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Riem Spielhaus „Wer ist hier Muslim?“ : Gehen Sie eigentlich öfter in die Moschee?

Bild: Verlag

Was es heißt, dass der Islam zu Deutschland gehört und ein Muslim zu sein: Riem Spielhaus zeigt, wie das fatale Bedürfnis nach Bestimmungen des Muslimseins Platz greift.

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          Eine derartige Entrüstung hatte noch kein Satz eines Bundespräsidenten provoziert. Als Christian Wulff sich im vergangenen Jahr am Tag der Deutschen Einheit ans Rednerpult stellte und sagte, dass der Islam inzwischen zu Deutschland gehöre, da jubelten nur die muslimischen Verbände. Wochenlang wurden Wulffs Worte auseinandergenommen, erklärt, eingeordnet, relativiert. Dabei hatte der Bundespräsident nur das gemacht, was in Deutschland schon lange geschieht: Im Zusammenhang von gesellschaftlichen Konflikten von Religion zu sprechen, obwohl die Ursachen nicht so einfach reduzierbar sind. Auch wenn man sich das manchmal wünschte.

          Karen Krüger

          Redakteurin im Feuilleton der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung in Berlin.

          In Deutschland gibt es derzeit so viele praktizierende Muslime wie nie - das jedenfalls ist der Eindruck, den das Tagesgeschehen vermittelt. Egal, ob es um integrationsunwillige Jugendliche, Zwangsheirat oder Bilderbuchkarrieren mit Migrationshintergrund geht: Früher oder später fällt das Wort Muslime. Deutschland ist sich auf einmal eines islamischen Lebens bewusst. Der Interpretationsrahmen jedoch ist einseitig: Eine Biographie ist problematisch, weil jemand muslimisch ist. Und wenn sie nicht problematisch ist, dann ist die Analyseklammer ein mit Ausrufezeichen versehenes obwohl.

          Don’t panic, I’m islamic

          Früher war der schon fast sprichwörtlich gewordene türkische Gemüsehändler nur der türkische Gemüsehändler und niemand fragte, wie oft man ihn in der Moschee antrifft - heute kann das durchaus passieren. Noch stärker aber gewandelt hat sich die Brille, durch die muslimische Personen des öffentlichen Lebens wahrgenommen werden: Cem Özdemir zum Beispiel wurde früher vor allem als türkischstämmiger Politiker porträtiert; Hilal Sezgin als angesehene Publizistin, die über alles und jeden schrieb; Navid Kermani als aufstrebender Schriftsteller und Ipek Ipekcioglu als Star der orientalischen Clubszene Berlins. Ihre Berufe haben sie alle immer noch.

          Doch heute sind sie vor allem eins: Muslime. Özdemir wird regelmäßig zu Fernsehdiskussionen über Moscheenbau eingeladen. Hilal Sezgin hat sich mit Thesen zum liberalen Islam einen Namen gemacht, ganz ähnlich Navid Kermani. Und Ipek Ipekcioglu fällt durch Auftritte auf, die ihre Homosexualität, aber auch ihr Muslimsein betonen. Auf dem T-Shirt, das sie dann gern trägt, steht: „Don’t panic, I’m islamic.“

          Wie wurden all diese Personen des öffentlichen Lebens, aber auch andere Migranten und Nachkommen von Migranten plötzlich zu Muslimen, auch wenn Spiritualität keine tragende Rolle für sie spielt? Wie konnte Religion zu einem derart wichtigen Unterscheidungskriterium werden, fragt die Islamwissenschaftlerin Riem Spielhaus. Anders als von medialen Schreihälsen mitunter behauptet, sieht sie die Gründe hierfür nicht in dem Aufbrechen einer tiefsitzenden Prägung. Genauso widerlegt ihre Analyse Deutungen, in denen das Motiv der Profilierungssucht mitschwingt. Ihr zufolge sind Muslime nicht einfach Muslime, sondern werden auch zu solchen gemacht. „Es ist das Ringen um die eigene Deutungsmacht darüber, was es heißt, Muslim zu sein. Es ist das Bedürfnis, die Definition dessen weder extremistischen Gewalttätern noch deutschen Medien zu überlassen“, schreibt sie in ihrem Buch.

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