https://www.faz.net/-gr0-uqv9

Irland - Achill Island : Heinrich Böll: „Irisches Tagebuch“

  • Aktualisiert am

Die Gischt knistert wie Guinessschaum auf dem Sand Bild: Rauchhaupt

Das Wasser hat sich zurückgezogen. Die Silhouette des buckligen Berges spiegelt sich im nassen Sand zum Kussmund. Am Ende der glänzenden Strandsichel flackern die Lichter von Keel, sechs Kilometer sind es von der kleinen Quelle bis in den Ort.

          8 Min.

          Das Wasser hat sich zurückgezogen, es ist Nacht. Die Silhouette des buckligen Berges spiegelt sich im nassen Sand zum Kussmund. Am Ende der glänzenden Strandsichel flackern die Lichter von Keel, sechs Kilometer sind es von der kleinen Quelle unterhalb der Minoan Cliffs bis in den Ort. Heinrich Böll wird diesen Abendspaziergang oft unternommen haben, als er 1954 in Bervies Guesthouse direkt am Strand wohnte.

          Der damals 36-jährige Familienvater war an den nordwestlichen Rand Europas gereist, um weit weg vom Durcheinander des Hausbaus in Köln-Müngersdorf zunächst am „Brot der frühen Jahre“ zu arbeiten. Den Tipp nach Achill Island zu fahren, hatte er in Dublin bekommen, in Deutschland war die größte Insel Irlands kaum bekannt. Böll beförderte sie in die Weltliteratur und sicherte ihr den Status eines deutschen Sehnsuchtsortes. Ihm selbst wurde sie zur zweiten Heimat.

          Hexensabbat im Ring der Neubauten

          Fünfzig Jahre sind seit Erscheinen des „Irischen Tagebuchs“ vergangen. In der Nacht ist am leichtesten, die Uhr zurückzudenken. Ein Hund bellt von Dookinella herüber, in der Luft liegen Salz und Süße, das Faulige des Tangs, die Schärfe des Schafsdungs und ganz leicht der Rauch eines Torffeuers. Am Tag beherrscht gelbes und blaues Neopren das Bild, Surfer lassen sich von den Wellen auf den Sand spülen. Der knapp 700 Meter hohe Slievemore, auf dessen Moospolstern der Blick gerne rastet, hat einiges an Wildheit und Geheimnis eingebüßt. Der Hexensabbat, den Böll dort hinzuphantasieren vermochte, müsste heute im Ring der Neubauten abgehalten werden.

          Ausflug in die Zeitlosigkeit: Die Klippen von Achill Island

          Im Zentrum von Keel klafft dort, wo das „Village Inn“ stand, in dem sich Heinrich und Padraic zuprosteten, ein umfangreiches Loch. Auch gegenüber eine Baustelle: Keel House steht leer, das Haus, das Böll schon im Jahr nach seinem ersten Besuch für seine Familie anmietete. Ein Schild am Zaun verkündet Instandsetzungsarbeiten. Achill Island profitiert sichtlich von der seit zwölf Jahren anhaltenden irischen Hochkonjunktur.

          Ausflug in die Zeitlosigkeit

          Ein Stück die Straße nach Dooagh hinauf parken vor der Praxis des Inselarztes Autos neuester Baujahre. Doktor Edward King kommentiert augenzwinkernd: „Die Herzkrankheiten nehmen zu. Damals mussten die Leute fit genug sein, um in die Praxis meines Vaters zu radeln. Heute fährt keiner mehr Rad.“ Sein Vater war mit Heinrich Böll befreundet gewesen. Mit literarischen Folgen. Eine seiner Geschichten - „Die schönsten Füße der Welt“ - erzählt von der Angst der Arztfrau um ihren Mann, der nachts entlang der Klippen über die rutschige Schotterstraße zu einer Gebärenden fahren muss. „Dass meine Mutter so ängstlich war, hat Böll gut gesehen“, erinnert sich der Mann mit dem grauen Igelschnitt, „aber sie war eher weltlich eingestellt. Gebetet hätte sie nicht um meinen Vater.“ Es hat einfach zu gut gepasst, zu einer Irin.

          Das „Irische Tagebuch“ ist kein Tagebuch. Aber ein Buch in dem Böll „ich“ sagt und mit vielen „wir“ seine Frau und seine drei Söhne mit einbezieht. Seit gerade vier Jahren konnte der inzwischen bekannte Nachkriegsautor von seinen Honoraren leben, seit zwei Jahren häuften sich die Preise. 1955 war ein Urlaub drin. Ein Urlaub mit Familie und Schreibmaschine. Die ging zwar auf dem Bahnhof kaputt, konnte aber schnell repariert werden. Böll gönnte sich einen Ausflug in die Zeitlosigkeit. Statt auf unbestechliche Wirklichkeitsbefragung setzte er auf Farben und fantastische Effekte.

          Die Klippen leuchten rotblond

          Topmeldungen

          Arbeitgeber in Panik : Keiner kennt die Kosten der Grundrente

          1,5 Milliarden Euro könnten für die Grundrente womöglich nicht ausreichen, fürchten die Arbeitgeber. In der Union rumoren die Parlamentarier. Doch die Unions-Minister unternehmen keine hörbaren Anstrengungen mehr.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.