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Brasilien - Grande Sertao : Guimarães Rosa: „Grande Sertão“

  • Aktualisiert am

Sertao von oben Bild: AFP

Die Boiadeiros kamen aus den Tiefen des Sertão, der unwirtlichen Weite im Norden Brasiliens, die zehnmal so groß wie Deutschland ist und sich bis an die Atlantikküste erstreckt. Und mit ihren Rindern brachten die Viehtreiber tausend Geschichten mit.

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          Die Boiadeiros kamen aus den Tiefen des Sertão, der unwirtlichen Weite im Norden Brasiliens, die zehnmal so groß wie Deutschland ist und sich bis an die Atlantikküste erstreckt. Und mit ihren Rindern brachten die Viehtreiber tausend Geschichten mit. Guimarães Rosa hörte sie als Kind im Kramladen seines Vaters, in dem sich die Boiadeiros ausrüsteten, bevor sie wieder in die Ödnis aufbrachen. Der Junge hatte ein phänomenales Gedächtnis. Für ein wenig Reis erzählte er die Geschichten weiter, vermischte sie, erfand neue Worte. 1946 begann er zu schreiben, zehn Jahre später war das Buch fertig, das ihn weltberühmt machen sollte: „Grande Sertão“.

          In einem fünfhundert Seiten langen Monolog erzählt ein ehemaliger Räuber, ein Jagunço, der es zum Großgrundbesitzer gebracht hat, dem Leser als fiktivem Besucher seiner Farm sein Leben im Sertão. Der Jagunço führte Krieg in der Weite der Steppen, in der Trockenheit der Wüsten, in den Abgründen und Schluchten der Serras, in denen sich heute noch der Jaguar versteckt. Und er liebte einen vermeintlichen Mann. Der Protagonist ließ sich vom Schicksal treiben, folgte großen Führern, die mit einem fragwürdigen Moralkodex Ordnung in das wilde Land bringen wollten, denen es letztlich aber doch nur um Macht ging. Dann wurde er selbst Chef einer mehrere hundert Mann umfassenden Bande und bekämpfte das Böse bis zum bitteren Sieg. Ein Pakt mit dem Teufel half ihm dabei.

          Sandbänke strahlen in der Morgensonne

          So wie in Guimarães Rosas Buch war der Sertão, und so ist er heute: eine Landschaft und ein Lebewesen zugleich. Die Menschen haben ihn nicht unterworfen, also müssen sie sich ihm fügen. Man muss die Landschaft und ihre Bewohner erleben, um den Roman nicht nur als Fiktion zu sehen. Und zwangsläufig stellt sich dabei die Frage, ob es diese Menschen noch gibt, die Nachkommen der Jagunços, der „gekauften Mordbrenner, Bluthunde, Kopfjäger, geborenen Messerstecher“, wie Guimarães Rosa sie nannte. An einer Stelle im Buch steht der Satz: „Ich wusste, dass wir nach der Serra das Araras abbiegen wollten, hinüber zu den verstreuten Siedlungen im Buschland, dem Lieblingsversteck aller untätigen Banditen.“ Das war ein Anhaltspunkt.

          Bild: F.A.Z.

          Die Serra das Araras ist auf der Karte dort zu finden, wo die Bundesstaaten Goiás, Bahia und Minas Gerais zusammenstoßen. Wir fuhren in Cordisburgo los - jener kleinen Stadt am Rande des Sertão, in der eine Nichte von Guimarães Rosa dessen schriftstellerisches Erbe verwaltet - und bestiegen abends den Überlandbus nach Rio São Francisco, einem Nest an einem gleichnamigen Fluss. Bei Sonnenaufgang kamen wir dort an und waren noch weit von unserem Ziel entfernt. Der Rio São Francisco floss breit und träge durch die Hitze, Sandbänke strahlten in der Morgensonne. Der Strom hatte nichts von der Frische, die sonst von Wasser ausgeht. Dabei braucht die Region nichts so dringend wie Wasser. Fiel Regen, so wusch er das bisschen Humus, das sich hier bildete, fort und versickerte rasch. Nur in den Hochmooren blieb es stehen. Dort entsprangen die wenigen Flüsse des Grande Sertão.

          Leuchtende Hänge

          Ein Motorkahn drehte die Fähre, einen rostigen Ponton, gegen die Strömung und passte sich der Bewegung des Stroms an, wie es alle tun, die im Sertão leben. Sacht stießen wir ans andere Ufer, an dem sich verblichene Holzhäuser unter Mangobäumen duckten. An der Wand des Kramladens, der Bar, Wartesaal und Treffpunkt in einem war, hing das eingerissene Poster des Präsidenten mit bunter Schärpe, daneben das des Gouverneurs von Minas Gerais. Die große Politik aber interessiert hier wenig, denn mit Hilfe von außen kann man in dem sonnenverbrannten Land kaum rechnen. Man muss sein Schicksal selbst in die Hand nehmen, und das merkt man schnell bei den Fahrten durch das feindliche Land. Das einzig Lebendige auf dem Weg nach Serra das Araras zum Beispiel waren lange Zeit die Geier, kleine Punkte im tiefblauen Himmel, und verdorrte, sich im Wind wiegende Gräser. Die einzigen Menschen, die wir trafen, waren drei schwarze Jungen. Lachend liefen sie neben einem Ochsenkarren her. Dann passierten wir eine aufgegebene Eukalyptusplantage. Es war eines der nutzlosen Entwicklungsprojekte für die von Dürre und Hungersnot heimgesuchte Region. Millionen wurden ausgegeben, aber das Geld versickerte so schnell wie der Regen im Boden. Man meldete einfach Konkurs an, und niemand prüfte nach, wofür die Mittel tatsächlich ausgegeben wurden.

          Die Serra das Araras wuchtete sich vor uns aus dem flachen Land, steil in die Höhe ragend, oben flach, fast waagerecht, und an den Seiten senkrecht abfallend. Als mächtiger schwarzer Klotz stand sie vor dem tiefen Blau des Himmels. Sie war nicht bedrohlich, eher geheimnisvoll lockend, den Wunsch weckend hinaufzusteigen. Beim Näherkommen leuchteten die Hänge, blendeten fast in karminfarbenem Rot. Risse öffneten sich, Grate zeichneten sich ab, und Schluchten warfen im Licht der senkrecht stehenden Sonne scharfe Schatten. Wir kamen ohne Panne in den gleichnamigen Hauptort Serra das Araras am Fuß der Berge, der sich als eine verträumte Ansammlung einstöckiger Häuser im Staub entpuppte. Kokospalmen ließen, von Trockenheit und Hitze ermüdet, die Wedel hängen. Auf dem Platz vor der Kirche grasten Kühe, vor dem Kramladen wippte der Besitzer auf seinem Stuhl wie im Western. Zaumzeug und Sättel hingen an Dachsparren, an den Wänden stapelten sich Zement und Betonsteine, die den mit Stroh vermischten Lehm als Baumaterial inzwischen abgelöst haben. Aber die meisten der kleinen, bunt gestrichenen Häuser mit ihren krummen Dächern waren noch in alter Weise gebaut.

          Riesige Ameisenbären und Klapperschlangen

          Im Garten eines der neuen Gebäude hatten sich die Honoratioren des Dorfes um ein Feuer versammelt und grillten Rumpsteaks und Rippenstücke. Man schnitt sich mit seinem Messer einen Bissen ab und stippte ihn in Maniokmehl. Die Männer mittleren Alters - Frauen waren bei diesem sonntäglichen Churrasco ausgeschlossen - fühlten sich als Städter, und im Gegensatz zu den Dörflern, die von Pferden schwärmten, sprachen sie von Autos und beanspruchten für Serra das Araras den Status einer Stadt. Natürlich wussten alle Anwesenden von dem Roman Guimarães Rosas, gelesen hatte ihn aber keiner - im Sertão wird erzählt. Heute sei es hier sicher, sagten die Männer, die Räuberbanden seien längst verschwunden, kämpften statt in den Wüsten des Sertão in der Unwegsamkeit der Großstädte gegen Staat und Polizei und stritten untereinander um die Macht. Oben auf den flachen Bergen sei nichts, dort lebe niemand außer riesigen Ameisenbären, Klapperschlangen und ein paar Jaguaren.

          Und dann sagten die Männer, dass die letzten Nachkommen der Jagunços, der Räuberbanden, an einem einzigen Ort zu finden seien: in Buraco, im „Loch“, dem unzugänglichsten Flecken in der ganzen Gegend. Von den Männern war keiner jemals dort gewesen, weshalb auch? Doch João, Verwalter der großen Fazenda, wüsste ganz sicher, wie man dort hinkomme, und er müsste mit, weil ein Fremder allein keine Chance hätte, und außerdem versteckten sich die Bewohner von Buraco vor jedem.

          Ein Kätzchen schrie, Frösche quakten

          Als wir Serra das Araras in Richtung der Fazenda verließen, sog uns der Sertão in sich auf, als würde es den Rest der Welt nicht geben. Der Pick-up schlingerte durch den losen, weißen Sand der schmalen Piste, Zweige schlugen gegen die Scheiben. Nur ein Ortskundiger konnte diesen Weg durch das halbhohe Gehölz scheintoter Bäume und dorniger Büsche finden. Als die Sonne hinter dunstige Schleier tauchte, erreichten wir eine Furt und stiegen aus. Drei Stunden von hier hätte einst der Räuberhauptmann Antonio Dô gelebt, sagte João. Ihn erwähnt Guimarães Rosa auch im Roman. Von seinem Anwesen sei nichts mehr übrig, die Zeit hätte alle Spuren verwischt, obwohl sie im Sertão lange sichtbar blieben. Dafür entdeckte João zu seinem Schrecken am Ufer Spuren von Wildschweinen. Er hatte gewaltigen Respekt vor ihnen, wenn nicht sogar Angst. Sie waren nicht groß, dafür aggressiv. Plötzlich tauchten sie in Rotten von bis zu fünfzig Tieren auf, und die Bäume waren selten hoch genug, um sich darauf zu retten.

          Als wir die Fazenda erreichten, war es schon dunkel. Rinder blökten, die Hunde schlugen an. Der Nachthimmel wölbte sich wie eine flimmernde Glocke über uns. Die Sterne schienen auf den Bäumen zu wachsen, reichten von Horizont zu Horizont, und die Milchstraße machte ihrem Namen alle Ehre. Still genießen konnte man den Anblick freilich nicht, denn die Zikaden sind im Sertão Tag und Nacht zu hören, mal lauter, mal leiser. Ein Kätzchen schrie, Frösche quakten, Fledermäuse flatterten vorbei, Nachtvögel schrien sich heiser.

          „Seine Größe, seine Eingeweide“

          Am Morgen rollte die Wärme der Sonne wie eine Welle über das Land. Tau lag auf Blättern und Blüten, die Tropfen glitzerten auf der Bougainvillea wie Rubine. Kolibris schwirrten ums Haus. Die Hühner hatten längst ihren Schlafbaum verlassen und scharrten im Sand. Die Milchkühe waren mit ihren Kälbern aus dem Korral getrieben worden und suchten im Buschland nach Nahrung. Hinter dem Herrenhaus, dessen Bewohner die meiste Zeit des Jahres in der Provinzhauptstadt Belo Horizonte verbrachten, wuchsen Limonen- und Orangenbäume. Maracuja überrankte die Veranda vor dem Haus des Verwalters, Papayas reiften an den langen Stämmen dahinter. Maguaris, die winzigen Papageien ähnelten, flatterten um die süßen Früchte. Das Ofenhaus und die Rösterei für Maniok waren von Mangobäumen beschattet, Bananenstauden rahmten die Käserei ein. Enten schwammen auf dem Bach, der mitten durchs Anwesen floss. Er war vom nahen Flüsschen abgeleitet worden. Es fehlte hier an nichts.

          Früh am Morgen sattelten wir auf. Wir folgten mit den Pferden, von denen eines „Lampião“ hieß nach einem berüchtigtem Banditen, der mit seiner Bande in den dreißiger Jahren die Gegend unsicher gemacht hatte, eine Weile dem Lauf des Flusses, dann den Trampelpfaden der Rinder in die Tiefe des Sertão. In dieser eintönigen, nur von niedrigen Büschen und Bäumen bewachsenen Landschaft schien die Ferne nah und die Nähe fern, und die gleißende Sonne an einem übermächtigen Himmel tötete mehr, als Leben zu spenden. „Vom ersten Morgenschimmer an macht der Sertão schwindelig, seine Größe, seine Eingeweide“ - an diesen Satz Guimarães Rosas erinnerte uns das weite Land. Die Stille war wunderbar, eine Flut von Lauten drang auf uns ein, das Knarren des Sattelzeugs, der sanfte Schritt der unbeschlagenen Pferde im weichen Sand. Zweige rieben aneinander, Blätter raschelten, Vögel sangen, ein rasches Flügelschlagen glitt über uns hinweg, dauernd und überall stießen Falken ihre heiseren Schreie aus. Sie pickten den genügsamen Rindern die Zecken aus den Rücken.

          Licht überschwemmte das Land

          Die Araras, die der Serra den Namen gegeben hatten, kündigten sich mit lautem Kreischen an, bevor der Schwarm auf uns herabstieß. Die Pferde scheuten vor der Menge riesiger Vögel, rissen erschrocken die Köpfe hoch, tänzelten unruhig. Lärmend umkreisten uns die Papageien, strahlend blau und gelb leuchtete ihr prachtvolles Gefieder. Sie sahen in uns eine Störung und hätten uns am liebsten aus ihrem Gebiet vertrieben. Als wir uns trotz allem nicht von unserem Weg abbringen ließen, gaben sie auf und flogen zeternd zu ihren Futterplätzen. Dass hier irgendwann Menschen gelebt hatten, erkannten wir nur an einem Stück Draht, einem Schutthaufen oder einem Weidepfahl, der aus einem Termitenhaufen ragte. Rasch machte sich ein großer Ameisenbär von dannen, hinterließ Kratzspuren an dem steinharten Gebilde, und für einen Moment hing sein unangenehmer, moschusartiger Geruch in der Luft.

          Licht überschwemmte das Land. Wolken logen, sie versprachen Regen, dabei segelten sie nur durch den Himmel und ließen ihre Schatten über den ausgedörrten Boden gleiten. Der Sand wechselte ständig die Farbe, dazwischen verdorrtes Gras, Kakteen, manchmal die Spur einer Klapperschlange und Sand, nichts als Sand, der die Hitze zurückwarf. Bis gegen Mittag trafen wir niemanden. „Sertão ist Alleinsein“, heißt es bei Guimarães Rosa, und das stimmt. Zwischen zwei lang gestreckten Hügeln durchquerten wir dann ein Hochmoor mit saftigem Gras und einem Teppich winziger Blüten. Hohe Buriti-Palmen säumten den feuchten Streifen. Sie kündigen von weitem immer Wasser an und auch die Anakonda, die sich ab und an ein Kälbchen holt. João setzte sich nieder, um den trügerischen Boden zu prüfen, der jederzeit einbrechen konnte. So ist der Sertão, „die Reise hindurch ist gefährlich, genauso gefährlich wie die Reise durchs Leben“, schreibt Guimarães Rosa.

          Winzige Gestalt auf einem Reittier

          Das Buschland nahm kein Ende, die Hügel rollten wie die Wellen eines gewaltigen Meeres durch das Land. Der Sertão forderte Aufmerksamkeit und wache Sinne, denn alles war neu - nie gesehen, nur gelesen. Wir ritten im Schritt auf einen fernen Höhenzug zu, ahnten ihn mehr, als dass wir ihn sahen. Das musste die Chapada dos Gauchos sein. Als wir auf eine Schotterstraße trafen, erschraken wir fast, folgten ihr ein Stück und kletterten die Böschung hinauf in den Wald. Und als wir herauskamen, hatten wir die Orientierung verloren. Wir irrten im Dickicht umher, schlugen uns durch meterhohes Gras und Dornenbüsche. Irgendwo hier musste der Abstieg nach Buraco sein. Wir entdeckten nicht einmal die riesige Senke.

          Der Tag ging zu Ende. Da sahen wir plötzlich jemanden in der Ferne, jenseits einer von einem Bulldozer brutal gezogenen Schneise, eine winzige Gestalt auf einem Reittier. Wir riefen, pfiffen, johlten. Der Mann hatte uns längst bemerkt und wartete auf seinem kleinen Esel. Und als wir den Fremden mit dem Gesicht wie aus Leder erreichten, standen wir unversehens am Rande von Buraco: Das „Loch“ lag genau unter uns. Es war tatsächlich eines, ein gewaltiger Einbruch im Tafelland, mit senkrecht abfallenden Wänden, hundert Meter tief oder mehr, das Produkt der Erosion von Jahrtausenden.

          Ängstliche Augen aus dunklen Fensterhöhlen

          Der Boden des „Lochs“, sechs oder acht Kilometer im Durchmesser, war von dichtem grünen Wald bedeckt, und sein Rand lag in dichtem Dunst. Der Mann mit dem Esel ging voran. Unsere Pferde, die vieles gewohnt waren, verweigerten den halsbrecherischen Abstieg. Wir mussten sie führen, ihnen und uns selbst gut zureden. Ein Zurück gab es nicht mehr, in der engen, steil abfallenden Schlucht hätten wir die Pferde nicht einmal wenden können. Halbmeterhohe Stufen und rutschiger, nachgebender Sand ließen uns zögernd einen Fuß vor den anderen setzen. Wir stolperten, rutschten, die Pferde hinter uns her zerrend, immer mit der Angst, unter ihnen begraben zu werden. Dann endlich verschluckte uns satter, grüner Urwald am Boden von Buraco. Wir tauchten in eine angenehm kühle Feuchtigkeit, und eine andere Welt begann.

          Ängstliche Augen blickten uns aus dunklen Fensterhöhlen nach. Kinder rannten weg und versteckten sich im Bambusdickicht. Die Frauen verschwanden und schlossen die Türen der armseligen Häuser und Hütten hinter sich. Sechzig Familien lebten in Buraco, sagte der Mann mit dem Esel, seit drei Generationen. Sie hätten nur das, was hier wachse und was sie anbauten. Vor seinem Haus sattelten wir ab. Einer seiner Söhne nahm sich der Pferde an, um sie zu waschen und zu füttern, wir selbst wuschen uns in einem anderen Bach, halb Wasser, halb Lehm. Ein zweiter Sohn holte zur Begrüßung Zuckerrohrschnaps vom Nachbarn. Der Junge, wie auch die anderen Kinder des Mannes und sogar die der anderen Familien, hatte weiße Haarbüschel über der Stirn - ein Zeichen der Inzucht? Die Frauen und Mädchen des Hauses drängten sich ängstlich an der gemauerten Feuerstelle, flüsterten, sahen zu uns herüber und rupften ein Perlhuhn fürs Abendessen. Die Bewohner von Buraco kamen nach und nach unter einem Vorwand geschlichen, um uns zu betrachten, denn Fremde kamen nie hierher.

          Suche nach Liebe, nach einer Heimat

          Auch die Lehrerin, fast selbst noch ein Kind, begrüßte uns. Die Eltern ihrer Schüler hatten ihr ein Haus in Sichtweite der anderen Hütten gebaut, damit sie sich nicht einsam fühle und aus Dankbarkeit, dass sie blieb. Die Regierung zahlte ihr sechzig Mark Monatslohn. Zum ersten Mal überhaupt lernten die Bewohner des „Lochs“ Lesen und Schreiben, und auch die Alten lernten begierig mit. Ihre Vorgängerin war nach vier Tagen der „Hölle von Buraco“, wie sie es genannt hatte, entflohen. Es gab keinen Strom, keinen Laden, keinen Arzt, kein Auto. „Wissen Sie, bei all der Armut ringsherum gibt's nur eins“, schreibt Guimarães Rosa, „entweder Sie haben ein dickes Fell oder Sie geben gleich auf.“ Wenn einer aus Buraco nach Serra das Araras ritt, um Einkäufe zu erledigen, kam er schleunigst zurück. Die Welt außerhalb der geschützten Senke empfanden alle als feindlich. Niemand wollte hier weg. Wie immer es auch war, es war ihre Heimat.

          Dann konnten wir unsere Neugier nicht mehr beherrschen und fragten, ob die Menschen in Buraco nun die Nachkommen jener sagenhaften Jagunços, der Räuberbanden, seien, die sich einst in dieses sichere Versteck zurückgezogen hatten? Doch je mehr wir fragten, desto einsilbiger wurden die Antworten. Schamhaft kratzte der Mann mit dem Esel mit dem Fuß am Boden. Schließlich stand eine Mauer des Schweigens zwischen uns, und in aller Augen die unausgesprochene Bitte, ja die dringende Aufforderung, das Vergangene ruhen zu lassen. Der Mann selbst brach die Mauer ein, indem er fragte, ob denn nicht jeder nach einer Heimat suche, nach einem sicheren Platz zum Bleiben, nach einer Familie, ein wenig Geborgenheit. Darum geht es auch dem Protagonisten im Roman von Guimarães Rosa: um die Suche nach Liebe, nach einer Heimat, nach Ruhe in einer von Wahnsinn durchdrungenen Welt. Im Buch findet er all das.

          Sogar die Pferde zuckten zurück

          Die Bewohner Buracos waren schon seit langem keine Jagunços mehr, „denn Jagunço ist einer, der schon halb aufgegeben hat“, heißt es bei Guimarães Rosa. Hier aber war Hoffnung. Und so wichen langsam die Bedrohung und die Angst, die unsere Fragen aufgeworfen hatten. Später sprachen wir über Antônio Dô, den Banditenführer, der sich in Frieden zurückgezogen hatte. Der Mann mit dem Esel sagte, die Geliebte von Dô hätte den Räuber schließlich an die ehemaligen Kumpane verraten. Sie hätten ihm ein Kreuz in die Fußsohlen geschnitten, an der einzigen Stelle, an der er verwundbar gewesen sei. Daran wäre Antônio Dô verblutet. Seinen zusammengeraubten Schatz aber hätte niemand jemals gefunden. Wir bekamen die einzigen Betten im Haus, Küche, Wohn- und Schlafraum war alles in einem. Es waren Pritschen mit muffigen Decken, hart und knarrend. Wir hätten lieber auf dem Boden geschlafen, doch verboten uns die Regeln der Gastfreundschaft, das Geschenk abzulehnen. Mücken, stickige Hitze, die Nacht nahm kein Ende, das kurze Schluchzen eines Kindes, dann endlich war die Nacht vorüber. Die Pferde bekamen viel Mais, sie brauchten Kraft. Wir fragten, was wir dafür geben könnten, etwas anderes als unseren Dank und Geld hätten wir nicht. Wir zahlten das Doppelte und hatten immer noch ein schlechtes Gewissen.

          Auf dem Rückweg kam Wind auf. Er fuhr heftig in die Buriti-Palmen und Büsche und wirbelte Staubwolken an den Steilhängen vorbei. Eine Windhose fegte auf dem steil ansteigenden Weg auf uns herab, sogar die Pferde zuckten zurück. Es war ein Phänomen, das Guimarães Rosa immer wieder beschreibt. Im Inneren der Windhose sah er das Wirken des Teufels, und in einer solchen Windhose wurde Diadorim getötet, der Mann, den Guimarães Rosas Protagonist verbotenerweise liebte. Auf dem Totenbett erst stellte sich heraus, das jener Diadorim eine Frau in Männerkleidern war, getrieben von Selbstverleugnung und Hass. Der Krieg ohne Grund, die Liebe ohne Hoffnung und der Ritt ohne Ziel hatten ein Ende.

          Literatur

          Guimarães Rosa: „Grande Sertão“. Kiepenheuer & Witsch 1964, vergriffen.

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