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Frankreich - Sesenheim : Johann Wolfgang Goethe: „Dichtung und Wahrheit“

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Sesenheim: Malerisch und im Zustand des Verfalls Bild: ROGER_VIOLLET

Als Goethe in seinem Lebensbericht „Dichtung und Wahrheit“ zu der fraglichen Episode kam, schreckte er nicht davor zurück, sie zu einem kleinen, aber bedeutungsschweren Roman zu stilisieren. Goethe, Weill, Lenz - von Sessenheim nach Fort-Louis.

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          Als Johann Wolfgang Goethe in seinem Lebensbericht „Dichtung und Wahrheit“ zu der fraglichen Episode kam, schreckte er nicht davor zurück, sie zu einem kleinen, aber bedeutungsschweren Roman zu stilisieren. Die Vorkommnisse von einst, unbedeutend genug, waren ihm längst aus dem Sinn - jetzt ging er, viele Jahre später, daran, sie poetisch zu verklären, nicht zum amour fou, aber doch zur innigen Jugendliebe schlechthin.

          Er hatte Sinn für Einkleidung, Verbrämung, Mummenschanz, Bedeutungswandel, doch auch für die ältere flämische Malerei, die sich bei allem Realismus an bestimmte Kunstprinzipien hält, zuoberst die Regel, daß ein gut komponiertes Bild einen belebten Vordergrund, einen Mittelgrund von geringerer Bedeutung sowie einen eindrucksvollen Hintergrund haben solle. Das alles war hier vorgegeben, und war es nicht vorhanden, so ließ es sich doch ohne Aufwand anmutig hinstellen.

          Schmelz der guten Jahre

          Der Hintergrund: die Hecken der Dorfgärten, das Dörflein selbst, die anspruchslosen Fachwerkhäuser um das Kirchlein geschart, die sommerheiße Ebene, Wiesen ringsum, Auen, Fußpfade. Zur Rechten das stattlichere Soufflenheim, weit hinten die Berge, das „Vogesische Gebirge“; zur Linken Drusenheim, flankiert von seinen Rheinarmen, und im Süden fern am Horizont, ihn begrenzend, mehr erahnt als gesehen, der Münsterturm zu Straßburg. „Diese verschiedenen himmelhellen Gemälde waren durch buschige Rahmen eingefaßt, so daß man nichts Erfreulicheres und Angenehmeres sehen konnte.“

          Sesenheim hat eine Goethestraße, eine Goethe-Hügel und eine Goethe-Eiche

          Der Mittelgrund: Die Pfarrkirche von Sesenheim, das längst Sessenheim heißt, malerisch im Zustand des Verfalls, doch Kirchenleitung und Gemeinde hatten schon Mittel für den Neubau zugesagt, Pfarrer Brion studierte Architekturpläne, der jugendliche Besucher aus Straßburg, Student der Rechte, lieferte dem Pastor manchen guten Riß, zeichnete auch das Pfarrhaus und die benachbarte Scheune. Frau Brions Gesicht war regelmäßig und der Ausdruck desselben verständig, in ihrer Jugend dürfte sie schön gewesen sein. Jetzt war ihre Gestalt lang und hager, der Schmelz der guten Jahre dahin, das Kinderkriegen und die Gartenarbeit hatten Madame früh verbraucht. Im Vordergrund des Tableaus: zwei der vier Brionstöchter.

          Wir sind schon mitten im Roman, die erste Begegnung nimmt sich in der Niederschrift des Weimarer Ministers a. D. so aus: „Die älteste Tochter kam wieder hastig in die Stube, unruhig, ihre Schwester nicht gefunden zu haben. Man war besorgt um sie . . . In diesem Augenblick trat sie in die Türe; und da ging fürwahr an diesem ländlichen Himmel ein allerliebster Stern auf. Beide Töchter trugen sich noch deutsch, wie man es zu nennen pflegte, und diese fast verdrängte Nationaltracht kleidete Friederiken besonders gut. Ein kurzes, weißes, rundes Röckchen mit einer Falbel, nicht länger, als daß die nettsten Füßchen bis an die Knöchel sichtbar blieben; ein knappes, weißes Mieder und eine schwarze Taffetschürze - so stand sie auf der Grenze zwischen Bäuerin und Städterin.“ Die letzte Bemerkung ist der erste Vorbehalt - der Frankfurter Großbürgersohn Goethe hatte, wenn auch verliebt, den Blick seiner Klasse für Bildungs- und Einkommensunterschiede, kurz: für das Standesgefälle zwischen sich und der süßen Landpomeranze.

          Liebespaar im feuchten Gras

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