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Frankreich - Marseille : Jean-Claude Izzo: „Total Cheops“, „Chourmo“ und „Solea“

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Jean-Claude Izzos Romane um Marseille gehen weit über Fontanes Forderung hinaus, der erste Satz eines Romans solle den Kern des Ganzen enthalten. Schon im Prolog der Trilogie wird jene Klage angestimmt, die ganz die Sorge ihres Autors war.

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          Ugo kannte die Adresse. „Rue des Pistoles, in der Altstadt“, die Straße der kleinen Münzen und der kleinen Leute im Quartier Panier. „Er war seit Jahren nicht mehr in Marseille gewesen“: So heißt der nächste Satz, der zweite des Romans. Jetzt fand er nur die eine Straßenhälfte wieder. „Die andere war platt gemacht worden.“ Mit der Heimkehr aus der Fremde war die Heimat fremd geworden. Wenige Seiten später ist Ugo tot. In einer Polizeifalle erschossen. Seine letzten Gedanken lauten: „In seinem Viertel. Warum nicht hier. In Marseille sterben.“

          Jean-Claude Izzos drei Romane um Marseille und den resignierten Polizisten Fabio Montale („Total Cheops“, „Chourmo“ und „Solea“) gehen weit über Fontanes Forderung hinaus, der erste Satz eines Romans solle den Kern des Ganzen enthalten. Schon im Prolog der Trilogie wird jene Klage angestimmt, die ganz die Sorge ihres Autors war: Marseille sei im Begriff, sich selber fremd zu werden. „Ich glaube an das, was ich auf den Straßen von Marseille gelernt habe und was mir auf der Haut klebt: die Aufnahme, die Toleranz, die Respektierung des anderen“, schrieb Izzo kurz vor seinem Tod im Januar 2000.

          „Araber, Araber, Araber, Araber, Araber

          Mit Izzos Büchern „sein“ Marseille zu suchen, vor allem das Altstadtviertel Le Panier auf der Nordseite des alten Hafens, nur eines der hundertelf Viertel der Stadt, ist, ganz persönliche Bekanntschaft mit der Stadt zu machen. Die allgemeine, öffentliche Meinung über Marseille ist längst Klischee, unter anderem von dem Reisebuchautor Paul Theroux weitergetragen. Er war ins nächste Polizeirevier spaziert und hatte dort nach der Kriminalität gefragt, „dem Hauptthema sämtlicher Touristen“. Die Antwort, nicht ganz ernsthaft, aber ernst gemeint: „Araber, Araber, Araber, Araber, Araber.“ Andere Begriffe schließen sich heute wie selbstverständlich an, Fausthieben gleich: Slums, Arbeitslosigkeit, Rassenhaß, Korruption, Le Pen. Früher, so die Quintessenz, war es schöner in Marseille.

          Bild: F.A.Z.

          Früher ist lange her. Vor zweitausendsechshundert Jahren kamen Griechen aus Phokäa und fanden in der westlichsten Bucht der Calanque, in Lakydon, den idealen Hafen, um zu siedeln. Nach der Legende trafen dort Saluvier die letzten Vorbereitungen für die Hochzeit ihrer Königstochter Gyptis. Sie wählte Protis, den Anführer der Griechen, und so entstand Massalia, das Haus (“Mas“) der Saluvier. Das Fremde war Marseille schon bei der Gründung eigentümlich. Es war das Prinzip Bouillabaisse, die im Fond die Vielfalt hat. So blieb es im Grunde bis heute. Zu Beginn des Ersten Weltkriegs war noch jeder sechste Einwohner Italiener, dann kamen Tausende Armenier auf der Flucht vor dem türkischen Völkermord, Nachbarn aus Ligurien, Piemont und Korsika, Flüchtlinge aus Mussolinis Italien, Hitlers Deutschland, Francos Spanien, nach dem Krieg in Indochina kamen sie aus Vietnam, später kamen Maghrebiner und Schwarzafrikaner, dann die „Pieds-Noirs“, die Algerien-Franzosen, zuletzt und immer noch, zu Hunderttausenden die „Immigrés“ aus dem Norden Afrikas.

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