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Deutschland - Neuglobsow : Theodor Fontane: „Der Stechlin“

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Ausflug nicht nur für schöne Melusinen: der Stechlinsee Bild: picture-alliance / dpa/dpaweb

Die schöne Melusine würde heute sicher im Cabriolet zum Stechlin fahren. Wenn sie sich überhaupt dorthin verirrte; andere Orte im Ruppiner Land haben nun wirklich mehr zu bieten als Neuglobsow. Seit Fontanes Zeiten hat sich daran nicht viel geändert.

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          Die schöne Melusine würde heute sicher im Cabriolet mit Berliner Kennzeichen zum Stechlin fahren. Wenn sie sich denn überhaupt dorthin verirrte, denn für eine Dame von Welt, zumal wenn sie in Berlins aufregender Mitte zu Hause ist, haben andere Orte im Ruppiner Land - Rheinsberg sowieso, aber auch Lindow oder Neuruppin - nun wirklich mehr zu bieten als dieses weltabgewandte Neuglobsow. Seit Fontanes Zeiten hat sich daran nicht viel geändert.

          Nur daß die Besucher heute nicht mehr im Kutschwagen vom Bahnhof Gransee herüberkommen, sondern von der B 96 mit ihren Autos gleich links in Richtung See abbiegen. Der Weg ist gut ausgeschildert. Durch breite Alleen geht die Fahrt, an Feldern und Buchenwäldern vorbei bis nach Menz, dessen Bewohner den Durchreisenden auf großen Tafeln kundtun, wie sehr sie sich für das Kopfsteinpflaster in ihrem Ort schämen und wie sehr sie dafür den Straßenbauern in Potsdam gram sind.

          Abseits vom Juchhe der Badenden

          Am Ortseingang von Neuglobsow kann Melusine ihren Wagen auf einem der geräumigen Parkplätze abstellen, artig sieben Mark Tagesgebühr bezahlen, die Sonnenbrille wieder von der Stirn auf die Nase rutschen lassen und sich auf den Weg machen hinunter zum See. Sie sollte gut zu Fuß sein: Auf den kostenlosen Shuttle-Bus warten nur die Alten, und die Strecke zieht sich. Ganz Neuglobsow will der Länge nach durchschritten werden. Nicht, daß sich ein Besuch hier nicht lohnte: Die Hütten der Glasarbeiter sind fast alle hübsch renoviert, bald eröffnet in einem von ihnen sogar ein Museum. In der Kirche gibt es samstags Konzerte, die verfallene HO-Gaststätte verbreitet spröden Charme, und im Schatten der sogenannten Fontane-Linde neben dem sogenannten Fontane-Haus findet sich bestimmt ein kühles Plätzchen, an dem sich Melusine einen Heidelbeereisbecher oder ein „Pfirsich-Melba“ schmecken lassen kann. Zweimal soll Fontane hier übernachtet haben.

          Berühmter See-Besucher: Fontane

          Doch auch er kam wie die meisten Besucher heute nicht wegen Neuglobsow. Auch er kam wegen des Sees. Zwischen den Baumstämmen sieht man ihn schon von Ferne funkeln. „Da lag er vor uns“, schreibt der Dichter. „Und nun setzten wir uns an den Rand eines Vorsprungs und horchten auf die Stille. Die blieb, wie sie war: kein Boot, kein Vogel; auch kein Gewölk. Nur Grün und Blau und Sonne.“ Fontane! An einem warmen Spätsommernachmittag war er wohl nie hier. Zumindest am Strandbad kann dann nämlich von Ruhe keine Rede sein. Da tummeln sich die jungen Brandenburger Armgards und Woldemars zu Dutzenden, da riecht es nach Sonnenöl und Bratwürsten, Mütter rufen ihre Kinder laut beim Namen, vor der Imbißbude muß man Schlange stehen, und überall wird so vergnügt geplanscht und gespritzt, daß der schönen Melusine nur zu raten ist, ein paar hundert Schritte weiter zu gehen, den ausgetretenen Waldweg entlang bis zum Haus des Fischers Böttcher. Dort, abseits vom Juchhe der Badenden, kommt man dem See und seinen Eigenheiten näher.

          „Hecht und Maräne kennen sich nicht“

          Wer kennt ein Gewässer schon besser als ein Fischer? Und wer wüßte mehr von ihm zu erzählen? Zumal da Adolf Böttcher nicht irgendein Fischer ist, sondern einer, bei dem man, mit etwas gutem Willen, sogar Züge des Dubslav von Stechlin entdecken kann. Das Alter haben beide mehr oder weniger gemeinsam, genauso wie diese gewisse märkische Gelassenheit. Schon Böttchers Vater Kurt war am Stechlin Fischer, sein Sohn Rainer übt ebenfalls den Beruf aus, und vielleicht wird auch der dreizehn Jahre alte Enkelsohn eines Tages Fischer werden. Längst hängen in der kleinen Gaststätte die Diplome der Böttchers ordentlich nebeneinander über der Eckbank. Auf jedem von ihnen steht etwas anderes, dabei meinen sie wohl alle das gleiche: Kurt bezeichnete die Landesregierung Brandenburg 1950 als „Fischerlehrmeister“, Adolf bestätigte die Regierung der Deutschen Demokratischen Republik 1955, daß er „Fischermeister“ sei, und Rainer soll nun „Fischwirtschaftsmeister“ heißen, so jedenfalls schrieb es der Freistaat Sachsen (dort ist die Berufsschule) 1995.

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