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„Wendezeit“ von Kristina Spohr : Wie nett Gorbatschow doch lächelte

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Entscheidende Männer in der „Wendezeit“: Michail Gorbatschow (links), George H. W. Bush (Mitte) und Helmut Kohl. Bild: dpa

So wurde in Europa Geschichte gemacht: In ihrem neuen Roman „Wendezeit“ schreibt Kristina Spohr über die politische Neuordnung der Welt in den „Scharnierjahren“ um 1990.

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          George H.W. Bush ließ es langsam angehen. Nachdem er am 20. Januar 1989 zum Präsidenten ernannt worden war, konsultierte er zunächst einmal Experten, gab Studien zur Weltlage in Auftrag und vermied jedes vorschnelle Signal in Richtung Moskau, das seine Handlungsspielräume hätte einengen können. Sein vornehmliches Interesse galt nicht Europa oder dem Ostblock, sondern dem pazifischen Raum und China. In gewisser Weise sollte er recht behalten: China stieg zur entscheidenden Weltmacht auf. Die Rahmenbedingungen dafür veränderten sich allerdings in den folgenden „Scharnierjahren“ zwischen 1989 und 1992 von Grund auf. Diese „Neuordnung der Welt“ rekonstruiert die Historikerin Kristina Spohr minutiös. Sie nimmt die „wichtigsten Staatslenker“ ins Visier und verfolgt Schritt für Schritt, wie das politische Führungspersonal durch eine historische Situation lavierte, in der sich die übersichtlichen Strukturen des Kalten Kriegs von heute auf morgen auflösten und ein „Mosaik der Unordnung“ hinterließen.

          Bereits ein halbes Jahr nach dem Regierungsantritt Bushs waren die Expertisen, die er gerade eingeholt hatte, hoffnungslos veraltet: Am 4. Juni rückte die chinesische Armee auf dem Platz des Himmlischen Friedens gegen Demonstranten vor, die sich von Gorbatschows Visionen der Umgestaltung (Perestroika) und Transparenz (Glasnost) zum Protest ermuntert gefühlten hatten. Peking markierte mit dieser radikalen Strategie des Machterhalts eine historische Option, mit der die Akteure von nun an stets rechnen mussten. Am selben Tag kam in Polen die Solidarność an die Macht. Als Bush im Juli erst Warschau und dann Budapest besuchte, verstand er endlich, dass in Europa gerade Geschichte gemacht wurde, und zwar im Monatstakt: Im September erhielten die DDR-Urlauber von der ungarischen Regierung offiziell die Ausreiseerlaubnis. Im Oktober feierte die SED mit großem Aufwand den vierzigsten Jahrestag der DDR. Im November fiel die Berliner Mauer – symbolischer Höhepunkt einer Entwicklung, die niemand vorausgesehen hatte. Dass nur ein Jahr später die deutsche Einheit gefeiert werden würde, war zu diesem Zeitpunkt unvorstellbar.

          Entscheidungsträger allenfalls als Marionetten

          Nach wie vor mangelte es den Akteuren an politischer Phantasie. Gorbatschow etwa verstand sich als neuer Lenin und wollte die Konkurrenz der Systeme weiterhin austragen, nur eben mit einem vitalisierten Gegenangebot zum westlichen Kapitalismus. Auch diese im Grunde rückwärtsgewandte Vision löste sich schnell in Luft auf. Die historische Dynamik erzwang kurzsichtige Entscheidungen und erzwang ständig neue Wendungen. Die Staatschefs konnten zwar die Gunst des Augenblicks besser oder schlechter nutzen, täuschten sich aber durchgehend mit ihren Prognosen. Angesichts dieser politischen Improvisationen hätte es womöglich nahegelegen, Entscheidungsträger allenfalls als Marionetten eines irrlichternden Weltgeistes auftreten zu lassen und anonyme Mächte in den Vordergrund zu rücken, die dann doch wieder einem erkennbaren Plan folgen.

          Gelegentlich weist Spohr etwa so auf die Rolle „der Medien“ hin – ohne Radio und TV wäre die Berliner Mauer nicht am 9. November 1989 gefallen. Sie streicht heraus, dass die am Reißbrett entworfene Ordnung des Warschauer Pakts Ängste, Kränkungen, ethnische und religiöse Konflikte, die tief in die Geschichte reichen, allenfalls oberflächlich camoufliert hatte. Die Effekte einer solchen historischen longue durée entzogen sich der Gestaltungskraft einzelner Personen und bildeten die Grundlage für jene politischen „Stimmungen“, an denen rationale Reformpläne scheiterten. Vor allem aber erwies sich die unbarmherzige Wahrheit des Slogans, mit dem Bill Clinton gegen Bush antrat und ihn nach nur einer Amtszeit ablöste: „It’s the economy, stupid!“ Wie wäre die Geschichte verlaufen, wenn Ungarn noch über das Geld verfügt hätte, um die Grenzanlagen zu Österreich weiterhin dicht zu halten?

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