https://www.faz.net/-gr0-wh6a

Island - Reykjavík : Kristof Magnusson: „Zuhause“

  • Aktualisiert am

Wir verlassen das Dillon, treten hinaus ins Freie - und stehen mitten im Sturm. Um uns herum tobt ein Volksfest: Eine endlose Karawane aus Jeeps, SUVs und anderen aufgepimpten Cruisern rollt im Laufbandtempo hinunter in die Stadt. Kids mit Bierdosen in den Händen johlen, lachen und schreien, fahren ein Stück mit oder nicht, das Partyvolk patrouilliert auf dem Corso, überall ist die Hölle los. Kurz vor zwölf unter oszillierender Dämmerung. Heute hätten die meisten Läden bis sechs auf, meint Hilmar. Doch meine jetlaggepowerte Müdigkeit hat sich nicht gebessert. Wir verabschieden uns, unterwegs mache ich einen Flaschensammler zum Kronenmillionär, indem ich ihm die volle Wodkapulle schenke, und gehe schlafen.

Die beste Hummersuppe der Welt

Leverkusen am Meer. Herrlich, diese Kleinstädte. Schnell ist man einmal durch Reykjavík, die rauchige Bucht, getigert. Irgendwann stehe ich vor der Werbetafel eines Restaurants, auf der neben den obligatorischen Lammund Hummergerichten auch ein Menu vom „Puffin in Brennivín“ angepriesen wird. Puffins! Die possierlichen Papageientaucher mit den bunten Riesenschnäbeln! Müssen die Isländer denn unbedingt die niedlichsten Seevögel der Welt aufessen? Und dann auch noch Wale jagen?

Wenigstens finde ich am Fischereihafen die Spelunke vom alten Kjartan. Da werde die beste Hummersuppe der Welt serviert, wie Hilmar versichert hat. „Vínurmín“, knarzt Kjartan beim Eintreten und zwinkert mit seinem einen Auge, „mein Freund, ich weiß, was du brauchst“ -- und stellt mir einen Styroporpott mit einer cremigen, orangeroten Substanz hin. Hummersuppe! Sie schmeckt phantastisch, Löffel für Löffel. Und das Beste: Man kann vom Esstisch aus sogar Wale beobachten! Ganz, ganz langsam bewegt sich der in Stücke geschnittene, kolossale Meeressäuger in Form eines Minkwalfleischspießes auf meinen Tisch zu. Ich habe noch nie Walfleisch gegessen, weil man das nicht tut. Kjartan ist aber anderer Meinung. Geräucherter Wal sei köstlich, sagt er, und schiebt mir den Spieß mit den dunkelroten Fleischwürfeln hin. Sie schmecken sensationell lecker. Unglaublich! Man sollte sofort alle Wale dieser Welt schlachten und zu Spießen verarbeiten. Ob der alte Fischersmann auch Puffins im Programm hat? Wie lecker mögen die wohl erst sein?

„101 Reykjavík“ nenne man die Gegend hier, erklärt mir später ein Buchhändler auf dem Laugavegur, das sei nämlich die Postleitzahl des Zentrums, und so heiße auch der berühmte, sogar verfilmte Roman von Hallgrímur Helgason, ein Buch über einen dreißigjährigen Nichtstuer, der das Postleitzahlengebiet 101 nie verlässt, hauptsächlich im Kaffibarinn abhängt und die lesbische Freundin der Mutter schwängert. Gutes Buch, sagt der Buchhändler, aber auf Englisch hat er es leider nicht vorrätig. Er drückt mir „Zuhause“ in die Hand, einen auf Deutsch erschienenen Roman von Kristof Magnusson.

Ich setzte mich nebenan ins Café Prikid und lese ein bisschen in dem Debütroman des jungen Deutsch-Isländers, er erzählt lakonisch und komisch: „Auf den Parallelstraßen wäre man viel schneller vorangekommen, und doch fuhren alle den Laugavegur hinab“, schildert der Erzähler das nächtliche Treiben. „Alle halfen mit, wenigstens freitags und sonnabends einen Verkehrsstau zu erzeugen, wie er sich in Reykjavík sonst selbst im dichtesten Berufsverkehr nicht einstellen wollte. An den Wochenenden zwischen ein und sechs Uhr wirkte die Stadt so großstädtisch wie nie. Alle stürzten sich in das Nachtleben, diese kollektive Auflehnung gegen den Winter, die Dunkelheit, Langeweile, Pizzabringdienste, Chat-Rooms und Pay-TV.“ Genau - gegen die Langeweile! Gleich treffe ich Elin und bekomme alles erklärt. Zu spät fürs Thermalbad, aber es reicht noch zum Vorglühen im Hotel.

Weitere Themen

Da kann einem das Staunen vergehen

Nekes Mediensammlung : Da kann einem das Staunen vergehen

Die einzigartige medienhistorische Sammlung Nekes wird jetzt zwar aus öffentlichen Mitteln erworben – aber fern öffentlicher Sichtbarkeit auf drei verschiedene Standorte verteilt.

Topmeldungen

Newsletter

Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.