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Deutschland - Uckermark : Botho Strauß: „Die Fehler des Kopisten“

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Hier ist es wirklich schön: ein Ort, an dem sich zum Beispiel ein Glück finden ließe
          3 Min.

          Hier wohnt der Herbst. Hier wohnt die Einsamkeit. Hier wohnt der Dichter Botho Strauß. Wir sind in der Uckermark, wohl 80 Kilometer nördlich von Berlin. Ein kleines Dorf, eine Sammlung von sechs Häusern eigentlich nur. Zwei große, verfallene Scheunen in der Dorfmitte, ein kleiner quadratischer Teich davor, am Ende der Straße, eine winzige Allee, ein Miniaturpark mit tief gekiesten Wegen und zwei neue, strahlend-weiße Häuser. Ein großes und ein kleines. Die Häuser von Botho Strauß. Das kleine ist „für Gäste, die nie kommen“, wie er in seinem Buch „Die Fehler des Kopisten“ schrieb. Das große ist das Wohnhaus, schlank aufragend, „in später Bauhaus-Folge“, fällt es leuchtend aus dem Landschaftsbild in Dunkelgrün und Braun und Grau.

          Herr Strauß ist nicht zu Hause. Die F.A.Z. vom Vortag steckt noch im amerikanischen Briefkasten, der mit zahllosen „Bitte keine Werbung“-Stickern panisch furchtsam übersät ist. Wer bitte trägt hier Werbung aus? Hier, an diesem kleinen Weltenende, dem Dorf von Botho Strauß? Kein Mensch zu sehen, nirgendwo. Hinter den hellen Dichterhäusern beginnt ein kleines Wäldchen, am Fuß des Wäldchens steht eine Bank. Eine wunderbare Bank mit einem Blick auf eine flache Talsenke, über grüne Hügel, Baumgruppen, braune Felder, weit, weit, weit, über „runde Büsche, Feldsölle und Weizenhügel“. Es ist derselbe Blick, den man aus dem weißen Haus heraus haben muß und über den Botho Strauß in einem seltenen Moment des beschriebenen Glücks schrieb: „Meine Zeit hier: aufstehen, hinausschauen und es nicht fassen können.“ Zwanzig Jahre habe er nach einem solchen Ort gesucht „wo niemand mir zu nahe wohnt, der Ausblick weit und wunderbar gestaffelt ist“.

          „Der große Pan ist tot“

          Ist der Himmel schuld? Hier ist es wirklich schön und fast vollkommen still. Ein Ort, an dem sich zum Beispiel ein Glück finden ließe, eine Zufriedenheit im bloßen schönen Schauen. Oder aber eine Weltverachtung, eine Menschen-, Zivilisations- und Gesellschaftsverachtung, Endzeitsprophetien, Freude auf den Weltensturz. Ein Ort, an dem man Hoffnungen wie diese hoffen kann: „Ein panislamisches Reich vom Sudan bis nach China: Hätten wir es schon! Ein Kalter Krieg wäre wieder möglich!“ Verknüpft mit nachgereichten siebenschlauen Naturprophetien, die behaupten, die Ereignisse des 11. September „trafen uns nicht aus heiterem Himmel, sondern aus einem zunehmend bedrückenden“.

          Man kann auch ohne Strauß die Uckermark im Herbst verteidigen
          Man kann auch ohne Strauß die Uckermark im Herbst verteidigen : Bild: ZB

          Was weiß der Himmel schon davon? Und muß es nicht statt „bedrückend“ einfach nur „bewölkt“ heißen? Und ist die Uckermark gut für einen Mann, der über die wunderbare Ruhe nur folgendes zu dichten weiß: „Die Stille brütet die Sekunden des Entsetzens aus?“ und: „Eine beunruhigende Stille wie vor dem großen Sinneswandel, als in die Flaute eine ferne Stimme rief: Der große Pan ist tot.“ Was ist so beunruhigend am leuchtend schönen Sonnenuntergang hier, daß man zitternd dichten müßte: „Der Westen entäußert sein Licht. Die Wolken öffnen die Smaragdpforte vor der Nacht.“ Und: „Vorm Haus sinkt die Dämmerung, als rinne Blei vom Himmel“? Das weiß nur Botho Strauß. Leider ist der nicht zu Hause.

          Tageswonnentaucher

          Aber wir können auch ohne ihn die Uckermark im Herbst verteidigen. Denn auch wenn sogar Hotelwirtinnen dem November-Gast lange Wanderungen um den Oberuckersee bei Seehausen mit der Begründung ausreden wollen, das sei aber doch sehr, sehr langweilig und ob man nicht das Rad nehmen wolle und auch wenn der Nebel hier oft tief über den Wiesen liegt, es sehr, sehr häufig regnet, die Orte hier zum Beispiel Haßleben heißen und große Sehenswürdigkeiten rar gesät sind, ist die Uckermark im Herbst ein schöner Ort. Die Wälder leuchten in einem nie gesehenen Gelb, die Gänse machen letzte Rast im See vor dem großen Flug nach Süden, Schwäne stehen am Ufer und umhalsen sich herzlich, ein Vater fährt mit seinem Sohn auf unwegsamsten Wegen mit dem Fahrrad durch den Wald, um an einem alten Baum eine Schaukel aufzuhängen, ein Fischer, gerade nicht am Platz, hat am unwegsamen Uferrand ein Fischnetz ausgelegt und eine Flasche im Templiner See versenkt. Ich nehme heimlich ein Schlückchen: „Berliner Bären“ nennt es sich und ist ein süßer Kräuterschnaps. Kleine Frösche umspringen mich seltsam glitschig. Der Motor des einzigen kleinen Bootes auf dem See fällt scheppernd aus, der Bootsmann mit schwarzer Mütze ruft ein herzliches „Scheiße“ ins Land und rudert mühsam voran. Ein Biber, wie der Fischer gerade nicht am Arbeitsplatz, hat Baum um Baum am Ufer umgenagt. Die liegen dort, ganz frisch gefällt, und niemand fragt sich hier, warum.

          All das ist sehr, sehr fern vom Weltenende und Ahnungen des neusten Unglücks. Und Botho Strauß schreibt über sein Ausgeschlossensein von all dem Schönen, Herbstlich-Uckermärkischen: „Die Tageswonnentaucher sind die Eingeweihten einer rätselhaften Belanglosigkeit.“ Rätselhaft? Für ihn. Für uns liegt das Tageswonnentauchen praktisch auf der Hand.

          Literatur

          Botho Strauß: „Die Fehler des Kopisten“. Deutscher Taschenbuch Verlag 1999. 208 S., br., 9,- Euro.

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