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Archäogenetik : Schreiben Gene denn Geschichte?

Auf dem East Smithfield Cementary in London wurden viele Opfer des Schwarzen Todes begraben Bild: Museum of London

Zwei Historiker nehmen auf lehrreiche Weise Ansprüche der Archäogenetik ins Visier

          5 Min.

          Zwischen 1348 und 1350 wurden auf dem Londoner Friedhof East Smithfield Menschen bestattet, die an der Pest gestorben waren. Im Jahr 2011 war der Biochemiker Johannes Krause, damals Juniorprofessor an der Universität Tübingen, maßgeblich an zwei Forschungsarbeiten beteiligt, in denen es gelang, mittels DNA-Fragmenten aus den Zähnen der Londoner Pesttoten das Erbgut des Erregers zu rekonstruieren und zu zeigen, dass der „Schwarze Tod“ des Spätmittelalters sehr nahe mit dem heute als Erreger der Lungen- und Beulenpest bekannten Bakterium verwandt ist. Die Ergebnisse erregten damals großes Aufsehen, in Fachkreisen aber war Krause bereits ein Star. Drei Jahre später wurde er, erst 34 Jahre alt, zum Direktor am neugegründeten „Max-Planck-Institut für Menschheitsgeschichte“ in Jena berufen.

          Ulf von Rauchhaupt
          Verantwortlich für das Ressort „Wissenschaft“ der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung.

          Es ist schon der (deutsche) Name dieses Instituts, der Mischa Meier und Steffen Patzold erzürnt – auch wenn die beiden Tübinger Professoren ihre Emotionen nicht zuletzt durch glänzenden Stil wohl zu zügeln wissen. Die beiden fühlen sich, so formulieren sie es dann schon, herausgefordert. Patzold ist Fachmann für die Geschichte des Mittelalters und Meier Althistoriker mit Schwerpunkt auf der Spätantike, einer Epoche, in der Europa ebenfalls von Epidemien – vor allem der 541 ausgebrochenen Justinianischen Pest – heimgesucht wurde. Auch deren Erreger haben Genreste in ihren Opfern hinterlassen, aus denen Archäogenetiker durch naturwissenschaftliche Analysen Antworten auf historische Fragen zu finden hofften.

          Was lernt uns denn das Pestgenom?

          Patzold und Meier erklären nun anhand ausgewählter, aber prominenter Beispiele aus dem Bereich ihrer Expertise, inwieweit die so gestellte Aufgabe schlechterdings nicht erfüllt wurde und so auch gar nicht erfüllbar ist – aller medialen Aufmerksamkeit für die Archäogenetik zum Trotz. Besonders ungnädig urteilen sie über das populärwissenschaftliche Buch „Die Reise unserer Gene“, das Johannes Krause 2019 zusammen mit dem Journalisten Thomas Trappe veröffentlicht hat. Daraus zitieren sie Sätze, laut denen die Genetik „zu einem wesentlichen Element der Geschichtsschreibung“ werde und „der bisherige Erkenntnisgewinn schon unermesslich“ sei, um dann auszuführen, dass davon gar keine Rede sein kann, sofern damit geschichtswissenschaftliche Erkenntnisse über die Antike oder das Mittelalter gemeint sein sollten. Aber nicht nur dem populärwissenschaftlichen Erzeugnis sprechen Patzold und Meier ab, neues historisches Wissen anzubieten, sondern auch den in hochrangigen Journalen publizierten Fachveröffentlichungen der Archäogenetiker wie zum Beispiel den beiden zum Pesterreger-Genom aus East Smithfield. „Aus ihnen“, urteilen die beiden Autoren, „erfährt der Leser über die Geschichte der Großen Pest des vierzehnten Jahrhunderts so gut wie nichts.“

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