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Brasilien - Grande Sertao : Guimarães Rosa: „Grande Sertão“

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Früh am Morgen sattelten wir auf. Wir folgten mit den Pferden, von denen eines „Lampião“ hieß nach einem berüchtigtem Banditen, der mit seiner Bande in den dreißiger Jahren die Gegend unsicher gemacht hatte, eine Weile dem Lauf des Flusses, dann den Trampelpfaden der Rinder in die Tiefe des Sertão. In dieser eintönigen, nur von niedrigen Büschen und Bäumen bewachsenen Landschaft schien die Ferne nah und die Nähe fern, und die gleißende Sonne an einem übermächtigen Himmel tötete mehr, als Leben zu spenden. „Vom ersten Morgenschimmer an macht der Sertão schwindelig, seine Größe, seine Eingeweide“ - an diesen Satz Guimarães Rosas erinnerte uns das weite Land. Die Stille war wunderbar, eine Flut von Lauten drang auf uns ein, das Knarren des Sattelzeugs, der sanfte Schritt der unbeschlagenen Pferde im weichen Sand. Zweige rieben aneinander, Blätter raschelten, Vögel sangen, ein rasches Flügelschlagen glitt über uns hinweg, dauernd und überall stießen Falken ihre heiseren Schreie aus. Sie pickten den genügsamen Rindern die Zecken aus den Rücken.

Licht überschwemmte das Land

Die Araras, die der Serra den Namen gegeben hatten, kündigten sich mit lautem Kreischen an, bevor der Schwarm auf uns herabstieß. Die Pferde scheuten vor der Menge riesiger Vögel, rissen erschrocken die Köpfe hoch, tänzelten unruhig. Lärmend umkreisten uns die Papageien, strahlend blau und gelb leuchtete ihr prachtvolles Gefieder. Sie sahen in uns eine Störung und hätten uns am liebsten aus ihrem Gebiet vertrieben. Als wir uns trotz allem nicht von unserem Weg abbringen ließen, gaben sie auf und flogen zeternd zu ihren Futterplätzen. Dass hier irgendwann Menschen gelebt hatten, erkannten wir nur an einem Stück Draht, einem Schutthaufen oder einem Weidepfahl, der aus einem Termitenhaufen ragte. Rasch machte sich ein großer Ameisenbär von dannen, hinterließ Kratzspuren an dem steinharten Gebilde, und für einen Moment hing sein unangenehmer, moschusartiger Geruch in der Luft.

Licht überschwemmte das Land. Wolken logen, sie versprachen Regen, dabei segelten sie nur durch den Himmel und ließen ihre Schatten über den ausgedörrten Boden gleiten. Der Sand wechselte ständig die Farbe, dazwischen verdorrtes Gras, Kakteen, manchmal die Spur einer Klapperschlange und Sand, nichts als Sand, der die Hitze zurückwarf. Bis gegen Mittag trafen wir niemanden. „Sertão ist Alleinsein“, heißt es bei Guimarães Rosa, und das stimmt. Zwischen zwei lang gestreckten Hügeln durchquerten wir dann ein Hochmoor mit saftigem Gras und einem Teppich winziger Blüten. Hohe Buriti-Palmen säumten den feuchten Streifen. Sie kündigen von weitem immer Wasser an und auch die Anakonda, die sich ab und an ein Kälbchen holt. João setzte sich nieder, um den trügerischen Boden zu prüfen, der jederzeit einbrechen konnte. So ist der Sertão, „die Reise hindurch ist gefährlich, genauso gefährlich wie die Reise durchs Leben“, schreibt Guimarães Rosa.

Winzige Gestalt auf einem Reittier

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