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Roberto Zapperis „Eine italienische Kindheit“ : Ohne den Krieg wäre ich ein völlig anderer Mensch geworden

  • -Aktualisiert am

Bild: Verlag

In seinem neuesten Buch setzt sich Roberto Zapperi seine eigene Kindheit unterm italienischen Faschismus zusammen. Diesmal ganz ohne historische Spurensuche.

          5 Min.

          Dieses Buch ist eine vertrackte, aber dadurch umso schönere Liebeserklärung an die deutsche Kultur. Verfasst hat es einer, der als kleiner Junge deutsche Soldaten erst als Alliierte bewunderte, dann als Besatzer seines Landes erlebte. Nach dem Zweiten Weltkrieg hat Roberto Zapperi dann nach und nach erfahren, dass er als Zeuge beim Tiefpunkt der Geschichte deutscher Tradition dabei war: Massenmord, Angriffskrieg, Herrenmenschentum.

          Roberto Zapperi, heute bald achtzig Jahre alt, haben die deutsche Sprache und die so geschändete Überlieferung deutschen Geisteslebens dennoch immer weiter gefesselt - so sehr, dass er einige der erhellendsten Studien der vergangenen Jahrzehnte über Goethe schreiben konnte, dass er eine Deutsche heiratete, dass er gemeinsam mit ihr Klassiker der Geschichtsschreibung aus dem Deutschen übersetzte und - nebenbei - zu einem langjährigen fruchtbaren Mitarbeiter dieser Zeitung wurde.

          Mit Genickschuss ermordet

          „Eine italienische Kindheit“ hat Zapperi ausnahmsweise einmal nicht als historische Spurensuche geschrieben - wie seine neueste Mona-Lisa-Deutung oder seinen volkskundlichen Rundumblick vom „Schwangeren Mann“. Hier spricht nicht der Wissenschaftler, was bei Zapperi anders als bei vielen Kollegen gleichwohl immer auch heißt: der begnadete Erzähler. Hier aber setzt er sich selbst aus Erinnerungsfetzen, Familientraditionen und wenigen Zusatzquellen das eigene Heranwachsen unterm italienischen Faschismus zusammen.

          Mit gutem Blick hat der Verlag eines der Ikonenbilder aus den Filmen des glorreichen Neorealismo zum Titelbild gewählt: den kleinen Jungen, der an der Hand seines Vaters durchs hungernde Nachkriegs-Rom streift, auf der Suche nach den Dieben ihres Fahrrades. Statt der Akteure Vittorio De Sicas könnte es sich auch um den kleinen Roberto handeln, der mit seinem Vater bei der Engelsbrücke von einem deutschen Militärlaster steigt, mit dem der Vater - Handelsmann auch im Krieg - Esswaren aus Florenz ins belagerte Rom schaffen konnte. Zapperi erzählt sehr anschaulich, - um nicht zu sagen: neorealistisch - wie es auf den Straßen der „offenen Stadt“ Rom 1943/45 zuging, wie die Wehrmacht bei Razzien Hunderte Passanten aufgriff, um sie als Zwangsarbeiter zu rekrutieren. Oder wie sie Geiseln festnimmt, um sie zur Vergeltung von Partisanenangriffen feige in Steinbrüchen vor den Toren der Stadt mit Genickschuss zu ermorden.

          Als er dies, wenn überhaupt, am Rande mitbekommt, hat der kleine Roberto bereits eine zeittypische Odyssee aus dem heimatlichen Sizilien in die Gegend von Lucca und von dort in die Hauptstadt hinter sich, immer auf der Suche nach Auskommen, Sicherheit, Fortgang, allzeit dem quirligen Vater und der widerstrebenden Mutter hinterher.

          Das Catania seiner Kindheit, in das er nach dem Krieg nurmehr ganz kurz zurückkehren sollte, schildert Zapperi mit distanziertem Respekt für die archaischen Familientraditionen, für die „weiße Magie“ der Großmutter, die als Wirtsfrau noch fest verankert war im Schadens- und Liebeszauber der Ruralwelt. Auf der anderen Seite macht der Autor aus seiner Verachtung für die Rückständigkeit der Feudalgesellschaft des Mezzogiorno kein Hehl, bestärkt durch seine Erkenntnisse als Historiker, kann er - anders als von ihm geringgeschätzte Autoren wie Tommasi di Lampedusa - keinen Wert in der „abgestandenen Ideologie“ einer vormodernen und abgeschotteten „Sicilianità“ erkennen.

          Die Flucht als Weg ins Gelehrtenleben

          Gerade die erstickende Präsenz eines bigotten und lebensfeindlichen Katholizismus, die strenge hierarchische Gliederung der Gesellschaft, die Sexualfeindlichkeit der getrennten Männer- und Frauenwelten hatten ja den kleinen Roberto eher unbewusst jene deutschen Soldaten bewundern lassen, die mit technischem Gerät, Effizienz und Benimm als Alliierte in Catania Telefonleitungen verlegten und Flugplätze vorbereiteten. Dass diese Germanen, die von den Sizilianern zumeist als Boten einer fortschrittlichen Zivilisation empfunden wurden, später mit derselben grimmigen Effizienz zu Massenmördern und Ausradierern ganzer Städte werden sollten, konnte und mochte der kleine Junge noch nicht sehen.

          Überdeutlich wird auch, dass damals bei vielen Italienern Mussolinis operettenhafter und großmäuliger Faschismus niemals dieselbe Prägungskraft entwickelte wie die Hitlerei: Die italienische Diktatur, deren einzige erfreuliche Eigenschaft in einer gewissen Ineffizienz bestand und deren Kolonialabenteuer schon vor dem Zweiten Weltkrieg unrühmlich endeten, strafte bereits der kleine Roberto mit Verachtung.

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