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Roman-Klassiker : Vergesst Chinoiserie, hier geht es deftig zu

Religion ist ebenso satirisch wie ernsthaft Teil des Romans. Bild: VErlag

Erstmals liegt der chinesische Klassiker „Die Reise in den Westen“ in vollständiger Übersetzung vor. Sie arbeitet vor allem die philosophisch-religiösen Exkurse dieser Fantasy-Geschichte aus dem sechzehnten Jahrhundert heraus.

          Man sagt, China kenne keine Ironie. Aber was ist dann das hier? Mehr als 1200 Seiten lang verfolgt man im chinesischsten aller chinesischen Klassiker, der „Reise in den Westen“, eine eigenartige Pilgertruppe aus Mönch, Affe, Schwein und Wassergeist auf ihrer von Buddha persönlich angeordneten Tour nach Indien, damit sie für ihre leichtlebigen chinesischen Landsleute dort heilige Schriften in Empfang nehmen, in denen nichts Geringeres als das Geheimnis der Schöpfung enthalten sein soll. Doch nachdem man diese Gesellen Kapitel um Kapitel Kämpfe mit schrecklichsten Monstern aller Art hat bestehen sehen, werden sie, als sie dann erschöpft im innersten Zentrum der Weisheit angekommen sind, von den Hütern der Schriften nur gefragt, was sie denn für Gastgeschenke mitgebracht hätten; schließlich müssten ja auch sie, die Schriftenhüter, an ihre Nachfahren denken. Die Pilger können nur eingestehen, dass sie daran nicht gedacht hätten, und dann bekommen sie Hunderte Schriftrollen mit auf den Weg nach Hause, die vollkommen leer sind, ohne ein einziges Schriftzeichen.

          Mark Siemons

          Feuilletonkorrespondent in Berlin.

          Die Ironie dieser Konstellation ist so schräg und umfassend, dass einem im fernen Westen die Kategorien dafür ausgehen. In unserem Sprachraum wäre diese Art Blick auf die Welt sogar unbekannt geblieben, wenn die Schweizer Übersetzerin Eva Lüdi Kong nicht in mehr als zehn Jahre langer Arbeit das Mammutwerk vom Ende des sechzehnten Jahrhunderts zum ersten Mal vollständig ins Deutsche übertragen hätte. Bisher war unter dem Titel „Monkeys Pilgerfahrt“ vor allem eine Fassung des Romans bekannt, die sich an Arthur Waleys eleganter, aber stark gekürzter englischer Übersetzung von 1942 orientierte.

          In der Leere steckt der Sinn

          Diese Übertragung konzentrierte sich auf die muntere Aktion des Romans und ließ ihn dadurch bloß als humorvolle Fantasy-Geschichte erscheinen. Doch durch den Verzicht auf die philosophisch-religiösen Exkurse und Gedichtzyklen, die die Handlung durchsetzen, ging nicht nur schmückendes Beiwerk verloren, sondern der notwendige Gegenpol zur grotesk turbulenten Handlung, der dem Roman erst sein Rückgrat, seine innere Spannung gibt: Nur wenn man die taoistischen, buddhistischen und konfuzianischen Motive, die die Geschichte dieser Reise antreiben, erst einmal ganz ernst nimmt, wird man durch deren fortlaufende karnevaleske Dekonstruktion auf jene zweite Ebene gehoben, die den eigentlichen Sinn des Buchs ausmacht. So verschafft einem Lüdi Kongs heroische Übersetzungsleistung ein sehr ungewohntes Lektüreerlebnis, dessen Entschlüsselung nicht weniger Spaß macht als die witzig-absurden Abenteuer und Dialoge selbst.

          Bei dem frappierenden Empfang, den die Pilger am Ziel ihrer Reise erhalten, fühlt man sich erst einmal an Kafka erinnert und an die höhnische Abfuhr, die der Türhüter dem Mann vom Lande erteilt, der zum „Gesetz“ will: Alle Hoffnung auf Sinn ist vergeblich. Aber die Geschichte geht noch weiter, und dann merkt man, dass sie sich um etwas ganz anderes dreht. Die Pilger beschweren sich bei Buddha, dass sie um schnöder materieller Hintergedanken willen betrogen worden seien. Aber Buddha zeigt Verständnis für die so menschlichen Konventionen des Gastgeschenks und der Sorge für die Nachfahren und verbindet dieses Verständnis zugleich mit der höchsten Geistigkeit seiner Lehre: „Eigentlich sind leere Schriften die ,Wahre Schrift ohne Worte‘, das ist auch sehr gut. Doch für die Menschen bei euch im Osten, die so unwissend und verblendet sind, kann man nur die anderen geben.“ So können die Pilger dem Kaiser von China am Ende doch noch Schriften mit Worten überreichen. Aber die eigentliche Lektion, die sie von Buddha und die Leser von der Lektüre dieses überbordenden Romans mitnehmen, ist eine andere: Gerade in der Leere, die sich in der Brechung der hochgeistigen überlieferten Texte an den Kleinlichkeiten des ganz realen Menschenlebens auftut, steckt der Sinn. Das Leben mag zwar tatsächlich ein Scherz sein, aber das ist weiter kein Problem.

          Zwischen Herz und Nieren

          Von ihrer Form her ist die „Die Reise in den Westen“ so ziemlich das genaue Gegenteil von filigran chinoiseriehafter Betulichkeit, die man einem chinesischen Klassiker unterstellen mag. In heutigen Begriffen könnte man sie eher als Mischung aus Comedy-Soap, Fantasy-Movie mit starkem Splatter-Einschlag, satirischer Parabel und anarchistischem Manifest beschreiben. Die running gags und grotesken Effekte verdanken sich schon der Ausgangssituation: Diese Pilger sind mit Ausnahme des Mönchs Tripitaka (ein Ehrentitel auf Sanskrit), der sich als ziemlich ängstliche und selbstmitleidige Figur herausstellt, keine frommen, braven Gesellen, sondern ehemalige Dämonen auf Bewährung, die die extremen Charakterzüge ihres Vorlebens mit auf die Reise nehmen. Als der Blick des Kaisers bei der Begrüßung auf diese seltsamen Erscheinungen fällt, fragt er vorsichtig den Mönch: „Sind Eure werten Schüler Ausländer?“ Die Antwort bringt das Anti-Offiziöse des ganzen Romans auf den Punkt: „Meine geringen Schüler stammen aus der Wildnis und waren vormals Ungeheuer; mit der Etikette am heiligen chinesischen Kaiserhof sind sie nicht vertraut.“

          Das gilt vor allem für die Hauptfigur, den Affenkönig Sun Wukong (Letzteres bedeutet übersetzt: „der die Leere erkennt“). Die ersten sieben Kapitel erzählen, wie dieses Wesen mit Hilfe aller möglichen taoistischen Tricks nicht nur Unsterblichkeit erlangt, sondern auch Unbesiegbarkeit im Kampf sowie das Vermögen, in einem Wolkenüberschlag 108 000 Meilen zurückzulegen. Überall, wo er hinkommt, richtet der Affe mit solchen Fähigkeiten und seinem übergroßen Ego Chaos an, nicht zuletzt im Himmelspalast, wo er alle Feen und Geister bis hin zum Jadekaiser gegen sich aufbringt. Mao Tse-tung liebte daher diese Passagen, und während der Kulturrevolution tauchten Manifeste auf, in denen sich die Rotgardisten mit dem Affenkönig verglichen: „Wir schwingen unsere goldenen Stangen, entfalten unsere übernatürlichen Kräfte und nutzen unsere Magie, um die alte Welt auf den Kopf zu stellen.“

          Erst Buddha selbst gelingt es, den Affenkönig in die Schranken zu weisen und im Berg der Fünf Wandlungsphasen festzusetzen. Fünfhundert Jahre später wird er wieder freigelassen, damit er zu seiner Läuterung Tripitaka auf dessen gefahrvollen Pilgerreise begleitet. Der Affe ist immer noch unbeherrscht und respektlos, aber er ordnet seine Kräfte jetzt dem gemeinsamen Ziel unter. Sein Partner ist dabei der Eber Zhu Wuneng, eine ebenfalls wegen Fehlverhaltens degradierte Gottheit. Während der Affe für Intellekt und Ehrgeiz steht, denkt das Schwein vorwiegend an Fressen und Sex und will es ansonsten gemütlich haben. Der Gegensatz der beiden, der laut Kommentar im Anhang auch ein solcher zwischen Herz und Nieren, Yang und Yin ist, ist die Quelle endloser Situationskomik. Sandmönch, der Vierte im Bunde, bleibt da eher blass.

          Paradebeispiel einer Literatur von unten

          Zusammen wehren sie in jedem Kapitel immer neue Ungeheuer ab, die sich Unsterblichkeit dadurch sichern wollen, dass sie die Pilger entweder verschlingen oder sich geschlechtlich mit ihnen vereinigen. Mit moralisierender Didaktik haben diese stets erfolgreich bestandenen Abenteuer freilich nichts zu tun. Dazu gibt es viel zu viel Vergnügen an purer Gewalt („Schon sauste ein Hieb auf seinen Schädel, dass die Gehirnmasse nur so spritzte und die Zähne zersplitterten“), an zweckfreiem Nonsens und an Veralberung sämtlicher Autoritäten, die im Namen der zugleich ausführlich zitierten heiligen Schriften sprechen.

          Auch in einem anderen in Episoden erzählten Reiseroman, der an einem anderen Ende der Welt nur wenige Jahre später erschienen ist, werden die Texte, auf die er sich bezieht, gnadenlos auf den Boden der Tatsachen zurückgeholt und zugleich in ihrem phantastischen Gehalt noch überboten und gefeiert: dem „Don Quijote“. Doch die Art der Aufhebung ist im „Xiyouji“, wie der chinesische Roman in der Umschrift des Originals heißt, eine andere. Während der Inhalt der einzelnen Ritterromane, die Don Quijote um den Verstand bringen, letztlich unerheblich bleibt, wird der Inhalt der chinesischen Bücherweisheit durch deren subversive Verulkung geradezu bekräftigt. Darin kommen Taoismus und Buddhismus nämlich überein: Wenn man alles gelesen und verstanden hat, muss man es durchstreichen oder einklammern, um seinem Anspruch gerecht werden zu können. So wirkt der Roman als Ganzes so ähnlich wie die Ohrfeigen, die manche Zen-Meister ihren Schülern verabreicht haben sollen, wenn diese etwa nach dem Wesen der Buddha-Natur fragten. Darauf hatte, heißt es in den lehrhaften Berichten dann regelmäßig, der Schüler eine Erleuchtung.

          Kampf selbst im Himmel: Die „Reise nach Westen“ ist keine Vergnügungsfahrt.

          Das hat auch eine soziale Pointe. Den von Beamten oder Mönchen, also den damaligen Eliten, verfassten und offiziell in Ehren gehaltenen Texten stehen die Geister und Ungeheuer gegenüber, die sich in den Geschichten und Religionen des Volkes tummeln. „Die Reise in den Westen“, die in China als einer der „Vier großen klassischen Romane“ gilt (die anderen drei sind „Der Traum der roten Kammer“, „Die Geschichte der Drei Reiche“ und „Die Räuber vom Liang-Schan-Moor“), verarbeitet zahlreiche mündliche Traditionen; sie ist das Paradebeispiel einer Literatur von unten, das Muster einer alles Mögliche in sich aufnehmenden Sampling-Kultur. Außer Literarischem integriert sie auch historische Ereignisse und Dokumente. Der ursprüngliche Ausgangspunkt des Romans ist die geschichtlich verbürgte Reise des chinesischen Mönchs Chen Xuanzang, der im siebten Jahrhundert nach Indien pilgerte und sechzehn Jahre später mit den Abschriften von Hunderten buddhistischen Schriften wiederkam; die überlieferte Willkommensansprache des Tang-Kaisers Taizong ist im Roman wörtlich wiedergegeben.

          Einfach und vertrackt

          Noch in der Tang-Dynastie begannen Geschichtenerzähler diesen Stoff auszuschmücken, anfangs mit dem Ziel religiöser Unterweisung. Später verloren sich solche missionarischen Absichten, und die Geschichtenerzähler in Theatern und Teehäusern konkurrierten nur noch um die phantasievollste Weiterentwicklung des Stoffes. Aber es dauerte noch bis zum sechzehnten Jahrhundert, bis ein unbekannter Autor - dafür, dass es der Schriftsteller Wu Cheng’en war, wie es heute in China gängige Meinung ist, gibt es keinen Beweis - dem Material seine gültige Ordnung und Form gab. Die Wirkung des Romans auf alle Spielarten der Populärkultur hat bis heute nicht nachgelassen.

          Dieses Werk in seiner zugleich einfachen und vertrackten Struktur nun zum ersten Mal auf Deutsch zugänglich zu machen ist eine große Tat. Eva Lüdi Kong übersetzt in einer klaren, unprätentiösen Sprache, die die Komik der Dialoge auf beiläufige Weise durchsichtig macht. Und zugleich erläutert sie fortlaufend und in einem ausführlichen Anhang den philosophisch-religiösen Hintergrund. Ihre Anmerkungen erheben ausdrücklich nicht den Anspruch auf wissenschaftliche Vollständigkeit. Aber wenn es vom Affenkönig etwa einmal heißt: „Er selbst jedoch ließ nun sein Herz schweifen“, dann ist es einfach sehr erhellend und stört keineswegs den Lesefluss zu erfahren, dass dieser Ausdruck, „fang xin“, das Herz gehen lassen, von den alten Kommentatoren unterschiedlich verstanden wurde.

          Im Anhang wird dann erläutert, dass sich alle frühen Kommentare des Romans um das „Herz“ drehten und den Affen als dessen Sinnbild deuteten: einerseits eins mit dem Kosmos, dem er entsprungen ist, andererseits Typus des unbeständigen, widerspenstigen Menschen. „Ob Bodhisattva oder Dämon, das ist nicht mehr als ein Gedanke“, heißt es in einer abgründigen Stelle, die der Roman der populären Gottheit Guanying in den Mund legt. „Wer die Muße dazu hat, der möge keinen Tag ohne dieses Buch verbringen“, urteilte einer der allerersten Kommentatoren dieses erstaunlichen Werks.

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