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Brasilien - Petropolis : Stefan Zweig: „Briefe 1932-1942“

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Der österreichische Schriftsteller und Übersetzer Stefan Zweig Bild: dpa

Vor den Nationalsozialisten floh Zweig zuletzt nach Brasilien. Aber auch das „Land der Zukunft“ konnte ihm nicht die untergegangene geistige Heimat ersetzen.

          „Felix, wenn Du diese Schicksale, die aus den Briefen aufschreien, lesen würdest, käme Dir unser ganzes Dichten entsetzlich phantasielos vor!“ schreibt Stefan Zweig im Frühjahr 1939 seinem Freund Felix Braun aus dem Londoner Exil. Die unfehlbare Höflichkeit und der Charme, der feine Stil und die sprachliche Eleganz von Zweigs Briefen können nicht darüber hinwegtäuschen, daß er in den letzten Jahren seines Lebens selber Schicksalsbriefe verfaßt, die mal schreien, mal flüstern vom Unglück des entwurzelten Emigranten. Noch im Abschiedsbrief an seinen brasilianischen Verleger Abrahão Koogan, den Zweig wenige Tage vor seinem Selbstmord 1942 verfaßt, meint er sich entschuldigen zu müssen „für alle Mühen und Unannehmlichkeiten, die ich Ihnen durch meinen Tod bereite“.

          Der vierte und letzte Band der Zweigschen Korrespondenz liest sich wie die Feldpost eines in die Enge getriebenen Humanisten und Freigeistes, der sich in barbarischer Zeit „in der Mitte zwischen den Schützengräben“ wiederfindet. „Vielleicht ist es altmodisch“, schreibt er im August 1934 an René Schickele, „in einer Welt, die ihre Lust im Herdentum sucht, noch den Begriff der Freiheit zu verteidigen; ich versuche es jedenfalls in meinem privaten Leben.“

          Aber zunehmend dringt das Politische in dieses private Leben ein, Zweigs Bücher werden verbrannt, das Salzburger Haus des erklärten Pazifisten wird 1934 nach Waffen durchsucht, und er beschließt, Österreich zu verlassen. Zum Emigranten habe er kein Talent, schreibt er wenig später an Hermann Hesse, aber noch scheint die alte Reiselust des rastlosen Weltbürgers zu überwiegen. Er läßt seine Frau Friederike in Österreich zurück, zieht nach London, unternimmt internationale Vortragsreisen, die ihn bis nach Südamerika führen. Vor allem Brasilien beeindruckt ihn: „Wer Brasilien wirklich zu erleben weiß, der hat Schönheit genug für ein halbes Leben gesehen“, schreibt Zweig in seiner 1941 erschienenen Hommage an das „Land der Zukunft“, dessen multiethnische Gesellschaft ihm als utopisches Gegenbild zum Rassenwahn der Nationalsozialisten erscheinen mußte.

          Die Pulteney Brücke: Vor der Flucht in die Vereinigten Staaten und nach Brasilien zog Zweig nach Bath, Grossbritannien

          Hilflosigkeit gegenüber „diesem gräßlichen Maelstrom des Elends“

          Vorerst läßt er sich jedoch 1939 in Bath nieder, wo er nach der Heirat mit seiner Sekretärin Lotte Altmann ein eigenes Haus mit angebautem Hühnerstall bewohnt. „Du glaubst wohl, daß es ,foin' bei uns zugeht“, schreibt der ehemalige Großbürger und Dandy einem Freund, der zum Abendessen im Smoking kommen will, und berichtet von den kleinen Freuden der zurückgezogenen Idylle: „Gestern abends hat eine Henne das erste Rosemount-Ei gelegt, der Farmer Zweig ist sehr stolz auf diese Leistung.“

          Aber die Idylle währt nicht lange, wenig später schon heißt es „weiter ahasverisch wandern“, erst in die Vereinigten Staaten, dann nach Brasilien. „Ich lasse mich treiben, nur von einem Gedanken beseelt, nicht diesem braunen Burschen in die Hände zu fallen - dies die einzige Furcht, die ich im Leben noch habe, die andern sind verlernt“, heißt es 1940 in einem Brief an Richard Beer-Hofmann. Der Unrast, der Furcht und den regelmäßigen depressiven Schüben seiner „schwarzen Leber“ trotzt Zweig einige seiner besten Werke ab. Neben historischen Biographien und einem Roman verfaßt er in diesen Jahren seine Autobiographie „Die Welt von gestern“ und die „Schachnovelle“, sein wohl bis heute bekanntestes Werk.

          Viele Weggefährten verliert er, Joseph Roth, Ernst Toller, Max Herrmann-Neiße sterben, sogar die intensive Brieffreundschaft mit Romain Rolland kühlt zusehends ab. Er setzt sich unermüdlich für andere Flüchtlinge ein, schreibt fünfzehn Briefe am Tag und verzweifelt doch ob seiner Hilflosigkeit gegenüber „diesem gräßlichen Maelstrom des Elends“. In Amerika hat er einen „regelrechten seelischen breakdown“, immer häufiger kommen die Stimmungsumschwünge. Zuletzt flieht Zweig „zur Rettung meiner selbst“ in die äußerste Zurückgezogenheit der brasilianischen Gebirgslandschaft. Dort ist er allein mit Goethe, Montaigne und Balzac, „kein Freund unter 200 Jahren“. In Petropolis, der ehemaligen Residenzstadt des brasilianischen Kaisers Pedro II., bezieht er mit Lotte einen kleinen Bungalow in der Rua Gonçalves Dias. Die Straße ist nach dem romantischen brasilianischen Dichter António Gonçalves Dias benannt, der 1864 bei einem Schiffbruch vor der Küste Maranhãos ums Leben kam.

          Brasilien, das „Land der Zukunft“

          Die Briefe, die Zweig in den letzten Monaten seines Lebens aus der brasilianischen Einsamkeit in die Welt sendet, wirken wie die Flaschenpost eines Ertrinkenden, der am Rande seiner seelischen Kräfte auszuhalten versucht. Manchmal schnüren sie einem die Kehle zu, etwa wenn Zweig sich wie an einen Strohhalm an seinen Montaigne klammert, „der in einer genau so dreckigen Zeit wie der unseren versucht hat, unabhängig zu bleiben und auch unter der Gasmaske klar zu denken“.

          Neben solchen beklemmenden Bildern wirken die Beschreibungen der herrlichen Vegetation und wohltuenden Einfachheit des brasilianischen Hochlands wie eine hilflose Selbstbeschwörung: „Wir leben so zurückgezogen wie nur denkbar in herrlicher Natur und entzückender Primitivität“, berichtet Zweig noch wenige Wochen vor seinem Freitod einem Freund. Die Landschaft um Petropolis scheint ihm wie aus dem Österreichischen ins Tropische übersetzt, und sie führt ihn zurück in die Welt von gestern: Nicht nur der altmodische Küchenherd erinnere ihn an die Zeiten seines Großvaters, schreibt Zweig, auch die natürlichen Lebensformen jener alten Zeit seien verblieben, „die Freundlichkeit der einfachen Klassen, die weder Organisation noch Neid kennen“.

          Aber auch Brasilien, das „Land der Zukunft“, konnte ihm nicht die untergegangene geistige Heimat ersetzen. So ist der letzte Brief in diesem vorzüglich edierten und kommentierten Band ein Abschiedsschreiben, Zweigs berühmte „Declaracão“ vom 22. Februar 1942, die mit den Worten endet: „Ich grüße alle meine Freunde! Mögen sie die Morgenröte noch sehen nach der langen Nacht! Ich, allzu Ungeduldiger, gehe ihnen voraus.“

          Literatur

          Stefan Zweig: „Briefe 1932-1942“. Hrsg. von Knut Beck und Jeffrey B. Berlin. S. Fischer Verlag, Frankfurt am Main 2005. 816 S., geb., 46,90 Euro.

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