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Roman über das Helfersyndrom : Ich hatte nichts zu verlieren

Die Schriftstellerin Katja-Lange Müller in ihrer Wohnung in Berlin-Wedding Bild: Andreas Pein

Die Schriftstellerin Katja Lange-Müller hat einen neuen Roman veröffentlicht. Im Interview spricht sie über ihre Zeit als Hilfsschwester in der geschlossenen Psychiatrie und über ihre Ehe mit dem Bruder von Heiner Müller.

          Eine Wohnung in Berlin-Wedding. Draußen regnet es in Strömen, drinnen sitzt die Schriftstellerin Katja Lange-Müller, die in der Nacht zuvor von einer Reise aus dem Tessin zurückgekehrt ist. „Drehtür“ heißt ihr neuer Roman, der, in schönen lakonischen Sätzen und beeindruckend präzisen Beobachtungen, von Asta Arnold erzählt, einer 65-jährigen Krankenschwester. 22 Jahre lang hat sie im Dienst internationaler Hilfsorganisationen gearbeitet, fühlte sich zum Helfen berufen. Dann häuften sich Fehler, die sie nicht wahrhaben wollte, bis die Kollegen ihr ein One-Way-Ticket zurück nach Deutschland schenkten. Jetzt steht sie vor der Drehtür am Flughafen und weiß sich selbst nicht zu helfen. Warum und aus welchen Beweggründen helfen wir?, fragt Katja Lange-Müller. Und wann sollten wir es besser lassen?

          Julia Encke

          Redakteurin im Feuilleton der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung.

          Frau Lange-Müller, ist Ihr Roman ein Buch über das Helfersyndrom?

          Jeder Mensch kennt das, Sie wahrscheinlich auch. Man hat von Zeit zu Zeit Träume, dass man irgendwo aufgehört hat und vergessen zu kündigen, oder nicht weiß, ob man wirklich aufgehört hat. Und ich hatte so einen Traum, in dem ich ständig dachte, eigentlich musst du jetzt zum Spätdienst, aber die U-Bahn kommt nicht. Und irgendwann saß ich dann senkrecht in meinem Bett und dachte, was wäre eigentlich aus dir geworden, wenn du weiter im Krankenhaus gearbeitet hättest? Das war die Initialidee für das Buch.

          Sie haben mit Anfang zwanzig als Hilfsschwester in der geschlossenen Psychiatrie gearbeitet.

          Ich hatte in der DDR ja Schriftsetzerin gelernt, den Beruf gab es nicht mehr, und danach wusste ich nicht, was ich machen sollte. Es klappte nicht mit der Umschulung bei mir. Ich war Linotype-Setzerin, und das macht mir noch immer Probleme. Auf der Linotype-Tastatur sind die Buchstaben so angeordnet wie im Setzkasten, aber am Computer sind sie wie auf der Schreibmaschine. Ich konnte also blind mit zehn Fingern auf der Linotype schreiben, doch auf dem Laptop komme ich bis heute durcheinander. Irgendwann habe ich mir gesagt: Setzer ist sowieso blöd. Die Setzer waren ja nicht nur, wie Hegel sagt, die plebejischen Schultern der Aufklärung. Sie waren auch die Multiplikatoren jedweder Ideologie. Wenn du setzt, spukt dir der Inhalt lange im Kopf herum. Du musst ja lesen, was du setzt.

          Das ist dann wie eine Infiltration.

          Genau. Wir hatten einen Maschinensetzer, der war ein bisschen hypochondrisch, wie viele Männer, und der setzte auf der Linotype immer so ein Ärzteblatt. „Die Diagnose“ hieß das. Wenn er damit fertig war, hatte er jedes Mal sämtliche Symptome, die in den Artikeln beschrieben worden waren. Einmal ging er fröhlich pfeifend nach Hause. Da hatte er ein Heft gesetzt, in dem es nur um Geburtsschwierigkeiten gegangen war.

          Wieso sind Sie Krankenschwester geworden?

          Eigentlich verantwortlich dafür war die Literatur. Damals waren so Bücher en vogue, Heinar Kipphardt „März, ein Künstlerleben“ oder Maria Erlenberger „Der Hunger nach Wahnsinn“. Und ich hatte gerade einen Freund, der Abiturverbot hatte wie ich. Er arbeitete auf der Männerpsychiatrie und sagte: „Komm doch in die Klink, das ist interessant.“

          Ihr Roman ist ein Erinnerungsroman und eine Reflexion über das Helfen. Asta steht am Münchner Flughafen, guckt sich die Leute an, und einige von ihnen erinnern sie an Menschen, die sie gekannt hat. Immer neue Geschichten drängen sich ihr auf.

          Jede Geschichte erzählt vom Helfen. Ich habe viel über das Helfen nachgedacht als letzte Domäne des unreflektiert Guten. Gut ist ja nicht einfach gut. Das hatte ich schon bei meinem Roman „Böse Schafe“: die guten Guten, die bösen Bösen, die bösen Guten und die guten Bösen. Die guten Bösen sind wahrscheinlich die Variante, die die Menschheit am weitesten bringt. Aber es geht mir noch um etwas anderes.

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