https://www.faz.net/-gqz-87uas

Roman „Eins im Andern“ : Mit roten Siebenmeilenstiefeln

  • -Aktualisiert am

Samuel Becketts Kurzdrama „Kommen und Gehen“, hier inszeniert im Londoner Barbican Centre, spielt eine Rolle in Monique Schwitters Roman. Bild: Ullstein

Wenn das Leben dem Schreiben folgt anstatt umgekehrt: Monique Schwitter hat einen ebenso klugen wie berührenden Roman darüber geschrieben, wie man die Liebe hält, indem man einen Roman über sie verfasst.

          5 Min.

          Noch nicht einmal 130 Wörter umfasst Samuel Becketts Kurzdrama „Kommen und Gehen“, das sich mühelos in drei Minuten spielen lassen würde und an dem man doch ein Grundmuster unseres Daseins ablesen kann: Von den drei Figuren des Stückes sitzen jeweils zwei gemeinsam auf einer Bank und tauschen ein Geheimnis über die Abwesende aus (das der Zuschauer nicht hören kann). Die Dritte kehrt zurück, wechselt den Platz mit einer der beiden anderen, eine neue Zweierkombination entsteht, ein neues Geheimnis wird ausgetauscht. Die Abwesende kehrt zurück, tauscht ihren Platz - und so fort. Beckett gibt drei Frauen als Dramatis personae an, allerdings lässt sich dieses Schicksalskarussell zweifelsohne auch anders besetzen.

          Die Ich-Erzählerin aus Monique Schwitters Roman „Eins im Andern“ hat „Kommen und Gehen“ vor Jahren am Salzburger Mozarteum aufführen lassen: In einer Dauerschleife wiederholt sich die Dreierchoreographie, bis auch das letzte Publikum den Saal verlassen hat und die Darstellerinnen vor Erschöpfung weinen. Allein im Zuschauerraum zurückgeblieben sind die Regisseurin, die Erzählerin also, und neben ihr ihr aktueller Freund Petrus. An ihrer anderen Seite sitzt der attraktive Schauspielschüler Jakob, ihr künftiger Freund - das ist zwar noch nicht ausgesprochen, durch den heimlichen Austausch intensiven Fußkontaktes indes abgemachte Sache.

          Kommen und Gehen als Grundprinzip

          Nicht nur das Geschehen im Zuschauerraum spiegelt sich in der Beckettschen Choreographie. Kommen und Gehen ist das Grundprinzip, das Schwitters Roman als Ganzem zugrunde liegt, allerdings mit durchaus subtilen Verschiebungen und Variationen. Schaut man in das Inhaltsverzeichnis von „Eins im Andern“, findet man dort eine Liste von Männernamen, dazu Zeit- und Ortsangaben. Offenbar, so könnte man annehmen, zieht hier eine Frau Anfang vierzig Bilanz, legt Zeugnis ab über die Männer, die es bisher in ihrem Leben gegeben hat, die gekommen und gegangen sind oder zu denen sie gekommen und wieder gegangen ist.

          Monique Schwitter hat bei den diesjährigen Klagenfurter Tagen der deutschsprachigen Literatur gelesen und steht auf der Longlist des Deutschen Buchpreises.

          Auf diese Weise, so scheint es, versucht sie, einen geschlossenen Kreis - die Namen entsprechen jenen der zwölf Apostel - und somit stimmiges Bild entstehen zu lassen. Eine Reduktion auf dieses spielerische Moment allerdings liefe am Schwitterschen Impetus vorbei. Ihr Roman liest sich vor allem als eine Beschwörung der Kraft, um den Schmerz über Vergangenes zu bewältigen, damit eine gegenwärtige Liebe bewahrt werden kann.

          Das mag pathetisch klingen, ist es bei Monique Schwitter aber auf nachgerade wundersame Weise nicht. Wie die 1972 in Zürich geborene Schriftstellerin, die bis vor ein paar Jahren als Schauspielerin und Regisseurin gearbeitet hat, schon bei ihrem Auftritt bei den Klagenfurter Tagen der deutschsprachigen Literatur unter Beweis gestellt hat, ist sie eine Erzählerin, die sich auf die fein- genauso wie die tiefsinnige Inszenierung eines Textes versteht - im besten Sinne. Zudem hat sie ein Gehör für Töne, für Klang also, genauso wie für Zwischentöne, gerade für die eigenen und die aus Versehen verrutschten, weshalb „Eins im Andern“ bei aller Ernsthaftigkeit von feiner Ironie und Komik durchzogen ist.

          Auf roten Pumps durchs Leben

          Den Auftakt des Romans bildet eine beinahe schon banale Szene. Die beiden Kinder und der Hund schlafen, der Ehemann sitzt im Nebenraum am eigenen Computer, und die Erzählerin googelt ihre erste große Liebe, Petrus. Sie muss feststellen, dass dieser sich bereits vier Jahre zuvor das Leben genommen hat. Ein Mensch, der sie seit Jahren nicht beschäftigt hat, wird plötzlich zum Erzählanlass. Flugs befinden wir uns in der frühen Studentenzeit der Erzählerin, in der sie halb aus Geldmangel, halb aus der selbstauferlegten Extravaganz, die man sich in einem solchen Alter zu geben pflegt, sommers wie winters auf roten Pumps durchs Leben spazierte. Von den Seehundstiefeln, die ihr bei einer Silvesterwanderung geliehen werden, verliert sie prompt einen, weil sie die zwar warmen, aber etwas zu kleinen Stiefel irgendwann einfach auszieht und auf Strümpfen weiter durch den Schnee läuft, bis ihre Füße kalt wie Eisklumpen sind.

          Weitere Themen

          Topmeldungen

          „Mehr in Frankreich produzieren“: Emmanuel Macron besucht eine Schutzmaskenfabrik in Saint-Barthelemy-d´Anjou in der Nähe von Angers.

          Macrons neuer Protektionismus : Patrioten leben jetzt von Bordeaux und Camenbert

          Hat ein Amerikaner auf einem chinesischen Rollfeld eine für Frankreich bestimmte Ladung Schutzmasken umgelenkt, indem er die dreifache Summe bot? Jedenfalls stützt die Geschichte Macrons neue Maxime, dass Frankreich mehr selbst produzieren muss.

          Amerika gegen Iran : Diesem Konflikt ist kein Virus gewachsen

          Die Spannungen zwischen Washington und Teheran nehmen ungeachtet der weltweiten Corona-Pandemie weiter zu. Im Zentrum steht dabei derzeit der Irak. Die Botschaft aus dem Weißen Haus aber geht darüber hinaus: Amerika bleibt handlungsfähig.
          Schwer zu trennen: Jörg Meuthen, Björn Höcke und Alexander Gauland im Oktober

          Vorschlag zur Spaltung der AfD : Meuthens Selbstisolation

          Mit seinem Vorschlag, den „Flügel“ von der Partei abzuspalten, könnte der AfD-Chef zu weit gegangen sein. Damit hilft er jenen, die er bekämpfen will.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.