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Pulitzerpreis für Fiktion : Wie man sich durch die Schönheit der Wälder radikalisiert

  • -Aktualisiert am

Sogar die Proteste des „Redwood Summer“ 1990 werden im Roman aufgegriffen. Bild: dpa

In seinem Roman „Die Wurzeln des Lebens“ beschreibt der Amerikaner Richard Powers, wie aus friedlichen Bürgern Öko-Terroristen werden. Jetzt hat er damit den Pulitzer-Preis für Literatur gewonnen.

          Der Schriftsteller Richard Powers schildert Charaktere, die sich der Ordnung der Dinge nicht länger fügen und unverhofft zu „Gefährdern“ werden. In seinem letzten Roman „Orfeo“ geriet ein Avantgarde-Musiker, der sich aus kompositorischen Gründen für Gensequenzen interessiert und in seiner Küche ein kleines Labor für biologische Experimente einrichtet, in den Verdacht, ein Biobombenbauer zu sein. In Powers’ neuem Roman nun, seinem bisher erfolgreichsten in den Vereinigten Staaten, werden aus friedlichen Bürgern, die sich das nie hätten träumen lassen, Öko-Terroristen.

          Zum Beispiel Nick Hoel, der Nachfahre norwegischer Einwanderer. Sein Großvater hat eine Kastanie gepflanzt, deren Wachstum alljährlich in Fotos festgehalten wurde, die Nick geerbt hat – ein grandioses Daumenkino. In den östlichen Laubwäldern Nordamerikas war die Kastanie einst die vorherrschende Baumart, bis ein von Menschen eingeschleppter Pilz Milliarden Bäume vernichtete. Die mächtige Kastanie auf der Farm der Hoels aber überlebte, weil sie zu weit von ihren Artgenossen entfernt stand, um von der Krankheit hingerafft zu werden.

          Die ersten zweihundert Seiten dieses großangelegten Werks bilden unter dem Titel „Wurzeln“ eine Sammlung eigenständiger Novellen, die später im „Stamm“ zusammengeführt werden, vorerst aber zwanglos verbunden sind durch das Leitmotiv der Bäume.

          Richard Powers

          In jeder dieser Geschichten steht eine Figur im Mittelpunkt, in deren Leben es ein Schlüsselerlebnis mit Bäumen gibt, prägende, nicht immer angenehme Erfahrungen: Eine Frau prallt mit ihrem Auto gegen eine Linde, ein indischstämmiger Junge fällt von einer Steineiche und ist querschnittsgelähmt. Mit seinen eingeschränkten Möglichkeiten wird er zum Möglichkeitsmenschen in der virtuellen Welt: ein Programmierer von Computerspielen, deren Komplexität der Natur nachgebildet ist.

          Douglas, ein Pilot im Vietnam-Krieg, stürzt ab, landet mit seinem Fallschirm aber in einem lebensrettenden Feigenbaum. Er beschließt, im Gegenzug Bäume zu retten, zieht durch die Vereinigten Staaten und pflanzt Setzlinge. Sein Ärger ist groß, als er irgendwann erfährt, dass er mit seiner Mühe der Holzindustrie nur eine weitere Legitimation gibt, noch mehr Bäume zu fällen. Solche Wutmomente ereignen sich im Leben der meisten Figuren, und sie führen in den „Stamm“ und die „Krone“ des Romans. Dort verbinden sich die Geschichten zu einem Epos vom Widerstand gegen den Abholzungskapitalismus.

          Nur drei Prozent der nordamerikanischen Mammutbäume haben die menschliche Zivilisation bisher überlebt. Der Roman schildert in seinen faszinierendsten Passagen, wie Aktivisten einen gigantischen Mammutbaum besetzen; historischer Hintergrund sind die Proteste des „Redwood Summer“ 1990.

          Nick und seine Gefährtin Olivia leben ein ganzes Jahr in Hochhaushöhe auf einer im Wind schwankenden Plattform und erkunden die Biotope in der Baumkrone, etwa einen Teich mit Fischen in einer tiefen Ast-Mulde. Von dort oben müssen sie zusehen, wie monströse Maschinen den Wald ringsum verschlingen, Maschinen, die einen riesigen Baum packen und zerkleinern, als würde ein Küchengerät eine Möhre schnitzeln. „Neunhundert Jahre alte Bäume gehen in zwanzig Minuten zu Boden.“

          Schließlich werden die Besetzer mit einem Hubschrauber attackiert, dessen Rotorensturm sie zur Aufgabe zwingt. Spätestens hier beginnt man die den Roman antreibende Wut über die Vernichtung der alten Wälder zu teilen, die als Ökosysteme nicht durch junge Holzplantagen zu ersetzen sind.

          Powers bleibt allerdings Romancier genug, um Ambivalenzen zuzulassen. Er schickt den jungen Psychologen Adam zu den Baumbesetzern hinauf, dem es um die Erforschung der psychischen Strukturen des politischen Idealismus zu tun ist. „Identitätsbildung und Persönlichkeitsmerkmale bei Pflanzenrechtsaktivisten“ soll der Titel seiner Studie lauten. Adam hält die Öko-Aktivisten zunächst für „engstirnige Parolenschwinger“. Mit ihrem Erscheinungsbild kann er sich nicht anfreunden: „Sie beginnen mit einem Lied. Adam zwingt seinen Hass auf die selbstgerechte Singerei nieder. Die zottligen Naturliebhaber und ihre Plattitüden sind ihm peinlich.“

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