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Norwegische Literatur : Wenn ein Mädchen einfach verschwindet

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Von diesem Moment an handelt der Roman nur noch von der Suche nach Unn. „Das Eis-Schloss“, eine Geschichte, die im Winter beginnt und mit dem Tauwetter schließt, wird zu einem Buch über Trauer und Trauerbewältigung, aber natürlich auch über die Adoleszenz, in der Siss sich befindet, und damit sind die Deutungsmöglichkeiten, wenn man denn deuten will, gewiss nicht erschöpft. Siss zieht sich, entsetzt über Unns Verschwinden und bald auch im Wissen von ihrem Tod, in sich zurück. Erst im Frühling vermag sie wieder „zurück zu den anderen“ Kindern zu gehen.

Abrechnung mit dem kleinbürgerlichen Milieu eines Ortes

Unter den Klassikern der skandinavischen Literatur gibt es noch etliche Bücher, die auf Entdeckung warten. Der Guggolz-Verlag, dem wir die Erinnerung an Vesaas verdanken, hat zum Beispiel noch den wütenden Roman „Ein Flüchtling kreuzt seine Spur“ von Aksel Sandemose im Programm – einem gebürtigen Dänen, der seine Heimat in Nord-Jylland recht früh verließ, Seemann wurde, Holzfäller in Neufundland, Schriftsteller in Kopenhagen – um bei Veröffentlichung des Romans 1933 in Norwegen zu leben, dem Heimatland seiner Mutter, und sogar auf Norwegisch zu schreiben.

Jeder, der sich für das Skandinavien abseits des Hygge- und Lagom-Marketings interessiert, kennt einen Schnipsel dieses Autors: das „Janteloven“, das ungeschriebene Grundregeln des Zusammenlebens in nordischen Kleinstädten beschreibt. Aber die wenigsten kennen den beißend bösen Roman, in dem sie auf Papier gebracht wurden, diese ungehemmte Abrechnung Aksel Sandemoses mit dem kleinbürgerlichen Milieu eines Ortes, in dem jeder jeden beobachtet, jeder jeden zügelt und nichts suspekter ist als ein Intellektueller: „Man kann die Bevölkerung in Terroristen und Terrorisierte einteilen, aber das wäre ein wenig zu leichtfertig, denn Terror betrieben wir schließlich allesamt.“ Es ist die Angst, durch Abweichungen aufzufallen, die den fiktiven norddänischen Ort Jante zusammenhält.

Aksel Sandemose: „Ein Flüchtling kreuzt seine Spur“. Roman. Aus dem Norwegischen von Gabriele Haefs. Guggolz Verlag, Berlin 2019.,608 S., geb., 28,– €.

Das „Gesetz von Jante“ lautet nach Sandemose: „1. Du sollst nicht glauben, dass du etwas Besonderes bist. 2. Du sollst nicht glauben, dass du uns ebenbürtig bist. 3. Du sollst nicht glauben, dass du klüger bist als wir. 4. Du sollst dir nicht einbilden, dass du besser bist als wir. 5. Du sollst nicht glauben, dass du mehr weißt als wir. 6. Du sollst nicht glauben, dass du mehr wert bist als wir. 7. Du sollst nicht glauben, dass du zu etwas taugst. 8. Du sollst nicht über uns lachen. 9. Du sollst nicht glauben, dass sich irgendjemand um dich kümmert. 10. Du sollst nicht glauben, dass du uns etwas beibringen kannst.“

Die Abscheu, mit der sich der Erzähler an Jante erinnert, hängt dabei auch mit einem spezifischen Erlebnis zusammen: Espen Arnakke versucht mit dem Verweis auf die unerträgliche Atmosphäre in Jante einen Mord zu rechtfertigen, den er, der eine ähnliche Biographie wie Sandemose hat, vor 17 Jahren als Holzfäller jenseits des Atlantiks beging.

„Eine Bibel teuflicher Menschenkenntnis“

Ein Sturm von einem Buch. Chronologisch ungeordnet blickt Arnakke auf sein bisheriges Leben und insbesondere seine Kindheit zurück. Er wütet gegen andere, wütet gegen sich selbst, eigentlich immer schreibt er mit kräftiger Feder. „Ich verfolge hier mehr als nur einen Faden, und das gleichzeitig, alles andere wäre unmöglich, denn das Leben ist kein Strich. Aber das weiß ich, dass der, der es wagt, sich einen rücksichtslosen Überblick über sein Leben zu verschaffen, am Ende alle Fäden in der Hand haben wird, und dann hat er sich selbst up to date gebracht.“ Von diesem Roman führt eine Linie zur schonungslosen Selbstanalyse von Karl Ove Knausgård. Wie der „Flüchtling“ im Norden überhaupt als literarischer Meilenstein gilt.

Zu lesen war dieses Buch, das in seiner Bedeutung über das skandinavische Setting hinausreicht, weil es ein Jante auch andernorts gibt, bislang nur in einer Ausgabe von 1973. „Die Übersetzung ist nicht seriös“, hieß es damals in der Besprechung der „Zeit“. In einem Nachwort für die jetzige Ausgabe berichtet die Übersetzerin Gabriele Haefs von der Herausforderung, diesen „komplizierten und an Abgründen reichen“ Text in der Fassung von 1955 zu übertragen.

Ein zweites Nachwort stammt von dem Sandemose-Biographen Espen Haavardsholm. Er zitiert unter anderem Rezensionen zum „Flüchtling“ von 1933: „Eine Bibel teuflicher Menschenkenntnis, eine Wildnis aus phänomenalem Erleben, aus Mystizismus, Selbstspaltung, Selbstverdoppelung.“ Die Erläuterungen sind für die Einordnung hilfreich. Nur mit Blick auf das Zitat muss man sagen: stark untertrieben.

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