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Frankreich - Paris : Dan Brown: „Sakrileg“

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Über die Holzbrücke führt die Tour auch weiter, nicht ohne den Hinweis, daß hier in der letzten Folge von „Sex and the City“ der große Heiratsantrag stattfand und daß der Schauspieler Johnny Depp auf der nahen Île de la Cité eine Wohnung habe. Mary Beth nennt diese beiden Erwähnungen ihre Verbeugung vor der Pop-Kultur inmitten einer Führung, die sonst nur der Historie zugeneigt ist. Dabei unterschlägt sie natürlich, daß die ganze Tour der Pop-Kultur geschuldet ist, denn schließlich ist der „Da Vinci Code“ ihr Anlaß. Auf der anderen Seine-Seite führt sie dann am Institut de France vorbei über den wunderbaren Place de Furstemberg zur Kirche von Saint-Germain-des-Près, wo nur kurz angehalten wird, um auf die Bedeutung der Cafés Deux Magots und Flore für die Rive Gauche hinzuweisen.

„Entgegen den phantastischen Anspielungen“

Dann geht es zur Kirche Saint-Sulpice, die für Pariser Touristen eigentlich nur selten eine Rolle spielte, ehe sie von Dan Brown zum Schauplatz von Geheimnis und Verbrechen wurde. Dort glaubt der Albino-Mönch Silas die Lösung des Rätsels um den Heiligen Gral zu finden, dort schlägt er mit einem der Votiv-Kerzenständer den Boden vor dem Obelisken auf, dort verläuft jene Messinglinie durch den Steinboden, die Brown zur bereits erwähnten Rosenlinie umdichtet. Tatsächlich erstreckt sich die Linie ebenfalls exakt in Nord-Süd-Richtung, liegt aber keineswegs auf dem Meridian, mit dem sie gar nichts zu tun hat, sondern verläuft parallel dazu. Vierzig Meter läuft sie quer durch den Kirchenraum am Altar vorbei zu einem Obelisken, an dem sie dann bis zur Spitze emporsteigt. Mit Verschwörern hat sie nichts zu tun, sie ist vielmehr Teil einer astronomischen Apparatur namens Gnomon, einer Art Sonnenuhr, mit der die Mittagszeit und die Tag- und Nachtgleiche bestimmt wurde. Im Jahr 1743 hat der Astronom Le Monnier die Linie angelegt, auf die durch eine Linse im rechten Kirchenfenster das Sonnenlicht so fällt, daß es exakte Messungen zuließ.

All das kann man dort auf Informationstafeln nachlesen, denen Pfarrer Roumanet von Saint-Sulpice eine weitere hinzugefügt hat: „Entgegen den phantastischen Anspielungen eines Bestsellers“, schreibt er da, gebe es hier keine Überreste eines heidnischen Tempels und auch keine Rosenlinie. Und natürlich stünden die Buchstaben P und S in den Kirchenfenstern nicht für die „Prieuré de Sion“, sondern für die beiden Schutzheiligen der Kirche, Saint Pierre und Saint Sulpice. Und um dem Spuk ein Ende zu bereiten, hat Roumanet für die Verfilmung auch keine Drehgenehmigung erteilt. Im Kino wird das keinen Unterschied machen, und dem heiligen Sulpicius wird es auch egal sein, ob die Leute aus den richtigen oder falschen Gründen in seine Kirche strömen.

Versammelter Reichtum

Vor Saint-Sulpice endet die Tour, Mary Beth verteilt noch einen Zettel mit den Romanschauplätzen im Louvre und dem hilfreichen Tip, daß dort die Schlangen bei den Abendöffnungen am Mittwoch und Freitag am kürzesten seien. Tatsächlich kommt man Freitag abends zügig ins Museum und kann versuchen, den Rekord des Kolumnisten Art Buchwald zu brechen, der die drei „leading ladies“ des Louvre in fünf Minuten 56 Sekunden abgeklappert hatte: die Venus von Milo, die Nike von Samothrake und die Mona Lisa - eine Frau ohne Arme, eine Frau ohne Kopf und eine Frau ohne Unterleib. Godards „Außenseiterbande“ brauchte neun Minuten 43 Sekunden durch den ganzen Louvre, und Bertolucci hat dieselbe Expreßbesichtigung unlängst in „Die Träumer“ nachgestellt.

Auch Dan Brown ist offenbar eher durchgeeilt, als sich wirklich umzusehen, denn Da Vincis Felsengrotten-Madonna hängt keineswegs gegenüber der Mona Lisa im Salle des Etats, sondern an der linken Wand der Grande Galerie, und man darf gespannt sein, wie es Audrey Tautou im Film schafft, das zwei Meter hohe Bild von der Wand zu wuchten. Aber wer einmal begonnen hat, durch den Louvre zu gehen, wird Dan Brown ohnehin bald vergessen haben. Denn was ist schon ein clever ausgedachter Bestseller gegen den dort versammelten Reichtum.

Weiter mit: Romanatlas: James Joyces „Ulysses“

Literatur

Dan Brown: „Sakrileg“. Luebbe Verlag 2006. 624 S., br., 9,95 Euro.

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