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„Risiko“, ein Vorabdruck (2) : Wir sind alle blöd wie Einstein

  • -Aktualisiert am

Auch die klügsten Köpfe lassen sich gelegentlich austricksen. Max Wertheimer führte Albert Einstein mit einer Knobelei hinters Licht. Bild: AP

Wir leben in einer Gesellschaft, die das Risiko scheut. Doch das verhindert Innovation. Ein Plädoyer für eine Kultur, in der man sich zu seinen Fehlern bekennen darf, um aus ihnen zu lernen.

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          Die Risikoscheu ist eng mit der Angst vor Fehlern verknüpft. Wenn Sie im mittleren Management eines Unternehmens beschäftigt sind, kreist ihr Leben vermutlich um die Angst, etwas falsch zu machen und dafür gerügt zu werden. Ein solches Klima ist nicht innovationsfreundlich, denn Originalität setzt voraus, dass man auf dem Weg dorthin Risiken eingeht und Fehler macht. Keine Risiken, keine Fehler, keine Innovation!

          Risikoscheu wird schon in der Schule gefördert, wo man den Kindern abgewöhnt, eigene Lösungen für mathematische Probleme zu finden und dabei möglicherweise Fehler zu machen. Stattdessen teilt man ihnen die Antwort mit und überprüft, ob sie sich die Formel einprägen und sie anwenden können. Es geht nur darum, dass sie für den Test lernen und möglichst wenige Fehler machen. So zieht man keine großen Denker heran.

          Ich verwende den Begriff „Fehlerkultur“ für eine Kultur, in der man sich offen zu Fehlern bekennen kann, um aus ihnen zu lernen und sie in Zukunft zu vermeiden. Beispielsweise ist einer der großen Vorzüge der amerikanischen Kultur ihr Hang zu „Versuch und Irrtum“, mit geringer Scheu vor dem Misslingen. Zur Beruhigung von Lesern mit ausgeprägter Angst vor Fehlern folgt hier eine Geschichte, die zeigt, dass sich auch die klügsten Köpfe austricksen lassen.

          Albert Einstein (1879-1955) und Max Wertheimer (1880-1943) waren eng befreundet seit ihrer gemeinsamen Zeit in Berlin, wo Einstein Direktor am Kaiser-Wilhelm-Institut für Physik, dem späteren Max-Planck-Institut für Physik, und Wertheimer einer der Begründer der Gestaltpsychologie war. Beide flohen Anfang der 30er Jahre vor den Nazis und gingen ins amerikanische Exil, Einstein nach Princeton und Wertheimer nach New York. Sie pflegten ihre Freundschaft durch einen Briefwechsel, in dem Wertheimer seinen Freund mit kleinen Denksportaufgaben unterhielt.

          Wertheimer nutzte seine Kenntnisse über Denkgesetze, als er versuchte, Einstein mit der folgenden Knobelei hinters Licht zu führen: „Ein altes klappriges Auto soll einen Weg von 2 Meilen fahren, einen Hügel hinauf und hinunter. Die erste Meile - den Anstieg - kann’s, weil’s so alt ist, nicht rascher fahren als mit der Durchschnittsgeschwindigkeit von 15 Meilen pro Stunde. Frage: Wie rasch muss es die zweite Meile laufen - beim Herunterfahren kann’s natürlich rascher vorwärtskommen -, um eine Gesamtgeschwindigkeit (für den Gesamtweg) von 30 Meilen pro Stunde zu erzielen?“

          Wertheimers Aufgabe legt den Gedanken nahe, dass die Antwort 45 oder 60 Meilen pro Stunde sei. Aber es existiert keine derartige Antwort. Selbst wenn die alte Klapperkiste wie eine Rakete den Berg hinunterschießen wurde, käme sie nicht auf eine Durchschnittsgeschwindigkeit von 30 Meilen pro Stunde. Wenn Sie es nicht sofort herausgefunden haben, lassen Sie sich keine grauen Haare wachsen: Einstein schaffte es auch nicht. Er gestand, dass er seinem Freund bei dieser Knobelaufgabe auf den Leim gegangen war: „Erst durch Rechnung merkte ich, dass für den Herunterweg keine Zeit mehr verfügbar bleibt! Solche Witzchen zeigen einem, wie blöd man ist!“

          Gestaltpsychologen lösen Probleme, indem sie die Frage so lange umformulieren, bis die Antwort klar wird. Und das geht so: Wie lange braucht das alte Auto, um oben auf dem Hügel anzukommen? Die Straße nach oben ist eine Meile lang. Der Wagen fährt mit 15 Meilen pro Stunde, also braucht er vier Minuten (1 Stunde geteilt durch 15), um die Spitze zu erreichen. Wie lange braucht der Wagen den Hügel rauf und runter mit einer Durchschnittsgeschwindigkeit von 30 Meilen pro Stunde? Die Straße rauf und runter ist zwei Meilen lang. Dreißig Meilen pro Stunde entspricht zwei Meilen in vier Minuten. Folglich musste das Auto die ganze Strecke in vier Minuten zurücklegen. Doch diese vier Minuten sind bereits für den Weg den Hügel hinauf aufgebraucht.

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