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Frioul-Inseln - Ile d'If : Alexandre Dumas: „Der Graf von Monte Christo“

  • Aktualisiert am

Alexandre Dumas: zeitgenössische Darstellung Bild: picture-alliance / dpa/dpaweb

Die Felseninsel mit dem Château d'If ist das touristische Chouchou aller Besucher von Marseille. Im Stundentakt, wenn der Mistral es zuläßt, drängen die Ausflügler zum Schauplatz von Dumas' Roman „Der Graf von Monte Christo“.

          Die „Mistral“ hat eine Zulassung für hundertsiebzig Passagiere. Zehn Euro kostet der Sprung aus der Bucht von Marseille in das offene Meer. Für fünf Euro kommt man schon bis nach Korsika, jedenfalls wenn man der Werbung in den Zugabteilen glaubt. Doch das Boot ist besetzt bis auf den letzten Platz, als es sich vor der angezeigten Uhrzeit schüttelt, die Möwen mit dreifachem Fauchen verscheucht und seine Fahrt zur kleinen Insel beginnt. Es ist eine Zeitreise von zwanzig Minuten und zwei Kilometern, vom Quai des Belges rasch um Jahrhunderte zurück bis 1844, 1582, 1516, je nachdem.

          Die Felseninsel mit dem Château d'If ist das touristische Chouchou aller Besucher von Marseille. Im Stundentakt, wenn der Mistral es zuläßt, drängen sich die Ausflügler an Bord, und bei der letzten Rückfahrt am späten Nachmittag schieben sie einander gegenseitig von der Rampe fast ins Wasser, als gälte auch für sie der Satz, daß nur einem jemals die Rückkehr nach Marseille geglückt sei - und der war noch erfunden: Edmond Dantès, der Graf von Monte Christo.

          Die Fotografen wechseln stolpernd zwischen Bug und Heck, um den alten Hafen einzufangen, das barocke Rathaus mit der Altstadt an den Mühlenhügeln, hoch gegenüber Nôtre-Dame de la Garde mit der vergoldeten Madonna. Dann wieder schnell nach vorne, nah vorbei am grünen Leuchtturmglas, den Hafenforts und in den Wind, damit sich die Angstlust in spitzen Schreien äußern kann, wenn das Schiff mit raschen Sprüngen auf den Wellen durch die Gischt hüpft.

          Chateau d'If: das Gefängnis des Grafen von Monte Christo

          Der „Riese aus Granit“

          Die Gischt ist der „Cimétière du Château d'If“ laut des letzten Satzes des zwanzigsten Kapitels in jenem Buch, das allen heimlich hier als Reiseführer gilt: „Le Comte de Monte Christo“, Alexandre Dumas' berühmtester Roman, die unerhörte und in jeder Hinsicht maßlose Erzählung um den perfide denunzierten Kapitän Edmond Dantès, der vierzehn Jahre lang auf dieser Insel eingekerkert lebt, ohne seine Schuld und ohne auch nur eine Anklage zu kennen. Bei seiner Flucht in einem zugenähten Leichensack, „fallend, fallend“, wie es im Roman heißt, tief stürzend in eine ungeheure Leere, vereist sein Herz. Das macht ihn fähig für sein zweites Leben als Racheengel der Gerechtigkeit. Er ist der einzige, für den das Meer, der „Friedhof von Château d'If“, nicht das Ende ist, sondern das Element einer Wiedergeburt.

          Am Nordkai steigen hundertsiebzig Besucher zielstrebig den Wehrgang unterhalb der Schießscharten hinauf, als seien sie schon einmal hier gewesen. Es gibt keinen anderen Weg. Dann durch ein kardinalrotes Portal, und es liegt vor uns: das Château, aus Kalkstein grob gefügt, nachlässig mit Putz beworfen, der wiederum mit Ziegelstein- und Kalksteinsplittern bunt durchsetzt ist. Es gibt nichts anderes an dieser Küste. Den „Riesen aus Granit“ mit dem drohend hochgereckten Arm, den Dantès, fast schon in Sicherheit, beim Blick zurück entdeckt, hat sich Dumas nur ausgedacht. Er stammte aus dem Norden und lebte, als er den Roman schrieb, schon zwanzig Jahre lang in Paris in einem Haus aus geschnittenem Kalk. Mag sein, daß er die Eindrücke der vielen Reisen, auf denen er aus der Hauptstadt floh, nicht besser auseinanderhalten konnte. Möglich freilich auch, daß einer seiner vielen Helfer diesen Fehler in den falschen Stein gemeißelt hat.

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