droge Skyr ausweichen, einen quarkähnlichen Frischkäse, den müsse ich mal probieren. Und während sie sich totlachen, darf ich wieder Bier anschleppen. Die Bands werden stetig besser, die tätowierten Oberarme der Drummer immer dicker

Und nach einem halbstündigen Set kommt schon die nächste Gang. Show und Sound sind absolut perfekt, die Sugarcubes und Sigur Rós sind hier Standard, da hätte eine linkische Studentenband nichts zu melden. Stroboskope blitzen auf Leder und Strass, Jungs und Mädels tanzen wie Nordlichter am Himmel, die Atemluft hat 66 Grad nördlicher Breite - und dann kommen endlich die Headliner: Dr. Mister and Mr. Handsome, die waren in Island schon dreimal auf Nummer eins. Beatbox und Electrobass, zwei Tätowierte hüpfen, zetern, schreien, rappen in die Mikes und kopulieren auf der Bühne mit einem Clown.

Nationalspeise: Hotdog

Raserei am Polarkreis, durstige Mädchen fragen mich, ob sie von meinem Bier trinken dürfen, nur ganz kurz. Immer wieder kochen Applausgeysire empor, dann verschwinden die beiden Misters, und der Clown kriecht hinterher.

„Meira, meira!“, schreit die Crowd und fordert eine Zugabe nach der anderen, doch ich kann nicht meira, muss ins Freie. Auch dort tobt der Mob, der hupende Gaudiwurm zieht weiter und weiter seine Kreise, wild und rastlos und ohne Ende partygeil. Ich schwächele. Elin findet das lächerlich. Wir stellen uns irgendwo an, kommen irgendwo rein, keine Ahnung, vielleicht war es das Apothek, das Gaukur A Stöng oder das Ömmukaffi - obwohl, nein, das Omacafé war ja immer noch geschlossen. Weil die Omas in Reykjavík ausgestorben sind, hier gibt's nur noch Partypeople. Elin hat Durst, und Sara beschimpft mich, dass ich den Wodka verschenkt habe.

Zur Strafe gehen wir Hotdog essen, die Nationalspeise, nur gültig in der Version „Ein med öllu“, mit allem drauf: mit Remoulade und Ketchup, mit Senf und Zwiebeln, mit Kapern, Sardellen und Pfeffer und Koks, mit Viking und Walfleisch, mit Elfenhaar und Trollenschiss und Rambazamba, Meira, Meira. Ich bin am Ende. Rom war gestern, und Reykjavík ist morgen. Erst übermorgen ist alles vorbei.

Informationen

Iceland Express fliegt von Frankfurt, Berlin und Friedrichshafen nach Reykjavk. Touristische Auskünfte erteilt das Isländische Fremdenverkehrsamt, City Center, Frankfurter Straße 181, 63263 Neu-Isenburg, Tel.: 06102/254388, E-Mail: info@icetourist.de, www.visiticeland.com.

Literatur

Kristof Magnusson: „Zuhause“. Roman. Goldmann Verlag 2007. 320 S., br., 7,95 Euro.

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