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Dänemark - Kopenhagen : Peter Høeg: „Fräulein Smillas Gespür für Schnee“

  • Aktualisiert am

„Gespür für Schnee”: kein Problem in Nordeuropa Bild: picture-alliance/ dpa

Angst kennt keine Grenzen: Der Thriller „Fräulein Smillas Gespür für Schnee“ von Peter Høeg ist kein Traum, kein Mysterium, sondern ein kompaktes, beneidenswert gut gearbeitetes Stück bester Literatur.

          „Skandinavisches neigt dazu, Mysterium zu sein, so, als sei es ein Traum“: Mit diesem Satz beendet Jorge Luis Borges seinen berühmten Essay über „Die letzte Reise des Odysseus“. Borges erinnert an die Seefahrer, die ums Jahr 1000 von Nordeuropa aus Grönland und die Ostküste Amerikas erreichten, Vorbilder vielleicht für den Odysseus aus Dantes Hölle.

          Der alte Seemann brach, wie man weiß, nach allen homerischen Abenteuern ein letztes Mal auf, durchfuhr die Säulen des Herkules und nahm jenen Kurs, auf dem zweihundert Jahre nach Dante Amerika entdeckt wurde. Doch Odysseus erreichte nur einen hohen braunen Inselberg, das Purgatorium, vor dessen Gestade die Meereswoge den vermessenen Schiffer verschlang. Borges nennt einen berühmten literarischen Nachkommen von Dantes Odysseus: den Kapitän Ahab aus Melvilles Roman „Moby Dick“. Er hätte noch auf einen anderen, ebenso berühmten Abkömmling verweisen können: den Arthur Gordon Pym von Edgar Allan Poe. Gerade der Schluß, in dem Pyms Schiff auf eine riesige weiße Nebelwand zutreibt, erinnert an den Bericht des Danteschen Odysseus.

          Diese noble Ahnenreihe phantastischer Reisen fand dann im neunzehnten und zwanzigsten Jahrhundert viele Fortsetzungen, in Jules Vernes „Eissphinx“, in den Romanen Joseph Conrads. Erst jetzt erreicht sie einen weiteren Höhepunkt: in dem Meisterwerk „Fräulein Smillas Gespür für Schnee“ des Dänen Peter Høeg. Nach tausend Jahren ist der weitgereiste Stoff in seine Heimat zurückgekehrt, nach Skandinavien. Und dieser Roman ist kein Traum, kein Mysterium, sondern ein kompaktes, beneidenswert gut gearbeitetes Stück bester Literatur.

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          Einfallsreiche und witzige Umsetzung

          Man geht kein großes Risiko ein, wenn man ihm einen spektakulären Erfolg prophezeit. Høeg hat mit seinem Erstling „Vorstellung vom zwanzigsten Jahrhundert“ bei uns schon vor zwei Jahren Aufmerksamkeit erregt; doch es war eine Aufmerksamkeit mehr unter Literaten und Kritikern als beim allgemeinen Publikum. Das neue Buch wird Sensation machen. Es ist nicht weniger spannend und fast so schrecklich wie Poes „Pym“. Seine erste Hälfte enthält einen in Kopenhagen spielenden Großstadtkrimi, der sich mit den gelungensten Beispielen des Genres messen kann.

          Sein Plot ist fast genial, die Umsetzung an jeder Stelle einfallsreich und witzig. Das Buch, das auf der Ebene der Handlung mühelos zugänglich ist, beweist zugleich eine literarische und wissenschaftliche Belesenheit, eine Genauigkeit der Recherche und einen Kunstsinn, die den anspruchvollsten Leser befriedigen können. Man soll den Namen Eco gewiß nicht unnützlich im Munde führen, und Høegs atmosphärisch so eigenständiges Werk hat Besseres verdient als den abgedroschenen Vergleich mit dem „Namen der Rose“. Aber in einem Punkt gleichen sich die beiden Bücher: Sie finden den archimedischen Punkt für eine Literatur, welche die „naiven“ und die mit allen Wassern der Lektüre gewaschenen Leser gleichermaßen bewegt.

          Anspielungen auf die literarische Tradition

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