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Richtig studieren : Der Universitäts-Knigge

  • -Aktualisiert am
          3 Min.

          David Lodge lässt in seinem Campusroman „Ortswechsel“ mehrere Professoren an einer amerikanischen Universität ein fröhlich-bösartiges Partyspiel namens „Demütigung“ ausprobieren. Jeder muss eine literarische Bildungslücke offenbaren. Je mehr der Anwesenden das genannte Buch kennen, je peinlicher also die versäumte Lektüre ist, desto mehr Punkte erhält der Betreffende. Bis schließlich einer der Mitspieler, ein Anglist, zugibt oder behauptet, den „Hamlet“ nie gelesen zu haben. Ein Faux pas sondergleichen - so ernst durfte man das Spiel dann doch nicht nehmen. Die Karriere des Mannes findet an diesem Abend ihr Ende, ihn wird keiner mehr ernst nehmen.

          Die Universität ist vermintes Terrain, um zu überleben, muss man die ungeschriebenen Regeln und Codes kennen. Auch, um sie zu brechen oder zu umgehen. Basiswissen ist aber in jedem Fall hilfreich, nicht nur im Hörsaal.

          Uni-Alltag

          Die Schule ist aus - nun wird alles anders. Zum Beispiel gibt es keine „Streber“ mehr: nur noch kluge und dumme Studenten, faule und fleißige, coole und uncoole (wobei „Weltfremdheit“ zum Startkapital in eine wissenschaftliche Karriere gehört). Die Erstereihesitzer und Nachdervorlesungfragesteller nennt man anders. Schleimer zum Beispiel. Leider entgeht man denen nirgends, schon gar nicht in Vorlesungen. Diese sind, rein fachlich gesehen, meist Zeitverschwendung (es sei denn, es handelt sich um erfolgreiche „Riesenburger“) - mit dem Buch des Professors ist man besser bedient: immerhin stockt, nuschelt und haspelt es nicht.

          Aber erstens ist der Mitschrieb ja der Schnuller des Studenten, und zweitens darf man die soziale Bedeutung nicht unterschätzen: Man trifft sich im Hörsaal, hier wird der weitere Tag geplant, oder besser: das Überdauern bis zum Abend. In der Mensa zum Beispiel, in der man „auf einem schäbigen Plastiktablett die verdiente Quittung für sein nutzloses Dasein serviert bekommt: eine übel riechende Ansammlung grellfarbiger Häufchen“. Schlimmer noch ist alles zentimeterdick Panierte: Es gibt immer einen Grund, wenn Fleisch oder Fisch versteckt wird. Zu besprechen gibt es viel, auch zu lästern, zum Beispiel über die Seniorenstudenten, auch Zeitzeugen genannt, weil sie meist in den historischen Vorlesungen die ersten vier Reihen blockieren und bei jeder Gelegenheit, selbst zu den napoleonischen Kriegen, ihre eigenen Erlebnisse als Co-Referat vortragen.

          Uni-Karriere

          Dornig, unwägbar. Am besten sollte man unabhängig sein, zumindest von der Alma Mater im Wortsinn, also Erbe, komfortabel verheiratet oder radikal bedürfnislos. Dann gilt es, sich einen Professor zu suchen, der nicht zu alt ist („Silberrücken“), um eine Förderung über viele Jahre zu garantieren. Er oder sie sollte ein zukunftsträchtiges Fachgebiet samt modischer Orientierung (irgendwas mit Gender und dazu interdisziplinär) vertreten und selbst aus einer angesehenen und netzwerkmächtigen Schule stammen. Kluge Wortmeldungen (ein Grundprinzip der Universität: es muss geredet werden), ein ambitioniertes Referat oder auch hemmungsloses Speichellecken - je nach professoraler Vorliebe - sorgen für ein Heraustreten aus der grauen Studentenmasse. Eine „HiWi-Stelle“ ist meist der Einstieg: Viele Erniedrigungen und Handlangerdienste, aber Tuchfühlung zum gelobten Land (Ordinarius).

          Nach viel Arbeit, befristeten, dürftig bezahlten „Wiss-Mit.-Stellen“ (Summen sind nachzulesen unter „Kohle“) folgt irgendwann die ersehnte Lebenszeitstellung, die Ankunft im „Zitierkartell“ - oder der Taxischein. Kinder sind zu vermeiden, karrierehemmend, gerade in der Wissenschaft. Ähnlich wie alles andere, das beim Kampf ums „publish or perish“ abhält: „Jeder Tag Urlaub ist ein Tag für die Konkurrenz“.

          Dont's - was man vermeiden sollte

          Wer Sprechstunden meidet, keine Lust auf langes Warten samt Liste hat (nur die Gunst der (rechts) Sekretärin, der wahren Herrscherin des „Campus“, kann hier etwas ausrichten), wendet sich elektronisch an den Professor. Wobei zu bedenken ist: Weder allzu lockere Anredeformen („Hi“, „Hallo, Frau Professor“, „Mahlzeit“) noch exzessives Ausstellen der Unbekümmertheit um Rechtschreibung werden gern gesehen. Vorsicht vor vermeintlich lockeren Dozenten: oft rächt sich erst spät, hilfsweise in der mündlichen Prüfung, dass man meinte, sie nähmen diese Dinge nicht wichtig.

          Wer es sich mit seinen Kommilitonen verscherzen will, muss den touristischen Handtuchwettkampf um die besten Plätze am Hotelpool nur auf die Mensa übertragen: Tischreservierungen werden hier nicht entgegengenommen, auch nicht mit Jacke und Collegetasche. Bei allen ernsthaft Studierenden und Examenskandidaten macht sich beliebt, wer Telefonate und Debatten über „Germany's next Top-Model“ in der Bibliothek anberaumt. Wichtig ist der Dresscode an der Universität, der nicht aus Ge-, sondern aus Verboten besteht. Bei Männern heißt der Grundsatz: Hauptsache nicht zu schick, kein Oberhemd etwa in einem germanistischen Seminar, schon gar nicht gebügelt. Bei Frauen ist es komplizierter: Aufhübschen ist erlaubt, aber in den Grenzen des jeweiligen Faches: keine Perlenkette unter Philosophen, und ein Hosenanzug könnte grundsätzlich als Zeichen von Dominanzstreben interpretiert werden („Queenbee“).

          Campus und Erotik

          „Studenten“, verspricht der „Campus-Knigge“, „haben mehr Sex als andere Menschen“ . Man darf sich aber die deutschen Unis nicht vorstellen wie die Welt in amerikanischen Campusromanen: Hier geht es meist subtiler zu als bei Tom Wolfe. Wer sichergehen will, dass er nicht durch weibliche Lockstoffe vom ernsthaften Studium abgehalten wird, sollte eine Hochschule wie Clausthal-Zellerfeld in Erwägung ziehen: dort gibt es keine Frauen, außer an der Aldi-Kasse. Eine Alternative ist der Eintritt in eine Verbindung , möglichst schlagend. Männerfreie Zone ist das Grundschullehramt. Für alles andere gilt: selber rausfinden.

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