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Norwegische Literatur : Wenn ein Mädchen einfach verschwindet

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Gefrorener Wasserfall im norwegischen Drivdalen Bild: Picture-Alliance

Ein Lichtstrahl aus dem Norden: Bei Guggolz erscheinen die norwegischen Klassiker „Das Eis-Schloss“ von Tarjej Vesaas und „Ein Flüchtling kreuzt seine Spur“ von Aksel Sandemose in neuer Übersetzung.

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          Acht Zeilen nur, und man weiß durch die konzentrierten Sätze, dass dieser kleine Roman zu den schönsten Büchern gehören wird, die einem jemals auf den Tisch gelegt worden sind: „Eine junge, weiße Stirn, die durch die Dunkelheit drang. Ein elfjähriges Mädchen. Siss. Es war eigentlich erst Spätnachmittag, aber schon dunkel. Hartgefrorener Spätherbst. Sterne, aber kein Mond und kein Schnee, also auch kein Lichtschimmer – dichte Dunkelheit, trotz der Sterne. Zu beiden Seiten totenstiller Wald – mit allem, das zu dieser Zeit darin leben und frieren mochte.“

          Da ist kein Wort zu viel. Als „Das Eisschloss“ herauskam, war sein Autor allerdings alles andere als ein Debütant. Tarjej Vesaas hatte vierzig Jahre Erfahrung. Die Kette seiner Veröffentlichungen seit 1923 riss eigentlich nur während der Zeit der deutschen Besatzung Norwegens ab, in der er nichts herausbringen konnte. Seine wichtigsten Werke wie „Die Vögel“ schrieb er danach, wobei er auch Lyrik publizierte – dem vorliegenden Buch merkt man das auch an, ein winziges Kapitel ist sogar ganz in Gedichtform gehalten. „Traum von verschneiten Brücken“ heißt es: „Wir stehen da, der Schnee fällt dichter. Dein Mantelärmel wird weiß. Mein Mantelärmel wird weiß. Sie verbinden uns wie verschneite Brücken.“

          „Das Eis-Schloss“ erschien 1963: ein Roman über die Verbundenheit zweier elfjähriger Mädchen, in dem jedes Wort wie mit dem Diamentenschleifer eingepasst wurde und eine Spannung vorherrscht, die sich nicht auf einer der zweihundert Seiten verliert. Hinrich Schmidt-Henkel, der Übersetzer Fosses, Espedals und Askildsens, hat ihn noch einmal neu übersetzt. Der beste Mann für diesen Job.

          „Ich weiß nicht, ob ich mal in den Himmel komme“

          „Will dich treffen, Siss. Unterschrift: Unn.“ Das steht auf dem Zettel, den die elfjährige Siss auf ihrem Schulpult entdeckt, und der Erzähler fügt noch hinzu: „Ein Strahl von irgendwoher.“

          Tarjei Vesaas: „Das Eis-Schloss“. Roman. Aus dem Norwegischen von Hinrich Schmidt-Henkel. Guggolz Verlag, Berlin 2019. 199 S., geb., 22,– €.

          Die kleine Siss, ein Mädchen auf der Schwelle zur Frau, ist von der Aussicht auf eine Freundschaft mit der gleichaltrigen, gerade erst in den Ort gezogenen Unn wie verzaubert, und das nicht nur, weil Unn, die nach dem plötzlichen Tod ihrer Mutter zu einer Tante ziehen musste, durch ihren Schicksalsschlag „ein eigenes Licht“ zu besitzen scheint. Sie fühlt sich mit Unn auf eine nicht mehr ganz kindliche, aber eben auch noch nicht erwachsene Weise verbunden.

          Sie treffen sich, und Unn verriegelt die Tür. Sie wissen die „Einleitung zu der Freundschaft, die sie knüpfen wollten“ nicht so recht zu gestalten, blicken in einen Spiegel, ziehen sich aus und sofort wieder an. Und dann erwägt Unn, Siss ein Geheimnis erzählen zu wollen, sagt dazu aber nur: „Ich weiß nicht, ob ich mal in den Himmel komme.“ Siss, fürchterlich durcheinander, flieht durch den frostharten Winter nach Haus.

          Alles deutet darauf hin, dass dieser Nachhauseweg im Dunkeln nicht gutgehen wird. Aber es ist nicht Siss, die sich verläuft: Es ist Unn, die am nächsten Morgen, ebenfalls von der Begegnung verwirrt, einen heimlichen Ausflug auf die andere Seite des zugefrorenes, ständig krachende Geräusche von sich gebenden Sees zu machen beschließt. Dort soll es einen durch die Kälte erstarrten Wasserfall geben, der wie ein Schloss aussieht. Unn findet es und drückt sich durch eine Spalte hinein.

          Ein Buch über Trauer und Trauerbewältigung

          „Des Schlosses Wände waren gebildet von dem treibenden Schnee, und Fenster und Türen von den schneidenden Winden; es waren über hundert Säle darin, alle, wie sie der Schnee zusammenwehte; der größte erstreckte sich mehrere Meilen lang; das starke Nordlicht beleuchtete sie alle, und sie waren so groß, so leer, so eisig kalt und so glänzend!“ Diese Zeilen sind nicht von Vesaas und werden auch nicht zitiert, sie stammen aus Andersens Kunstmärchen „Die Schneekönigin“. Aber die Szenen, die Vesaas aus dem Inneren des zugefrorenen Wasserfalles beschreibt, wirken wie eine Reise dorthin. Oder auch eine Reminiszenz an das Abenteuer der Kinder im „Bergkristall“ von Adalbert Stifter.

          Vesaas schildert weder ein Märchen, noch geht das Abenteuer gut aus: Unn lässt sich vom Licht berauschen, das durch das Eis ins Innere fällt, von der vergänglichen Poesie, die noch unbeschreiblicher ist als das Wunder des Treffens mit Siss – und findet den Ausgang nicht mehr.

          Von diesem Moment an handelt der Roman nur noch von der Suche nach Unn. „Das Eis-Schloss“, eine Geschichte, die im Winter beginnt und mit dem Tauwetter schließt, wird zu einem Buch über Trauer und Trauerbewältigung, aber natürlich auch über die Adoleszenz, in der Siss sich befindet, und damit sind die Deutungsmöglichkeiten, wenn man denn deuten will, gewiss nicht erschöpft. Siss zieht sich, entsetzt über Unns Verschwinden und bald auch im Wissen von ihrem Tod, in sich zurück. Erst im Frühling vermag sie wieder „zurück zu den anderen“ Kindern zu gehen.

          Abrechnung mit dem kleinbürgerlichen Milieu eines Ortes

          Unter den Klassikern der skandinavischen Literatur gibt es noch etliche Bücher, die auf Entdeckung warten. Der Guggolz-Verlag, dem wir die Erinnerung an Vesaas verdanken, hat zum Beispiel noch den wütenden Roman „Ein Flüchtling kreuzt seine Spur“ von Aksel Sandemose im Programm – einem gebürtigen Dänen, der seine Heimat in Nord-Jylland recht früh verließ, Seemann wurde, Holzfäller in Neufundland, Schriftsteller in Kopenhagen – um bei Veröffentlichung des Romans 1933 in Norwegen zu leben, dem Heimatland seiner Mutter, und sogar auf Norwegisch zu schreiben.

          Jeder, der sich für das Skandinavien abseits des Hygge- und Lagom-Marketings interessiert, kennt einen Schnipsel dieses Autors: das „Janteloven“, das ungeschriebene Grundregeln des Zusammenlebens in nordischen Kleinstädten beschreibt. Aber die wenigsten kennen den beißend bösen Roman, in dem sie auf Papier gebracht wurden, diese ungehemmte Abrechnung Aksel Sandemoses mit dem kleinbürgerlichen Milieu eines Ortes, in dem jeder jeden beobachtet, jeder jeden zügelt und nichts suspekter ist als ein Intellektueller: „Man kann die Bevölkerung in Terroristen und Terrorisierte einteilen, aber das wäre ein wenig zu leichtfertig, denn Terror betrieben wir schließlich allesamt.“ Es ist die Angst, durch Abweichungen aufzufallen, die den fiktiven norddänischen Ort Jante zusammenhält.

          Aksel Sandemose: „Ein Flüchtling kreuzt seine Spur“. Roman. Aus dem Norwegischen von Gabriele Haefs. Guggolz Verlag, Berlin 2019.,608 S., geb., 28,– €.

          Das „Gesetz von Jante“ lautet nach Sandemose: „1. Du sollst nicht glauben, dass du etwas Besonderes bist. 2. Du sollst nicht glauben, dass du uns ebenbürtig bist. 3. Du sollst nicht glauben, dass du klüger bist als wir. 4. Du sollst dir nicht einbilden, dass du besser bist als wir. 5. Du sollst nicht glauben, dass du mehr weißt als wir. 6. Du sollst nicht glauben, dass du mehr wert bist als wir. 7. Du sollst nicht glauben, dass du zu etwas taugst. 8. Du sollst nicht über uns lachen. 9. Du sollst nicht glauben, dass sich irgendjemand um dich kümmert. 10. Du sollst nicht glauben, dass du uns etwas beibringen kannst.“

          Die Abscheu, mit der sich der Erzähler an Jante erinnert, hängt dabei auch mit einem spezifischen Erlebnis zusammen: Espen Arnakke versucht mit dem Verweis auf die unerträgliche Atmosphäre in Jante einen Mord zu rechtfertigen, den er, der eine ähnliche Biographie wie Sandemose hat, vor 17 Jahren als Holzfäller jenseits des Atlantiks beging.

          „Eine Bibel teuflicher Menschenkenntnis“

          Ein Sturm von einem Buch. Chronologisch ungeordnet blickt Arnakke auf sein bisheriges Leben und insbesondere seine Kindheit zurück. Er wütet gegen andere, wütet gegen sich selbst, eigentlich immer schreibt er mit kräftiger Feder. „Ich verfolge hier mehr als nur einen Faden, und das gleichzeitig, alles andere wäre unmöglich, denn das Leben ist kein Strich. Aber das weiß ich, dass der, der es wagt, sich einen rücksichtslosen Überblick über sein Leben zu verschaffen, am Ende alle Fäden in der Hand haben wird, und dann hat er sich selbst up to date gebracht.“ Von diesem Roman führt eine Linie zur schonungslosen Selbstanalyse von Karl Ove Knausgård. Wie der „Flüchtling“ im Norden überhaupt als literarischer Meilenstein gilt.

          Zu lesen war dieses Buch, das in seiner Bedeutung über das skandinavische Setting hinausreicht, weil es ein Jante auch andernorts gibt, bislang nur in einer Ausgabe von 1973. „Die Übersetzung ist nicht seriös“, hieß es damals in der Besprechung der „Zeit“. In einem Nachwort für die jetzige Ausgabe berichtet die Übersetzerin Gabriele Haefs von der Herausforderung, diesen „komplizierten und an Abgründen reichen“ Text in der Fassung von 1955 zu übertragen.

          Ein zweites Nachwort stammt von dem Sandemose-Biographen Espen Haavardsholm. Er zitiert unter anderem Rezensionen zum „Flüchtling“ von 1933: „Eine Bibel teuflicher Menschenkenntnis, eine Wildnis aus phänomenalem Erleben, aus Mystizismus, Selbstspaltung, Selbstverdoppelung.“ Die Erläuterungen sind für die Einordnung hilfreich. Nur mit Blick auf das Zitat muss man sagen: stark untertrieben.

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