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Finnland - Karelien : Elias Lönnrot: „Kalewala“

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Finnische Idylle Bild: ddp

Tolkien liebte es, nun ist es neu übersetzt: Die Kalewala, das Nationalepos der Finnen. Es ist eine Mischung aus Zugänglichkeit und Fremdheit, aus vertrauten Klängen und einer ganz und gar anderen Welt, die dieses Buch so einzigartig macht.

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          Manchmal ist es besser, einfach den Mund zu halten, auch wenn man fast am Ziel ist. Der hübsche, aber ziemlich unbedarfte Lemminkäinen zieht jedenfalls mit seinem verfrühten Triumphgesang über den erfolgreichen Raub der Zaubermühle Sampo das Unheil geradewegs auf sich und seine Kumpane herab: Sein Lied weckt die bestohlenen Feinde, die grimmige Louhi aus dem finsteren Nordort und ihre Untertanen, und die sind sofort hinter Lemminkäinens Schiff her.

          Am Ende der großen Seeschlacht zerbricht der Sampo, und Louhi zieht geschlagen ab: „Seither herrscht Armut in Nordort, Brotmangel in Lappland.“ Wäinämöinen aber klaubt die Reste des Sampo auf und verhilft damit seiner Heimat zu enormer Fruchtbarkeit: Er weiß nun, „daß wir anständig leben können und in Ehren sterben in dem lieblichen finnischen Land, im schönen Karelien“.

          Nordort und Karelien, Louhis und Wäinämöinens Heimat - das sind die beiden Reiche, in denen die Kalewala (oder: Kalevala) spielt, jenes verrätselte, rasante, ungemein farbige Versepos, das der Arzt Elias Lönnrot Mitte des neunzehnten Jahrhunderts aus (größtenteils in Karelien) überlieferten Gesängen schuf und damit das finnische Nationalbewußtsein nachhaltig beförderte. Denn natürlich paßt das Werk - wenn auch als Nachzügler - in eine Zeit, die nach den Ursprüngen der Völker suchte, die sich verschütteten kulturellen Wurzeln zuwandte (und diese oft genug selbst hervorbrachte), die im Nibelungenlied schwelgte und kaum davon zu überzeugen war, daß Ossians Bardengesänge eine moderne Fälschung waren.

          Gandalf („Der Herr der Ringe”) trägt nicht wenige Züge Wäinämöinens

          Eine Mischung aus Zugänglichkeit und Fremdheit

          Doch wer die Kalewala nur unter archivarischen oder gar folkloristischen Gesichtspunkten rezipiert, bringt sich um eine großartige Lektüre und verfehlt ein Buch, das bei allen deutlichen Hinweisen auf Entstehungszeit und -ort einen universellen Ton anschlägt, das nicht zufällig in alle großen und viele kleine Sprachen übersetzt wurde und jetzt in einer neuen deutschen Lesefassung erschienen ist.

          Es ist diese Mischung aus Zugänglichkeit und Fremdheit, aus vertrauten Klängen und einer ganz und gar anderen Welt, die dieses Buch so einzigartig macht. Das fängt bei der wichtigsten Figur an, bei Wäinämöinen, der nach einer dreißigjährigen Schwangerschaft endlich zur Welt kommt und also schon zu Beginn der ist, der er das Epos hindurch sein wird: Ein Mann, der niemals jung war, der allzuoft eine Reihe von jungen Wichtigtuern um sich herum versammelt findet, die sich alles mögliche einbilden und in schöner Regelmäßigkeit den kürzeren ziehen, wenn sie gegen ihn antreten. Tolkien hat die Kalewala sehr geschätzt, und sein weiser Gandalf trägt nicht wenige Züge Wäinämöinens.

          Der jedenfalls verkörpert eine Botschaft, die in der Kalewala auf jeder Seite zu greifen ist: Der alte Zauberer steht für die Macht des Wortes, für dessen physisch wirksame Gewalt, für seine Kraft, jeden materiellen Zustand in sein Gegenteil zu verkehren, wenn man denn nur die nötige Sorgfalt in der Rede walten läßt. Wäinämöinen kann buchstäblich alles, solange er den richtigen Spruch weiß - braucht er ein Boot, rührt er keine Hand, sondern murmelt Sprüche, und die Planken fügen sich von selbst zusammen, greift ihn jemand an, findet der sich rasch in einer extrem ungemütlichen Lage wieder, ohne daß Wäinämöinen etwas anderes als den Mund bewegt hätte.

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