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Frankreich - Paris : Dan Brown: „Sakrileg“

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Für die Satanisten hat Brown sieben Glasscheiben der Pyramide unterschlagen Bild: AP

Wer sich auf den Spuren des „Da Vinci Code“ durch Paris bewegt, wird dauernd darauf stoßen, dass Dan Brown sich die Wahrheit zurechtgebogen oder mutwillig verfälscht hat. Eine Vor-Ort-Recherche.

          7 Min.

          Die Mona Lisa also. Ein wahnsinniger Rummel um eine Frau, die nicht halb so schön ist, wie alle tun. Die berühmt ist um ihrer Berühmtheit willen. Etwa so wie Paris Hilton. In der Mitte eines Saals mit beigefarbenem Velours an den Wänden. Hinter Panzerglas. Von einem kleinen Spot angestrahlt, um dem Bild mehr Leuchtkraft zu verleihen - und mehr Geheimnis, als es aus der Entfernung der Absperrungen entwickeln kann. Wenn man da dann so steht, läßt sich gar nicht mehr erkennen, ob nicht vielleicht einfach nur ein Poster im Rahmen hängt. Fürs bloße Auge ist der Unterschied nicht auszumachen. Die Aura muß man schon glauben, aber das ist in der Welt der Reichen und Berühmten schließlich immer so. Die Mona Lisa ist also nichts weiter als ein Superstar unter den Gemälden, der gefangen ist im goldenen Käfig seines Ruhms.

          Und auch wenn die Mona Lisa in Dan Browns Bestseller „Da Vinci Code“, zu deutsch „Sakrileg“, keine so große Rolle spielt, so geht es doch genau darum: wie der Blick des Reisenden konditioniert wird und wie Sehenswürdigkeiten durch den Roman ihre eigene Geschichte bekommen, für die allemal gilt, daß eine schöne Lüge besser ist als die bloße Wahrheit. Wer sich auf den Spuren des „Da Vinci Code“ durch Paris bewegt, wird dauernd darauf stoßen, daß Dan Brown sich die Wahrheit zurechtgebogen oder mutwillig verfälscht hat. Den Spaß am Buch mindert das aber natürlich nicht, und auf den Führungen bilden gerade die Hinweise auf Browns Irrtümer den größten Reiz. Es wäre geradezu langweilig, wenn sich herausstellte, daß alles an der Geschichte der Wirklichkeit entspricht.

          Von der Polizei aus dem Schlaf geklingelt

          Die Führung von Classic Walks etwa beginnt um zehn Uhr vormittag auf der Place Vendôme vor dem Hotel Ritz, sie dauert gut zwei Stunden und kostet zwanzig Euro. Die Führerin heißt Mary Beth, kommt aus Texas und ist mit einem Franzosen verheiratet. Ein Dutzend Leute sind da, ein paar Paare aus England und Schottland, der Rest aus Amerika und dazu immerhin vier Journalisten, eine Kollegin von „Le Parisien“ und zwei sogar aus Hongkong. So kurz vor dem Start der Verfilmung von „Da Vinci Code“ ist das Thema naheliegend, und so ist es kein Wunder, daß Mary Beth auch schon in der Londoner „Times“ mit ihrer Führung auftauchte. Sie macht das auch sehr pfiffig, erzählt vom Plot des Romans gerade so viel, wie man wissen muß, um die Bedeutung der Schauplätze einordnen zu können, und hat im übrigen eine große Freude daran, aus den Ungereimtheiten des Buchs ihre Pointen zu basteln.

          Beginn der Führung: Vor dem Hotel Ritz auf der Place Vendôme
          Beginn der Führung: Vor dem Hotel Ritz auf der Place Vendôme : Bild: AP

          Das Ritz selbst ist als Schauplatz fürs Buch nicht wirklich wichtig, und Besuche von Touristengruppen sind wahrscheinlich auch nicht richtig erwünscht, deshalb wird nur kurz erzählt, was man übers Hotel und Hemingways Besuche dort wissen muß. Der Romanheld Robert Langdon nächtigt dort in „einem herrlichen Renaissance-Schlafzimmer mit den antiken Möbeln, einem mächtigen Mahagoni-Himmelbett und einem handgemalten Fresko an der Wand“. Klingt komfortabel und kostet von sechshundert Euro an aufwärts. Daß sich ein Harvard-Dozent für religiöse Symbologie wie Langdon so etwas leisten können soll, meint Mary Beth vergnügt, sei doch eher unwahrscheinlich. Falls aber einer der Teilnehmer an der Tour zufällig hier wohne, käme die Gruppe hinterher gerne auf einen Drink vorbei. Langdon hat im übrigen nicht viel von seinem luxuriösen Nachtasyl, weil er um halb zwei in der Früh von der Polizei aus dem Schlaf geklingelt und in den Louvre bestellt wird, von wo er so schnell nicht wieder ins Hotel zurückkehren wird.

          An der Stelle des Parks war einst eine Lehmgrube

          Wie es von dort weitergeht, hat sich Dan Brown wohl eher erträumt als auf dem Stadtplan oder in der Wirklichkeit überprüft. „In südlicher Richtung“, heißt es, werde Langdon „am Opernhaus vorbei“ über die Place Vendôme gefahren - die Oper liegt jedoch zwei Blocks nördlich und schon gar nicht auf dem kürzesten Weg Richtung Louvre, auch dann nicht, wenn man wie einst Dodi Al-Fayed und Prinzessin Diana die rückwärtige Garagenausfahrt nimmt.

          Zu Fuß sind es ohnehin nur ein paar Schritte durch die Rue de Castiglione über die Rue de Rivoli zu den Tuilerien, und auch hier hat sich Dan Brown einige Freiheiten erlaubt, die mit der Straßenverkehrsordnung kaum zu vereinbaren sind. Denn im Roman fahren Langdon und ein Begleiter einfach geradeaus weiter in die Gartenanlage, um auf den kiesbedeckten Wegen zum Louvre weiterzurasen. Aber zum einen sind nachts die Tore zu den Tuilerien verschlossen, und zweitens geht es einige Stufen hinab in die Gärten, wofür man eher einen Geländewagen als einen Citroën CX wie im Buch bräuchte. Aber hätte Langdon den korrekten Weg genommen, hätte Brown keine Gelegenheit gehabt, die Leser über die Herkunft des Namens Tuileries aufzuklären. An der Stelle des Parks hatte sich einst eine Lehmgrube befunden, aus der die Pariser Bauunternehmer den Ton für die typischen Pariser Dachziegel, die tuiles, holten.

          Aber immerhin hätte Brown seinen nächsten Fehler vermeiden können, denn im selben Kapitel behauptet er, vom Arc du Carrousel an der Esplanade am Ende der Tuilerien habe man einen Blick auf vier der großartigsten Museen der Welt, eines in jeder Himmelsrichtung. Im Süden das Musée d'Orsay, im Westen das Jeu de Paume, im Osten natürlich den Louvre und im Norden das Centre Pompidou - das allerdings weder im Norden liegt noch von dort aus überhaupt zu sehen ist, es sei denn vom Dach des Louvre aus. Mary Beth verweist darauf, daß es tatsächlich ein viertes Museum zu sehen gebe, nämlich die dem Jeu de Paume gegenüberliegende Orangerie, aber deren Rang war Brown offenbar nicht spektakulär genug.

          „Flüstern uralter Weisheit“

          Da der Louvre selbst den Rahmen dieses Spaziergangs sprengen würde, begnügt sich die Reisegruppe mit dem Besuch der unterirdischen Glaspyramide, der Pyramide inversée, in deren sieben Meter tiefem Lichthof ihre Spitze eine weitere kleine Steinpyramide fast berührt, vor der Langdon auf der letzten Seite des Romans ehrfürchtig niederkniet und „das Flüstern uralter Weisheit, das aus den Tiefen der Erde zu ihm drang“, zu vernehmen glaubt. Wer wissen will, warum, wird nicht darum herumkommen, den Roman zu lesen oder wenigstens den Film zu sehen.

          Ein weiteres Detail läßt Mary Beth nicht unerwähnt: Daß I. M. Peis Eingangspyramide inmitten des Cour Napoléon keineswegs, wie von Brown behauptet, „auf Anordnung Mitterrands“ aus 666 Glasscheiben zusammengesetzt sei, sondern aus 673, was allerdings eine Zahl ist, mit der Satanisten nicht viel anfangen können. All dies spielt natürlich nicht wirklich eine Rolle, und fast ist man von der Wirklichkeit ein wenig enttäuscht, weil die sieben Glasplatten den Unterschied zwischen einem unbedeutenden Detail und einer guten Geschichten ausmachen.

          Verbeugung vor der Pop-Kultur

          Manchmal ist aber auch die Realität interessant genug: Neben dem Brunnen hinter der Pyramide weist Mary Beth auf ein in den Boden eingelassenes Bronzemedaillon, auf dem Arago steht sowie die Buchstaben N und S. Hundertfünfunddreißig dieser Messingplatten sind in Paris verstreut in den Boden eingelassen, alle auf einer imaginären Nord-Süd-Linie, die allerdings nichts mit der Rosenlinie des Romans zu tun hat, sondern mit dem Nullmeridian, den die Franzosen 1667 festlegten und der erst 1884 durch den in Greenwich ersetzt wurde.

          Bei der Konferenz damals hatte sich Frankreich enthalten und erst dreißig Jahre später den eigenen Meridian aufgegeben. François Arago war ein französischer Astronom, der sich um dessen Vermessung verdient gemacht hatte und dem der holländische Künstler Jan Dibbets mit den hundertfünfunddreißig Medaillons 1995 ein Denkmal gesetzt hat. Es ist in der Tat sehr vergnüglich, diese Punkte aufzuspüren, ein weiterer liegt im Louvre links der Treppe, die zur Nike von Samothrake hinaufführt, einer bei den französischen Plastiken im Richelieu-Flügel, einer in der Rue de Rivoli, einer am Quai du Louvre, einer in der Nähe der Pont des Arts.

          Über die Holzbrücke führt die Tour auch weiter, nicht ohne den Hinweis, daß hier in der letzten Folge von „Sex and the City“ der große Heiratsantrag stattfand und daß der Schauspieler Johnny Depp auf der nahen Île de la Cité eine Wohnung habe. Mary Beth nennt diese beiden Erwähnungen ihre Verbeugung vor der Pop-Kultur inmitten einer Führung, die sonst nur der Historie zugeneigt ist. Dabei unterschlägt sie natürlich, daß die ganze Tour der Pop-Kultur geschuldet ist, denn schließlich ist der „Da Vinci Code“ ihr Anlaß. Auf der anderen Seine-Seite führt sie dann am Institut de France vorbei über den wunderbaren Place de Furstemberg zur Kirche von Saint-Germain-des-Près, wo nur kurz angehalten wird, um auf die Bedeutung der Cafés Deux Magots und Flore für die Rive Gauche hinzuweisen.

          „Entgegen den phantastischen Anspielungen“

          Dann geht es zur Kirche Saint-Sulpice, die für Pariser Touristen eigentlich nur selten eine Rolle spielte, ehe sie von Dan Brown zum Schauplatz von Geheimnis und Verbrechen wurde. Dort glaubt der Albino-Mönch Silas die Lösung des Rätsels um den Heiligen Gral zu finden, dort schlägt er mit einem der Votiv-Kerzenständer den Boden vor dem Obelisken auf, dort verläuft jene Messinglinie durch den Steinboden, die Brown zur bereits erwähnten Rosenlinie umdichtet. Tatsächlich erstreckt sich die Linie ebenfalls exakt in Nord-Süd-Richtung, liegt aber keineswegs auf dem Meridian, mit dem sie gar nichts zu tun hat, sondern verläuft parallel dazu. Vierzig Meter läuft sie quer durch den Kirchenraum am Altar vorbei zu einem Obelisken, an dem sie dann bis zur Spitze emporsteigt. Mit Verschwörern hat sie nichts zu tun, sie ist vielmehr Teil einer astronomischen Apparatur namens Gnomon, einer Art Sonnenuhr, mit der die Mittagszeit und die Tag- und Nachtgleiche bestimmt wurde. Im Jahr 1743 hat der Astronom Le Monnier die Linie angelegt, auf die durch eine Linse im rechten Kirchenfenster das Sonnenlicht so fällt, daß es exakte Messungen zuließ.

          All das kann man dort auf Informationstafeln nachlesen, denen Pfarrer Roumanet von Saint-Sulpice eine weitere hinzugefügt hat: „Entgegen den phantastischen Anspielungen eines Bestsellers“, schreibt er da, gebe es hier keine Überreste eines heidnischen Tempels und auch keine Rosenlinie. Und natürlich stünden die Buchstaben P und S in den Kirchenfenstern nicht für die „Prieuré de Sion“, sondern für die beiden Schutzheiligen der Kirche, Saint Pierre und Saint Sulpice. Und um dem Spuk ein Ende zu bereiten, hat Roumanet für die Verfilmung auch keine Drehgenehmigung erteilt. Im Kino wird das keinen Unterschied machen, und dem heiligen Sulpicius wird es auch egal sein, ob die Leute aus den richtigen oder falschen Gründen in seine Kirche strömen.

          Versammelter Reichtum

          Vor Saint-Sulpice endet die Tour, Mary Beth verteilt noch einen Zettel mit den Romanschauplätzen im Louvre und dem hilfreichen Tip, daß dort die Schlangen bei den Abendöffnungen am Mittwoch und Freitag am kürzesten seien. Tatsächlich kommt man Freitag abends zügig ins Museum und kann versuchen, den Rekord des Kolumnisten Art Buchwald zu brechen, der die drei „leading ladies“ des Louvre in fünf Minuten 56 Sekunden abgeklappert hatte: die Venus von Milo, die Nike von Samothrake und die Mona Lisa - eine Frau ohne Arme, eine Frau ohne Kopf und eine Frau ohne Unterleib. Godards „Außenseiterbande“ brauchte neun Minuten 43 Sekunden durch den ganzen Louvre, und Bertolucci hat dieselbe Expreßbesichtigung unlängst in „Die Träumer“ nachgestellt.

          Auch Dan Brown ist offenbar eher durchgeeilt, als sich wirklich umzusehen, denn Da Vincis Felsengrotten-Madonna hängt keineswegs gegenüber der Mona Lisa im Salle des Etats, sondern an der linken Wand der Grande Galerie, und man darf gespannt sein, wie es Audrey Tautou im Film schafft, das zwei Meter hohe Bild von der Wand zu wuchten. Aber wer einmal begonnen hat, durch den Louvre zu gehen, wird Dan Brown ohnehin bald vergessen haben. Denn was ist schon ein clever ausgedachter Bestseller gegen den dort versammelten Reichtum.

          Weiter mit: Romanatlas: James Joyces „Ulysses“

          Literatur

          Dan Brown: „Sakrileg“. Luebbe Verlag 2006. 624 S., br., 9,95 Euro.

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