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Dörte Hansen : Dit Huus is mien und doch nich mien

Zeitschriften wie „Landlust“ und ihre Nachahmer beweisen, wie groß die Sehnsucht nach dem Landleben ist. Dörte Hansen kritisiert diese Romantisierung, wendet sie aber in ihrem Roman „Altes Land“ selbst an.

          Zumindest in der Phantasie steckt in vielen Großstädtern ein Landmensch. Alles in Mode, was irgendwie mit Natur zu tun hat, bis hin zur eigenen Parzelle in einer der lange als Inbegriff von Spießertum verschrieenen Schrebergartenkolonien. Wer die Jahre des Wartens darauf nicht aushält, pflanzt heimlich Blumen auf öffentlichen Grünstreifen oder züchtet Bienen auf dem Balkon. Das Land ist zum Sehnsuchtsort der globalisierten Gesellschaft geworden, zu dem, was früher einmal New York war: Jeder will hin, aber nur wenige schaffen es.

          Morten Freidel

          Redakteur in der Politik.

          Nun steht ein Roman auf Platz eins der Bestsellerliste, der scheinbar gut zu dieser Sehnsucht passt: „Altes Land“ von Dörte Hansen. Das Werk hat sich über Monate kontinuierlich nach vorne gekämpft, seit Juni steht es ganz oben. Damit hatte niemand gerechnet, denn die Autorin, 51 Jahre alt, hatte zuvor noch nie ein Buch veröffentlicht, und Debüts sind normalerweise keine Verkaufsschlager. Wie lässt sich der Erfolg erklären? Und: Ist er berechtigt?

          Ein Bauernhaus als Zufluchtsort

          Jein. „Altes Land“ spielt in einem Bauernhaus in der titelgebenden Elbmarsch südlich von Hamburg. Das zugige Haus mit Reetdach bildet den Kristallisationspunkt für mehrere Flüchtlingsschicksale. Nach dem Zweiten Weltkrieg strandet dort Hildegard von Kamcke, eine ostpreußische Adelige, die bei der Kirschernte hilft, ohne je an Haltung einzubüßen.

          Später erbt ihre Tochter Vera das Haus. Auch sie flüchtet: vor der Nachbarschaft, vor der Vergangenheit und davor, den Hof so in Schuss zu halten, wie es Generationen vor ihr getan haben. Dann kommt ihre Nichte Anne dazu, ein Großstadtflüchtling aus Hamburg-Ottensen. Anne hat genug von Müttern, die ihre Kinder „wie Preispokale“ über die Spielplätze tragen, außerdem hat sie ihren Mann mit einer anderen in flagranti in der Küche erwischt. Also tut sie, wovon derzeit so viele träumen: Sie zieht zu ihrer Tante aufs Land. Vor irgendetwas fliehen alle Personen, die diesen Roman bevölkern. Die Frage, die Dörte Hansen umtreibt, ist aber eher, ob sie nach der Flucht auch ankommen. „Altes Land“ ist kein Vertriebenenroman, wie etwa „Im Krebsgang“ von Günter Grass, sondern ein Heimatroman. Das dürfte eine Erklärung dafür sein, warum er so beliebt ist.

          Heimatlosigkeit als Lebensthema

          Das Thema Flucht bleibt der Zeitgeschichte verhaftet, wo aber die Heimat liegt, ist eine Frage, die sich jede Generation aufs Neue beantworten muss. Und die umso drängender wird, je mehr eine globalisierte Wirtschaft die Menschen in der Welt verstreut. An diesem Thema arbeitet sich Hansen in gelungener Weise ab. Sie konzentriert sich ganz auf das verfallene Bauernhaus. Es bietet niemandem eine Heimat, sondern immer nur die zeitlich begrenzte Möglichkeit, heimisch zu werden. Über der Eingangstür steht die Inschrift: „Dit Huus is mien und doch nich mien, de no mi kummt, nennt’t ook noch sien.“ Vera fühlt sich darin wie „eine Flechte“: Sie existiert, kann aber keine Wurzeln schlagen. Nachts schleichen die Geister der Kriegsopfer durch die Diele. Erst wenn die Schatten vor dem Sonnenlicht weichen, findet Vera Schlaf.

          Diese Ruhelosigkeit spiegelt sich im Lebenslauf der Autorin: Hansen wuchs in einem Dorf in Nordfriesland auf. Zum Studium ging sie in die Großstadt, nach Hamburg. Dort arbeitete sie einige Jahre beim NDR, bevor sie zurück aufs Land flüchtete – ins „Alte Land“ ihres Romans. „Wir sind nicht mehr irgendwo geboren und bleiben da, so wie unsere Eltern oder Großeltern“, hat Hansen einmal in einem Interview gesagt, „sondern wir haben diese große Freiheit: geh doch, wohin du willst. Das ist auch nicht immer einfach zu beantworten.“ Um irgendwo anzukommen, brauche es Generationen. Sie zum Beispiel werde niemals Altländerin sein. Vielleicht also sei Heimatlosigkeit ihr Lebensthema.

          Mehr als ein Heimatroman?

          Leider will „Altes Land“ aber noch mehr sein als ein Heimatroman. Das Buch ist bevölkert von zahlreichen Typen und Urgesteinen aus der Marsch. Da ist Dirk zum Felde, ein wortkarger Bauer, der für sein Leben gern Trecker fährt und sich entscheiden muss, ob er weiter Landwirt bleiben oder seinen Hof zur Ferienpension umgestalten will. Da ist Veras Nachbar, Heinrich Lührs, der mit einem in Stein gemeißelten Gesicht am Gartenzaun lehnt und missmutig beobachtet, wie ihr Hof verlottert, dessen Herz Vera aber längst weichgeklopft hat. Und da ist Burkhard Weißwerth, die Karikatur eines Journalisten, der auf dem Land die kleinen Leute und großen Geschichten sucht. Weißwerth träumt davon, eine Zeitschrift mit dem Titel „Land&Lecker“ zu gründen, ein „Magazin für die, die genug hatten, downshifters wie ihn, die kapiert hatten, dass weniger mehr war, die den ganzen Ballast loswerden wollten“. Eine klare Spitze gegen „Landlust“ und den derzeit grassierenden Naturhype.

          Allerdings bedient Hansen mit ihrem Roman genau diese Landlust selbst. Das dürfte der zweite Grund sein, warum „Altes Land“ sowohl bei einem literarisch interessierten Publikum wie bei Lesern auf der Suche nach Unterhaltung gut ankommt. Mit Hilfe ihrer Personen konstruiert Hansen einen Gegensatz: Dem neurotischen Leben in der Stadt steht das heilsam ursprüngliche Landleben gegenüber, das Kindern und Männern ermöglicht, im Dreck zu wühlen, und Frauen, majestätisch über den Deich zu reiten. Feindbilder sind jene Großstadtmütter, die ihre Kinderwagen schieben „wie Kofferkulis, als wären sie Reisende auf einem Flughafen, die dringend ihre Gates erreichen mussten, um nicht die Anschlusszüge zu verpassen“. Oder Journalisten wie Weißwerth, die das Land für ein großes Freiluftmuseum halten, wo man liebenswürdige, wenngleich tendenziell etwas minderbemittelte Menschen bei der Arbeit beobachten kann.

          Insgesamt ist „Altes Land“ das Werk einer Journalistin, die ihr Handwerk versteht. Den Zwang zum Hype beschreibt Hansen mit bissigen, präzisen Worten. Nur stellt sie ihm ein allzu rührseliges Bild vom Land gegenüber. Endlich bekommt Annes Sohn Leon die Möglichkeit, draußen zu spielen, und sein Kaninchen die Chance, andere Kaninchen kennenzulernen. Endlich darf Anne durch die Obstbäume lustwandeln und das alte Bauernhaus mit Hammer und Nägeln auf Vordermann bringen, wie es Hochglanzmagazine in Fotostrecken zeigen. Endlich lebt sie ein Leben ohne großstädtischen Firlefanz, dafür mit Matsch und frischer Luft. Das ist aber mindestens genau so spießig wie die Lebensentwürfe, die Dörte Hansen kritisiert. Den Verkaufserfolg von „Altes Land“ wird das wohl nicht schmälern. Eher im Gegenteil.

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