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Frankreich - Paris : Dan Brown: „Sakrileg“

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Zu Fuß sind es ohnehin nur ein paar Schritte durch die Rue de Castiglione über die Rue de Rivoli zu den Tuilerien, und auch hier hat sich Dan Brown einige Freiheiten erlaubt, die mit der Straßenverkehrsordnung kaum zu vereinbaren sind. Denn im Roman fahren Langdon und ein Begleiter einfach geradeaus weiter in die Gartenanlage, um auf den kiesbedeckten Wegen zum Louvre weiterzurasen. Aber zum einen sind nachts die Tore zu den Tuilerien verschlossen, und zweitens geht es einige Stufen hinab in die Gärten, wofür man eher einen Geländewagen als einen Citroën CX wie im Buch bräuchte. Aber hätte Langdon den korrekten Weg genommen, hätte Brown keine Gelegenheit gehabt, die Leser über die Herkunft des Namens Tuileries aufzuklären. An der Stelle des Parks hatte sich einst eine Lehmgrube befunden, aus der die Pariser Bauunternehmer den Ton für die typischen Pariser Dachziegel, die tuiles, holten.

Aber immerhin hätte Brown seinen nächsten Fehler vermeiden können, denn im selben Kapitel behauptet er, vom Arc du Carrousel an der Esplanade am Ende der Tuilerien habe man einen Blick auf vier der großartigsten Museen der Welt, eines in jeder Himmelsrichtung. Im Süden das Musée d'Orsay, im Westen das Jeu de Paume, im Osten natürlich den Louvre und im Norden das Centre Pompidou - das allerdings weder im Norden liegt noch von dort aus überhaupt zu sehen ist, es sei denn vom Dach des Louvre aus. Mary Beth verweist darauf, daß es tatsächlich ein viertes Museum zu sehen gebe, nämlich die dem Jeu de Paume gegenüberliegende Orangerie, aber deren Rang war Brown offenbar nicht spektakulär genug.

„Flüstern uralter Weisheit“

Da der Louvre selbst den Rahmen dieses Spaziergangs sprengen würde, begnügt sich die Reisegruppe mit dem Besuch der unterirdischen Glaspyramide, der Pyramide inversée, in deren sieben Meter tiefem Lichthof ihre Spitze eine weitere kleine Steinpyramide fast berührt, vor der Langdon auf der letzten Seite des Romans ehrfürchtig niederkniet und „das Flüstern uralter Weisheit, das aus den Tiefen der Erde zu ihm drang“, zu vernehmen glaubt. Wer wissen will, warum, wird nicht darum herumkommen, den Roman zu lesen oder wenigstens den Film zu sehen.

Ein weiteres Detail läßt Mary Beth nicht unerwähnt: Daß I. M. Peis Eingangspyramide inmitten des Cour Napoléon keineswegs, wie von Brown behauptet, „auf Anordnung Mitterrands“ aus 666 Glasscheiben zusammengesetzt sei, sondern aus 673, was allerdings eine Zahl ist, mit der Satanisten nicht viel anfangen können. All dies spielt natürlich nicht wirklich eine Rolle, und fast ist man von der Wirklichkeit ein wenig enttäuscht, weil die sieben Glasplatten den Unterschied zwischen einem unbedeutenden Detail und einer guten Geschichten ausmachen.

Verbeugung vor der Pop-Kultur

Manchmal ist aber auch die Realität interessant genug: Neben dem Brunnen hinter der Pyramide weist Mary Beth auf ein in den Boden eingelassenes Bronzemedaillon, auf dem Arago steht sowie die Buchstaben N und S. Hundertfünfunddreißig dieser Messingplatten sind in Paris verstreut in den Boden eingelassen, alle auf einer imaginären Nord-Süd-Linie, die allerdings nichts mit der Rosenlinie des Romans zu tun hat, sondern mit dem Nullmeridian, den die Franzosen 1667 festlegten und der erst 1884 durch den in Greenwich ersetzt wurde.

Bei der Konferenz damals hatte sich Frankreich enthalten und erst dreißig Jahre später den eigenen Meridian aufgegeben. François Arago war ein französischer Astronom, der sich um dessen Vermessung verdient gemacht hatte und dem der holländische Künstler Jan Dibbets mit den hundertfünfunddreißig Medaillons 1995 ein Denkmal gesetzt hat. Es ist in der Tat sehr vergnüglich, diese Punkte aufzuspüren, ein weiterer liegt im Louvre links der Treppe, die zur Nike von Samothrake hinaufführt, einer bei den französischen Plastiken im Richelieu-Flügel, einer in der Rue de Rivoli, einer am Quai du Louvre, einer in der Nähe der Pont des Arts.

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