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Island - Reykjavík : Kristof Magnusson: „Zuhause“

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Das Bier schmeckt wie ein angezapfter Gletscher

Knapp dreihunderttausend Einwohner lebten auf Europas zweitgrößter Insel, und damit sei Island, das in etwa die Größe der alten DDR habe, das am dünnsten besiedelte Land Europas. Mehr als die Hälfte aller Isländer wohnten in und um Reykjavík, und damit das Leben auf der Insel am Polarkreis nicht allzu trostlos verlaufe, habe man sich mehr als hundert Golfplätze und ebenso viele Freibäder zugelegt, und das sei absoluter Weltrekord.

Stolz grinst Hilmar und bestellt eine weitere Runde. Viking Bier ist kalt und klar, es schmeckt wie ein angezapfter Gletscher. Hilmar ist Ingenieur in einem der großen Aluminiumwerke und macht nebenher irgendwelche Internetgeschichten. Er sei mit Björk verwandt, sagt er, und der Staatspräsident sei sein Klassenkamerad gewesen. Aber das - er lacht - sei normal hier, irgendwie kenne ja jeder jeden, und wen man nicht kenne, mit dem sei man mindestens verwandt. Alle Isländer seien leidenschaftliche Ahnenforscher, und er, Hilmar, Sohn des Sigurd, habe denselben Großgroßgroßgroßvater wie Björk.

Ja, das Leben auf Island, brüllt Hilmar in krisslige AC/DC-Klangwolken, sei insgesamt schon viel besser geworden. In den Achtzigern habe das Fernsehen nur wenige Stunden am Abend gesendet, donnerstags gar nicht, und im Juli waren Betriebsferien. Und richtiges Bier sei auch erst seit 1989 legal, vorher habe man in den wenigen Pubs der Stadt das ausgeschenkte Dünnbier mit Schnaps hochschrauben müssen.

Walross in der Lagune

Ob er Schnaps wolle, frage ich ihn, und deute auf die Wodkaflasche in meiner Parkatasche, aber er winkt lachend ab. Nein, Brennivín habe er genug zu Hause, einen gewürzten, bis in die Kapillaren strahlenden Aquavit, und den brauche man auch, um isländische Spezialitäten wie verfaulten Haifisch, Widderhoden oder gesengten Lammkopf runterzuspülen. Ich solle lieber mal morgen ins Thermalbad gehen, am besten ins Laugar, das sei das größte und beste in der Stadt. Die berüchtigte Blaue Lagune beim Flughafen könne ich mir ruhig schenken - auf den Souvenirpostkarten seien zwar immer hübsche, junge Damen beim Baden in blauer Brühe zu sehen, in Wahrheit tummelten sich dort aber nur weiße amerikanische Walrösser während ihres vierstündigen Island-Stopovers.

Ein letztes Viking geht weg wie nichts, das Zeug ist eine höhere Form des Wassers. Ja, kreischt Hilmar, der Staat saniere sich durch sprudelnde Heißwasserquellen und durch nicht minder sprudelnde Alkoholsteuerquellen, die höchsten in Europa. Und deswegen brauche seine Tochter Elin auch dringend ihre Kreditkarte. Aber Elin kommt nicht. Er leiht sich mein Handy und telefoniert kurz und ziemlich unwirsch. Dann erklärt er mir, was ich morgen Abend vorhabe: Ich wolle doch das Nachtleben erkunden. Und daher würde ich mich morgen Abend mit Elin treffen. Sie könne mir alles zeigen, das sei Ehrensache, und erkennen würde ich sie an - er drückt sie mir in die Hand - dieser ihr fehlenden Kreditkarte. Um zehn Austrurstaeti, Ecke Laekjargatam, am Hotdog-Stand.

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