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Roman von Joachim Meyerhoff : Klamauk als Medizin?

  • -Aktualisiert am

Nachts an zurückliegende Reisen denken: Joachim Meyerhoffs Verarbeitung seines Schlaganfalls. Bild: Picture-Alliance

Eigene Versehrtheit statt lustige Jugendanekdoten: In seinem neuen Roman „Hamster im hinteren Stromgebiet“ verarbeitet Joachim Meyerhoff seinen Schlaganfall.

          5 Min.

          Bald zehn Jahre dauert die Erfolgsgeschichte von Joachim Meyerhoffs autobiographischem Zyklus „Alle Toten fliegen hoch“ schon an, gut 2,3 Millionen Exemplare hat der Verlag Kiepenheuer & Witsch bislang verkauft, mit „Hamster im hinteren Stromgebiet“ erscheint nun der fünfte Roman. Seinen Ursprung hat das Projekt in Theaterabenden, auf denen Meyerhoff aus seinem Leben erzählte – von seinem Austauschjahr in den Vereinigten Staaten, aber auch von Tragischem wie dem frühen Unfalltod eines seiner Brüder.

          Dass die Romane – bei Publikum und Kritik gleichermaßen – auf Begeisterung stoßen, mag daran liegen, dass es Meyerhoff gelingt, maximal viel Energie von der Bühne in die Bücher mit hinüberzunehmen. Man kann sich während der Lektüre des Eindrucks kaum erwehren, Meyerhoff säße neben einem und haute eine Schote nach der anderen raus. Und müsste dabei selbst immer wieder auflachen über den ganzen Unsinn, den so ein Leben ausmacht.

          Unvergessen etwa, wie der baumlange Meyerhoff als Schauspielschüler bei seinen ebenso mondänen wie kapriziösen Münchener Großeltern lebt und von ihnen, die schon morgens ihr hochprozentiges Mundwasser nach dem Gurgeln schlucken, regelmäßig unter den Tisch getrunken wird, so dass er abends schließlich promilleselig im Treppenlifter in sein rosafarbenes Zimmer transportiert werden muss. Ob die Anekdote nur zur Hälfte stimmt? Ob sie bei jedem Wiedererzählen eine Nuance schräger geworden ist? Vollkommen unerheblich.

          Schlaganfall statt Jugendanekdote

          Was aber passiert mit dieser erzählerischen Leichtigkeit und der Lust an der Ausschmückung, wenn nicht alte Jugenderinnerungen hervorgeholt werden, sondern wenn das Erzählte nur wenige Monate zurückliegt? Und mehr noch: Wenn das Existentielle nicht nur immer einmal wieder hereinlugt, sondern wenn es alles überstrahlt, wenn plötzlich das eigene Leben auf dem Spiel steht?

          Begeistert Kritiker und Publikum: Joachim Meyerhoff
          Begeistert Kritiker und Publikum: Joachim Meyerhoff : Bild: dpa

          In „Hamster im hinteren Stromgebiet“ erzählt Meyerhoff von einem Schlaganfall, der ihn vier Monate nach seinem 51. Geburtstag ereilt, als er gerade mit der älteren seiner beiden Töchter an einer Hausarbeit über Bipolarität sitzt. Ihm wird übel, der Raum verliert die Kontur und verschwimmt. „Mein linkes Bein fing sanft zu kribbeln an, auf dem Schienbein eine Ameisenstraße, dann stärker und verlor seine für mich eindeutige Position im Raum. Mit einer prickelnden Entladung wich schlagartig alle Kraft aus dem linken Arm.“

          Meyerhoff weiß sofort, was ihm widerfährt. Und er weiß auch: „Zeit ist Hirn“ – je schneller er im Krankenhaus ist, umso größer die Chance, dass bleibende Schäden verhindert werden können. Umso quälender – und absurder – erscheint das ewige Verharren des Krankenwagens, in den Meyerhoff, begleitet von einer Tochter, von zwei schwitzenden Sanitätern das Treppenhaus hinuntergewuchtet worden ist. Es fehlt die Anweisung, welches Krankenhaus aufnahmebereit ist.

          „Stirbst du, Papa?“

          An dieser Stelle würde man auf Übertreibung hoffen. Zu befürchten steht allerdings, dass es sich hierbei genauso wenig um eine handelt wie bei der Beschreibung der lazarettgleichen Wiener Intensivstation, auf der Meyerhoff irgendwann dann doch ankommt und auf der die Patienten, Männer wie Frauen, nur durch Vorhänge getrennt nebeneinanderliegen, so dass jede Regung, jedes Stöhnen, jedes intime Gespräche der anderen zu vernehmen ist. Aus literarischer Sicht ist dieser Raum ideal: Indem Meyerhoff die Verzweiflung der anderen beschreibt, muss er die eigene nicht artikulieren, sondern kann sich in ihr spiegeln. Seine jüngere Tochter ist es, die das Ungeheure dann doch ausspricht: „Stirbst du?“

          Dass die Leichtigkeit angesichts der eigenen Versehrtheit zunächst einmal reichlich Einbußen hinnehmen muss, braucht kaum eigens erwähnt zu werden. Bemerkenswert und auch berührend – ohne auf banale Weise betroffen zu machen – aber ist die Art und Weise, wie Meyerhoff von den Tagen im Krankenhaus, zunächst auf der lazarettähnlichen Intensivstation, schließlich, weil eine Krankenschwester ihn erkennt, auch als Nichtprivatpatient in einem Einzelzimmer, erzählt. Das Erzählen, die Sprache – um deren Verlust er als Schauspieler vielleicht noch mehr als andere fürchten muss – wird mehr denn je zum lebensrettenden Faktor.

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