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Brasilien - Grande Sertao : Guimarães Rosa: „Grande Sertão“

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Das Buschland nahm kein Ende, die Hügel rollten wie die Wellen eines gewaltigen Meeres durch das Land. Der Sertão forderte Aufmerksamkeit und wache Sinne, denn alles war neu - nie gesehen, nur gelesen. Wir ritten im Schritt auf einen fernen Höhenzug zu, ahnten ihn mehr, als dass wir ihn sahen. Das musste die Chapada dos Gauchos sein. Als wir auf eine Schotterstraße trafen, erschraken wir fast, folgten ihr ein Stück und kletterten die Böschung hinauf in den Wald. Und als wir herauskamen, hatten wir die Orientierung verloren. Wir irrten im Dickicht umher, schlugen uns durch meterhohes Gras und Dornenbüsche. Irgendwo hier musste der Abstieg nach Buraco sein. Wir entdeckten nicht einmal die riesige Senke.

Der Tag ging zu Ende. Da sahen wir plötzlich jemanden in der Ferne, jenseits einer von einem Bulldozer brutal gezogenen Schneise, eine winzige Gestalt auf einem Reittier. Wir riefen, pfiffen, johlten. Der Mann hatte uns längst bemerkt und wartete auf seinem kleinen Esel. Und als wir den Fremden mit dem Gesicht wie aus Leder erreichten, standen wir unversehens am Rande von Buraco: Das „Loch“ lag genau unter uns. Es war tatsächlich eines, ein gewaltiger Einbruch im Tafelland, mit senkrecht abfallenden Wänden, hundert Meter tief oder mehr, das Produkt der Erosion von Jahrtausenden.

Ängstliche Augen aus dunklen Fensterhöhlen

Der Boden des „Lochs“, sechs oder acht Kilometer im Durchmesser, war von dichtem grünen Wald bedeckt, und sein Rand lag in dichtem Dunst. Der Mann mit dem Esel ging voran. Unsere Pferde, die vieles gewohnt waren, verweigerten den halsbrecherischen Abstieg. Wir mussten sie führen, ihnen und uns selbst gut zureden. Ein Zurück gab es nicht mehr, in der engen, steil abfallenden Schlucht hätten wir die Pferde nicht einmal wenden können. Halbmeterhohe Stufen und rutschiger, nachgebender Sand ließen uns zögernd einen Fuß vor den anderen setzen. Wir stolperten, rutschten, die Pferde hinter uns her zerrend, immer mit der Angst, unter ihnen begraben zu werden. Dann endlich verschluckte uns satter, grüner Urwald am Boden von Buraco. Wir tauchten in eine angenehm kühle Feuchtigkeit, und eine andere Welt begann.

Ängstliche Augen blickten uns aus dunklen Fensterhöhlen nach. Kinder rannten weg und versteckten sich im Bambusdickicht. Die Frauen verschwanden und schlossen die Türen der armseligen Häuser und Hütten hinter sich. Sechzig Familien lebten in Buraco, sagte der Mann mit dem Esel, seit drei Generationen. Sie hätten nur das, was hier wachse und was sie anbauten. Vor seinem Haus sattelten wir ab. Einer seiner Söhne nahm sich der Pferde an, um sie zu waschen und zu füttern, wir selbst wuschen uns in einem anderen Bach, halb Wasser, halb Lehm. Ein zweiter Sohn holte zur Begrüßung Zuckerrohrschnaps vom Nachbarn. Der Junge, wie auch die anderen Kinder des Mannes und sogar die der anderen Familien, hatte weiße Haarbüschel über der Stirn - ein Zeichen der Inzucht? Die Frauen und Mädchen des Hauses drängten sich ängstlich an der gemauerten Feuerstelle, flüsterten, sahen zu uns herüber und rupften ein Perlhuhn fürs Abendessen. Die Bewohner von Buraco kamen nach und nach unter einem Vorwand geschlichen, um uns zu betrachten, denn Fremde kamen nie hierher.

Suche nach Liebe, nach einer Heimat

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