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Island - Reykjavík : Kristof Magnusson: „Zuhause“

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Nächtliche Pilgerreise durch Pubs und Clubs

Die Straße füllt sich, alle sind gestylt. Die Jungs sehen aus, als kämen sie gerade vom Boy-group-Casting: die Haare hingepappt, dazu gerne weißes Sakko und Krawatte. Die Mädels indes zeigen Härte. Wie kalt es auch sein mag - Rock ist Pflicht, dazu verschärfte Aufbrezelung. Man lacht, winkt und trinkt Dosenbier, die Hotdog-Stände sind umlagert. Und da! Zwischen all den Marsibils und Haraldurs, den Sigurds und Björks winkt mir jemand zu.

Elin begrüßt mich, als ob wir Verwandte wären. Die Kreditkarte, bitte. Ja, ihr Papa habe ihr alles erzählt, sie solle einem ahnungslosen Fremdling im Parka das Nightlife zeigen. Das sei eine verantwortungsvolle Aufgabe, und deshalb habe sie ihre beste Freundin Sara mitgebracht. Sara fackelt nicht lange. Die „Runtur“, die nächtliche Pilgerreise durch Pubs und Clubs, sei eine ernste Angelegenheit, sagt sie. Und eine teure. Und ob mir bekannt sei, dass man unbedingt vorglühen müsse. Ich zücke eine Wodkaflasche aus meiner Parkatasche und habe sofort zwei allerbeste Freundinnen. Die Flasche geht rum, schon nach wenigen Sekunden verliert sich ihre Spur im Getümmel.

Elfen in der Einkaufsstraße

Wir gehen auf Inspektion. Unglaublich viele hübsche Elfen sind unterwegs, und das sei ja auch kein Wunder, sagt Elin, schließlich habe Island bislang vier Miss Universums hervorgebracht. Schon wieder hat Reykjavíks Hauptstraße die mythische Verwandlung von der Einkaufszeile zur Vergnügungsmeile durchgemacht: Im Solon wird nicht mehr gespeist. Die Tische sind weggeschoben, die Türen schwer mit Schwarzbejackten bewacht, aus der Tür quellen die fetten Beats von DJ Rikki G. Auch im Rex ist der Nachtisch verspeist, in einer Ecke wird schon getanzt. DJ Gulli Osoma steht an den Decks und zelebriert ein abgefeimtes Hardcore-Set.

Die „Runtur“ hat ein ideales Tempo, irgendwie unangestrengt, leicht, fast schwingend; sie entspricht wohl irgendwie dem Tölt, dieser speziellen Gangart, die nur die Island-Pferde draufhaben. Freundin Ólóf kommt uns entgegen und gibt Zwischenergebnisse durch, die Girls unterhalten sich in ihrer Sprache, die sich seit tausend Jahren kaum verändert hat. Im Sirkus sei es schon sinnlos voll, im Rex mal wieder nur Snobs unterwegs, und ins Amsterdam solle man nur gehen, wenn man auf die Fresse wolle. Sie, Ólóf, gehe jetzt ins Vegamót, wir könnten ja am nächsten Tag auf der Homepage des Clubs nachschauen, wie's gewesen ist, denn die stellten die Fotos der Partycrowd gleich am nächsten Tag ins Netz. Weg ist sie.

Vor dem Kaffibarinn eine riesige Menschentraube. Der Türsteher ist schwer damit beschäftigt, die Bierbecher der wartenden Kids auszuschütten, man darf nämlich keines mit reinnehmen. Auch vor dem Pravda hat sich inzwischen eine wabernde, tobende Traube formiert, in einer riesigen Bierlache wartet man auf Einlass. Die hier Stehenden haben ihre Bierbecher höchstwahrscheinlich aus dem Kaffibarinn oder dem Sirkus mitgebracht, rausnehmen darf man nämlich, aber am nächsten Eingang muss es wieder ausgeschüttet werden.

Wir versuchen nochmal, ins Sirkus reinzukommen, und scheitern wieder. Ist aber nicht schlimm, meint Elin. Wie's drinnen aussieht, könne man sich ja auf Youtube anschauen, da gebe es Björks Video zu „Triumph Of A Heart“, an Ort und Stelle gedreht von Spike Jonze.

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