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Deutschland - Kassel : Samuel Beckett: „Traum von mehr bis minder schönen Frauen“

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Sieben Mal kam der junge Dichter Samuel Beckett nach Kassel - wegen seiner Cousine Peggy. Wer sich in der Documenta-Stadt auf Spurensuche macht, findet heute nichts von gestern.

          5 Min.

          Dublin, im Sommer 1928. Auf dem Pfosten am verregneten Carlyle Pier hockt ein junger Mann mit nebliger Nickelbrille und blinzelt einem Mädchen mit grüner Baskenmütze nach. Es hat eben ein Linienschiff nach Deutschland bestiegen und winkt ihm jetzt vom Deck aus wild rudernd mit ihrer Mütze zu. Über diese Mütze schreibt er später: „Die Sonne hatte das Grün daran in ein sehr anrührendes Reseda gebleicht, und sie war ihm immer, vom ersten Moment an, da er sie zu Gesicht bekam, als höchst schäbiges, hoffnungsloses und ergreifendes Kleidungsstück vorgekommen.“ Noch aber sehen wir ihn da hocken, im „Unglücksstrudel“ des Abschieds: „Und sie ging tatsächlich, übers große Wasser ungeniert im Geiste, auf der Suche nach Hessen, wiederum Hessen.“

          Der Junge heißt Samuel Beckett, ist 22 Jahre alt und wird demnächst in Paris eine Stelle als Englisch-Lektor antreten. Vorher aber muss er das „pummelige Luder“ wiedersehen, in das er sich „vom Gürtel aufwärts verliebt hat, eines Abends, als er, wie das Glück so spielt, gerade mal müde war und ihr Gesicht eher schön als dumm“.

          Sie heißt Peggy Sinclair und ist seine Cousine. Eine selbstbewusste Person, manchmal nervtötend lustig, dann urplötzlich tief depressiv. Sam hatte sie zuletzt als Kind gesehen, 1922, als Peggys Vater auf die Idee kam, mit der siebenköpfigen Familie nach Kassel auszuwandern, um junge, deutsche Kunst nach England und Irland zu exportieren. Denn er hatte ein Faible für die deutschen Expressionisten.

          Spaziergang in der Karlsaue
          Spaziergang in der Karlsaue : Bild: dpa

          Die Suche nach der grünen Baskenmütze

          Als Sam seiner Cousine dann im Sommer 1928 in Dublin wiederbegegnet, ist sie siebzehn. Sie fahren in Sams Sportwagen, gehen am Strand spazieren, planen eine Bootsfahrt, schön war es. Aber nun ist er allein und untröstlich und will zu ihr nach Kassel reisen. Kassel - wo liegt das eigentlich? In Hessen, das weiß er. Er spricht ein wenig Deutsch, noch nicht fließend, wie später. Gerade nur so viel, um den Eltern vorzulügen, er wolle bei den Sinclairs seine Deutschkenntnisse verbessern. Es kommt trotzdem zum großen Krach. Sams Mutter wittert Inzest.

          Und doch: An einem Tag im August 1928 sehen wir Sam, wie er im Kasseler Hauptbahnhof aus dem Schnellzug aussteigt. Wie er den Bahnsteig absucht nach der grünen Baskenmütze. Wie beide losstiefeln, er etwas verlegen, sie fiebrig schwatzend. Möglich, dass sie in die Straßenbahn einsteigen. Möglich, dass sie zu Fuß gehen, vielleicht durch die Kölnische Straße, nein, die ist langweilig. Wir lassen sie einen kleinen Umweg machen: Sie nehmen die Hohenzollernstraße, die heute Friedrich-Ebert-Straße heißt und vor dem Krieg einmal ein schöner Boulevard gewesen sein soll, von hohen Bäumen gesäumt, angenehm schattig an Sommertagen. Sie schlendern an Geschäften und Cafés vorbei, untergehakt vielleicht. Es ist nicht weit bis zur Landgrafenstraße 5, wo Sinclairs wohnen.

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